Bayreuth >> Berlin

Thomas Manegold - Der Schläfer in der Stadt (c) periplaneta 2014 - All rights reserved

Bayreuth ist mein „Babylon“… eine Stadt mit Seele, mit starker Anziehungskraft und zu gleichen Teilen zu bejubeln und zu verfluchen. Die Stadt, in der ich meinen Turm erbauen wollte und der wieder eingestürzt ist, weil er hier nicht hingehört. Jeder Mensch scheint so etwas zu haben. Der Ort, der fast schon personifiziert wird, den man mit Besitzansprüchen, wie „Mein XY“ adelt. Dann krallen sich die Orte fest. Der Turm, den man bauen wollte, stürzt nicht ein. Es hatte in nie gegeben. Man wurde nur Teil einer langsam, aber stetig wachsenden Jammerfraktion, die den Ort verflucht, an dem sie festklebt, und die ihn aber am Leben hält. Der Beitritt in jenen Club, in dem man sich die Beine abschraubt, ist wie die Einkehr in ein schönes Café mit schöner Aussicht.

Man schaut aus dem Fenster, das Leben zieht vorbei und man vergißt, daß dieses Kaff noch einen Ausgang hat. Man baut sich Ausreden und Ängste, um bleiben zu können. Man befindet sich in bekannter Gesellschaft, das Beziehungskarussell dreht sich seit Jahren im Kreis…
In 12 Jahren war mir die Wagnerstadt Wahlheimat und ist mir sehr vertraut geworden. Bayreuth ist der schönste Ort zum Wohnen, und der schlechteste, wenn es um Interaktionen geht. Kein Temperament, kein Experiment, keine Resonanz, die der Größe dieser Stadt angemessen ist. Dafür jedes Jahr die selben Highlights und nicht zuletzt die Bayreuther Festspiele. Aber man hat trotzdem viel erlebt in und mit seiner Stadt. Und eigentlich …

Auch ich habe darüber das Weggehen vergessen, ohne bleiben zu wollen. Dem Wurzeln schlagen sollte ein „Hier bin ich Mensch… hier darf ich sein“ vorangehen. Und beides war schon vor zwei Jahren eine Lüge. Bayreuth hat mich nie gewollt? Nein, ich habe mich nur geweigert, es so zu nehmen, wie es ist, habe gegen die Lethargie angeschrien, bis ich heiser war. Bayreuth hat mich gelehrt, niemals aufzugeben und es hat mich gelehrt, wie man aufgibt. Es hat mich lieben und schlußendlich hassen gelehrt, wie kein zweiter Ort. Und es hat mich gelehrt, wie man seinen Frieden macht, mit den eigenen Vergangenheiten und Schwächen und mit den Schwächen anderer, auch wenn diese schmerzlich waren. Nun, das ist eine ganze Menge für einen Ort, in dem nie etwas los ist und der, wenn Orte hassen könnten, nichts mehr verabscheut, wie Veränderung. Der Ort, das ist immer die Schnittmenge derer, die ihn bevölkern und hat nichts liebens- oder hassenwertes an sich, außer das, was man in ihm sehen will. Der Gehende nimmt sie mit, seine Sicht der Dinge. Und der Ort bleibt.

So gehe ich, nach Dramen und Komödien, meiner Wege. Ein bißchen Wehmut ist dabei, denn schlußendlich war nicht alles Spreu und nicht alles war „umsonst“. 12 Jahre sind eine lange und Zeit und sie war sehr intensiv, zuweilen schrecklich schön…. Die Zeichen stehen auf Abschied hier. In der Kneipe sehe ich nur noch Silouetten. Weit weg. Ich scheine durchsichtig zu sein. Freunde machen sich rar… gehen seit geraumer Zeit weg, sind schon da oder werden folgen, so wie ich schlußendlich auch dem Winken meines Schicksals folge, das mir fast alles nehmen mußte, um mich zu bewegen, meine Beine wieder anzuschrauben. Das Vorhaben ehrt, das Gehen adelt. Aber es ist kein Garant dafür, daß jenes Abnabeln gelingt. Doch, wer seinen Frieden findet, stirbt irgendwie. Deshalb bin ich froh, den meinen noch nicht gefunden zu haben, zumal ich in meiner neuen Heimat alles finden werde, nur eben nicht jenen trügerischen Frieden, der die Seele kostet.

Berlin, ich komme.

Thomas Manegold 2004

Advertisements

Autor: Thomas Manegold

Autor, Künstler, Mediengestalter, Periplanetaner

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s