Prävention

Thomas Manegold - Der Schläfer in der Stadt (c) periplaneta 2014 - All rights reserved

Es gibt den Antiatomkrieg, die Vorbeugehaft, das Gedankenverbrechen… Ende 2007 ist das  Alltag im Jargon deutscher Medien. Nicht nur bei der Kühlkette von Fleisch muß man seine Unschuld beweisen, wenn irgend jemand behauptet, er habe sich am Essen vergiftet, nein… auch wenn Sie dabei erwischt werden, wie sie eine Propangasflasche aus dem Auto laden, müssen Sie erstmal beweisen, dass sie sich nur eine Tasse Kaffee auf dem Propangasherd kochen wollten… Können sie das nicht, sperrt man Sie vorsorglich ein… dann folgt ein Spießrutenlauf durch die Medien… „Mutmaßlicher Muselmaniker beim Bombenbauen ertappt. Schäuble plädiert für Größenbeschränkung von Gasflaschen auf 0,2 l“

Jenes weichgeklopfte  „Im Zweifelsfall zu Gunsten des Angeklagten“ entpuppte sich nach 9/11 als eine Interimslösung zwischen Inquisition und globalem Überwachungsstaat. Jetzt geht es ans Eingemachte. Die Bürde des  Menschen ist unantastbar. Es sind  die Steine der Verantwortunglosigkeit im Säckel der Angst, fest verzurrt mit dem krummen Buckel. Ja, Vorbeugen ist schlecht für den Rücken…

Aus eben dieser Beugehaft wurde längst die Gebeugtenverwahrung. Deutschland mutiert zum größten Altersheim der Welt… Das mag sich nun wie ein Seitenhieb auf die Überalterung anhören, ist aber anders gemeint. Schließlich begründet sich die Einweisung ins Pflegeheim doch primär mit der schwindenden Zurechnungsfähigkeit oder mit dem Vollzug der Erbfolge vor dem Exitus durch Entmündigung. Dem Volk, das immer älter und dicker wird, fehlt zudem nicht nur der Mund, sondern auch der Rest des Antltzes. Es hat kein Gesicht, keine Meinung, keine Würde, keine Bildung. Es hat Krebs und Johannes B. Kerner.

Doch wir schweifen ab. Das Land mit den meisten Verkehrsschildern und Gesetzen ist meine Heimat und ich liebe sie. Sogar im Dezember. Es ist seine Kultur, seine diesbezüglichen Unsterblichkeiten, seine Dichter, Denker, sein Klima und sein Wohlstand, seine Sprache(n) und nicht zuletzt seine Wälder, die mich hier verweilen lassen. Und es ist die große Freiheit, alles tun und alles sagen zu dürfen.

Vielleicht haben wir dieses Privileg aber nur noch, weil die Mehrheit davon keinen Gebrauch macht, sich in die ewige Winterstarre versichert, und in den Verfolgungswahn treiben lässt. Vielleicht sollten wir dankbar sein, dass die Mehrheit schweigt, sich dickfrisst und zu Tode langeweilt, im Kollektiv auf Einheitsdroge den selben Stimmen aus dem Off lauscht, die zu Scham und Schande wegen der Vergangenheiten aufrufen und zugleich vor düsteren Zukünften warnen, wenn diese überhaupt noch stattfinden. Horrorszenarien ohne Altersfreigabe, auf die wir vorbereitet sein müssen… Genau darum dürfen die Sehenden auch weiterhin hochoffiziell dagegen sein. Gegen Scheuklappen, gegen Sprachverfall, gegen Dummheit und gegen Meinungsmache.  Gegen das Diktat, sich den Krebs herbeiuntersuchen zu lassen… gegen  den alles durchflutenden Glauben, Talkshows seien pädagogisch wertvoll oder gar informativ. „Hamses auch gesehen… die  Eva Hermann soll ja was mit Hitler gehabt haben…“

Sollen sie doch alle in ihrem Angstschweiß vor ihrem Fernseher dahinsiechen und sich mit immer leistungsfähigeren Mikroskopen immer neue Gefahren zeigen lassen, bis in der Geldbörse nichtmal mehr Feinstaub zu finden ist!  Die Akzeptanz von Prävention setzt genau jene Ängste voraus, die uns jetzt in einem Ganzkörperkondom ersticken lassen, über das wir noch vor 10 Jahren herzlich gelacht haben. Der Präventivschlag ist Alltag geworden. In den Allgemeinen Geschäftsbedingungen, auf Zigarettenschachteln und im Irak.  Aber neue Gesetze schützen keinen Endverbraucher, sondern steigern nur die Anwaltskosten. Neue Warnschilder schützen nicht vor Krebs. Und Krieg schafft keinen Frieden, weder der gegen die Raucher noch der gegen jene Völker, die zufällig auf den letzten Ölreserven dieses Planeten hocken.

Wer Gerechtigkeit will, muss aufhören auf sein Recht zu pochen. Wer Sicherheit haben will, muß aufhören zu zweifeln. Um den Krebs zu besiegen muß man aufhören- nicht nur mit dem Rauchen. Um Gewalt zu beenden, muß man aufhören, andere zu verhauen und aufhören, sich verhauen zu lassen. Man muß aufhören, sich Meinungen zu bilden, aufhören, andere wegen ihrer Meinungen zu diskriminieren. Und man muß auch aufhören, dagegen zu sein.

Darum ist diese Kolumne auch nur die Unzulänglichkeit eines Einzelnen und nicht die Meinung des Verlags. Wenn ich ehrlich bin, dann wäre diese Welt nämlich ohne jene Unzulänglichkeiten auch nur halb so schön. Motzen! Dagegen sein ist ein Zwang, eine Sucht, wie die nach Marsriegeln, dunklem Weißbier und heißen Küssen… Nicht zuletzt ist es deshalb auch so schwer, damit aufzuhören.

Ich bin also immer noch gegen den Frieden und gegen Fluctin. Ich glaube nicht an die Energiesparbirne und auch nicht an das Tempolimit. Nieder mit der Ganzkörperkondompflicht! Mit einer Unfallversicherung zuzüglich Spezialzusatzkonditionen für Beinprothesen ohne Selbstbeteiligung macht Tempo 200 auf der Autobahn überhaupt keinen Spaß mehr. Ich halte nichts von Stimmen gegen Armut und von vorlauten Demos gegen die Erhöhung der Bahncardpreise. Reden macht nicht satt und Abhängigkeiten beendet man nicht, wenn man sich darüber aufregt. Glauben Sie nicht die Mär vom Vorbeugen, das besser sein soll, als heilen. Vorbeugen macht krank.

Gegen den scheinheiligen Aktionismus und die Lügen der Mächtigen hilft eigentlich immer nur demütiges Schweigen, gegen die Bahnpreise tritt man am besten mit einem Fahrrad an und gegen die sich wie Schimmelpilz auf Fallobst vermehrende Kleingeisterei hilft eigentlich immer nur …  ein gutes Buch.

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Autor: Thomas Manegold

Autor, Künstler, Mediengestalter, Periplanetaner

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