20 Jahre Mauerfall

Thomas Manegold - Der Schläfer in der Stadt (c) periplaneta 2014 - All rights reserved
So much wind because of so a little change…

Die herrschende Klasse transformiert das schnöde Dominospiel ins Riesenland Gullivers. Bläst auch ohne Feuerwerk Millionen in die Luft, um sich selbst zu feiern, um Wind zu machen, um die eigenen Befindlichkeiten wieder anzufachen, um sich so laut wie möglich um die eigene Sicherheit zu sorgen bei dämlichen Zapfenstreich-Ritualen. Wären Frau Merkel und Herr Gorbatschow einfach so über die einst böse Brücke flaniert, auf der vor 20 Jahren der Damm als erstes brach, hätte es im Wedding und im Prenzlauer Berg keiner mitbekommen.

Da aber vorher die Bornholmer Straße lautstark abgesperrt wurde, konnte man doch einige Schaulustige rekrutieren, die allerdings nicht ausreichten, um die Budenstandgebühren durch durch den Konsum von Bier und Bratwurst zu amortisieren. Die vergessene, berühmte Straße in die Freiheit bekam keinen Besuch von feiernden Bürgern. Wahrscheinlich lags am Wetter.

Die Lieder von einer besseren Welt singen immer nur die Verlierer.

Bei uns im Periplaneta Kreativzentrum hatte sich das Team eines niederländischen Radiosenders eingefunden und eine Sendung zum Thema des Tages produziert. Wohl eine von den besseren. Augenzeugen wurden interviewt und Kaffee wurde getrunken. Und einer der Interviewgäste war ein Held meiner zweiten Jugend, Mark Reeder, ein umtriebiger Künstler, zwar in erster Linie als Hauptdarsteller in Buttgereits Nekromatik 2 bekannt, jedoch auch derjenige der damals das DIE VISION Album „Torture“ produzierte, auf dem auch „After The Sunset“ enthalten ist. Der Song, der 1989 auf diversen Tapes kursierte, geht mir heute noch durch Mark und Bein. Und er ist eine Hymne für all diejenigen, die keine Hymnen brauchen.

Die Lieder von einer besseren Welt sind immer traurig.

Somit war ich zwar irgendwie dabei, beim großen Fest, bin aber, keine 5 Minuten vom Tor zur Freiheit, vom Schwulst und von der Nostalgie weitestgehend verschont geblieben, vom pfeifenden Klaus Meine mit Orchester und von alternden Menschen jeden Alters, die sich gerührt daran erinnerten, dass sie damals… besoffen waren, Bananen kotzten, ein Kind zeugten oder nicht geschossen haben. Menschen inszenieren sich, erfinden sich neu, reden sich und anderen ihr Damals schön, messen mit zweierlei Maß, mindestens. Wählten Frau Merkel und verurteilen den Grenzbeamten, der mit seiner Kugel nicht wohin wusste… entweder in den Rücken des Mitbürgers oder in den eigenen Kopf… Und dann hatte die Senilität der Partei ihm die Entscheidung abgenommen. Das Reich des Sozialismus wurde als Absatzmarkt erkannt und erschlossen. Und wir entpuppten uns, zumindest in Sachen Geldumverteilung, als lernfähig und bestechbar.

Die Lieder von einer besseren Welt sind einem hinterher immer peinlich.

Vielleicht hätte man den Dominoeffekt nicht nur symbolisch inszenieren sollen, vielleicht hätte man 20 Jahre nachdem es passierte, mit dem changen anfangen sollen, Gemeinsamkeiten entdecken können. Denn eines vergessen die meisten:  Das, was sich änderte hat der Wind of Change verweht, das gibt’s nicht mehr. Die DDR ist eingemeindet, die einstigen Demonstranten integriert und abgefüllt. Ob das gut oder schlecht war, will ich gar nicht beurteilen. Muss jeder selbst wissen. Ich fands wirklich großartig, auch wenn ich aus dem Land, was es nicht mehr gibt, unehrenhaft entlassen wurde. Das, was damals sich nicht geändert hat, ist auch heute noch das selbe.

Deutschland, egal ob geteilt oder vereint, hat seit dem Wirtschaftswunder nach dem letzten Krieg viel geredet, viel umverteilt, viel vergeudet aber nichts gelernt und  schon gar nichts gechanged. Die Westgoten haben sich 68 freigevögelt und das Steinewerfen studiert und die Ostgoten das Konsumieren ab 89. Sonst  hat sich nichts geändert. Leider.

Deshalb interessierten sich die Leute jenseits der deutschen Grenzen ungleich mehr für dieses Ereignis, als die Betroffenen selbst. Deshalb schauten die Auslandskorrespondenten wirklich auf diese Stadt, die sich aber nicht aus ihrer geschäftigen Lethargie erhob, trotz des Medienrummels und der aufgeblasenen Egos in einer weiteren Selbstinszenierung, die doch im Endeffekt nur vom eigentlichen Versagen auf ganzer Linie ablenken soll. Schlussendlich hat man die DDR in Schutt und Asche gelegt und dabei viele Milliarden begraben. Gelder, die man denen vorrechnet, die nichts davon hatten, außer vielleicht Ampeln an Kreuzungen, die kein Auto überqueren will, leere Hallen von einstigen Unternehmen, die in dem Moment stillgelegt worden, als die Fördergelder alle waren… Nichts ist auch nach 20 Jahren davon zu hören, was eigentlich schief gelaufen ist in dieser langen Zeit. Warum das Ampelmännchen das einzig Erhaltenswerte gewesen sein soll, warum man die Kitas erst selbst erfinden musste, warum so viele damals nach dem Mauerabriss an der nächsten Dönerbude einfach stehen geblieben sind.

Die Lieder von einer besseren Welt klingen laut und dissonant.

Der Postpunk der sterbenden DDR war weniger ein Ventil, als doch eine Post-Identifikation mit dem Protest für ungleich mehr Menschen, als wirklich protestierten, eine Erinnerung an eine Zeit, die so nie stattgefunden hat. Der vermeintliche Protest war  einer  als minderbemittelt geltenden Minderheit vorbehalten, die man erfolgreich abschirmte. Es gab keinen Wind of Change, nur Freiheit oder Tod. Es gab die Opposition nicht, die sich heute brüstet, etwas bewegt zu haben,  es gab nur  Mitmarschieren oder Totalverweigerung. Letzteres haben wir nie gelernt. Die Outlaws der DDR fand man im Knast, als fahrendes Volk oder im Untergrund. Ich war keiner von ihnen und deshalb habe ich sie und ihr Elend auch sehr lange nicht mitbekommen. Und nur ein kleiner Teil dieser geballten Ladung an explosiver Verzweiflung rottete sich dann in den verlassenen Häusern zusammen und genoss dieses eine Jahr Anarchie zwischen Maueröffnung und Wiedervereinigung. Ihre Hoffnungen versanken im Drogenrausch und in der Bodenlosigkeit der Freiheit, in die jeder versinkt, der mit Autoritäten verbogen und kleingehalten wurde. Die Überreste dieses Aufbegehrens werden gerade wegsaniert. Und das ist auch gut so. Leider.

Keiner fragt uns, die damals eben noch nicht senil gewesenen Nichtmitläufer, denen ein Schauder über den Rücken lief, wie schnell aus den Bezirken Erfurt, Gera, Suhl wieder Thüringen wurde, wie schnell alle ihr Geld in den Sand setzten, wie schnell diejenigen, die mit den Wölfen heulten, plötzlich das Lied der Hyänen anstimmten. Seit 20 Jahren schauen sie nun offiziell Werbung und Tagesschau und ernten beim Protzen mit dem Geha- Füller und dem Taschenrechner nur ein müdes Gähnen.  Sonst hat sich nichts geändert. Die Mitläufer-Generation guckt sich die Exoten jetzt live im warmen Ausland an, sofern sie sich keine T-Aktien gekauft hat.

Die Lieder von einer besseren Welt verdampfen in der Wüste der Zufriedenheit.

Keiner gibt Kurse in Systemwandel, weder für die Betroffenen noch für die sich nicht betroffen Meinenden. Wer stellt sich vor, wie es ist, wenn die Mauer um einen herum bricht. Wenn Dinge, die einst richtig waren, plötzlich falsch sind, wenn Dinge, die man unter Lebensgefahr oder unter Repressalien anzweifelte, sich plötzlich in Luft auflösen. Wenn die eigene Wahrheit zerfällt und die Lüge, unter der man litt, nie stattgefunden haben soll. Die Mitläufer sind assimiliert und leben in einem partiellen Museum, in einem Zoo der Kuriositäten inmitten eines brachen Landes. Und die meisten Aussätzigen von damals haben nie so richtig heimgefunden.

Die Geprellten staunen auch noch nach 20 Jahren- wie Paradiesvögel, denen man den Käfig wegnahm und die nun inmitten einer Horde Spatzen auf den Treppen vor dem Restaurant gekochten Reis picken, den man ihnen hinschüttete, damit sie die Gäste in Ruhe lassen.

Und ich danke aufrichtig für den Reis und für das warme Wasser aus der Wand, für 200 Sachen auf der Autobahn, für orange Orangen und mein schnelles Macbook, für 10 Jahre freies Internet, vollmundigen Kaffee und Rotwein ohne Kopfweh, für fränkisches Bier und die vielen tollen Alben mit der Musik, die ich immer hören wollte. Ich danke dafür, dass ich Ägypten, die Staaten und halb Europa sehen durfte, im Stillen Ozean, im Atlantik, im Mittelmeer und in der Nordsee baden durfte. Ich danke für freedom of speech und dafür, dass ich darunter keine Handy Flatrate verstehe. Ich danke meinen einstigen Westverwandten für die Geduld, die sie aufbrachten. Ich danke denjenigen aufrichtig, die meinen Käfig öffneten. Geflogen bin ich aber selbst. Und ich singe immer noch sehr gerne.

Die Lieder von einer besseren Welt singt man aber allein.

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Autor: Thomas Manegold

Autor, Künstler, Mediengestalter, Periplanetaner

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