Leseproben

Morbus Dei- Auszüge aus dem Buch

Morbus Dei

Der Schrei hallte lange in meinem Kopf nach, dann war Ruhe. Bevor die Stimmen wieder zu flüstern begannen, breitete sich für einen Augenblick die Ewigkeit aus. Die Räder standen still und die Erde schien erstarrt zu sein. Irgendwer hatte irgendwo versucht, den Sonnenaufgang zu fotografieren und genau den Punkt am Auslöser gefunden. Die Amsel hatte sich gerade schön gemacht und tief Luft geholt. Die kleinen Lungen waren gespannt, wie das Universum am Ende der Ausdehnung.

Wendekreis des Unmöglichen. Das Ende der Ewigkeit, Umkehr, Einkehr, Heimkehr. Doch der Weg zum Punkt Null dauert länger als ein kleiner Vogel die Luft anhalten kann, ja er dauert länger als nur dieses eine Leben, verschlingt mehr Zeit, als das Licht auf seiner Reise durch die Gezeiten des Nichts. Einen unendlichen Augenblick weit ist der Weg zu jenem Punkt, wo Raum und Zeit sich einst fanden, eng umschlungen sich so heiß und innig liebten, daß sie in sich versanken und verschwanden. Ein Lichtstrahl zerschnitt den blutroten Horizont und der Tag ergoss sich in das noch so junge, unschuldige Schweigen der erstorbenen Welt. Im quellwasserklaren Gesang des schwarzen Vogels spiegelte sich die Schönheit dieses einzigartigen Augenblicks und schwang die Schwermut, weil er für immer verloren war.
Morbus Dei (Beta Version – Auszug)

… Die Erzählung „Des Kaisers neue Kleider“ steht scheinbar längst auf dem Index. Der kleine Junge in mir will laut loslachen, doch der geile Bock schwitzt und schweigt. Was sich dabei permanent in mein Gesichtsfeld drängt ist irgend etwas zwischen Körperverletzung, antiästhetischer Mobilmachung, Autoaggression und sexueller Nötigung. Hüftspeck und Rippchen soweit das Auge reicht. Zudem verkauft die Hot Underwear Mafia, kurz H & M, gerade mal wieder Unterwäsche. Warum sie das immer mit Hilfe übergroßer halbnackter Models tut, die sich auf jeder freien Werbefläche herumräkeln, ist eines jener großen Geheimnisse der Werbepsychologen. Schließlich bringen Männer ja immer noch Rosen mit heim, um die Dame ihrer Wahl rumzukriegen, und keine Slips. Da war der Verkauf einer DSL Flatrate durch eine halbnackte Frau namens Alice noch viel plausibler, denn selbst Kommunikationskrüppel, die zu blöd sind, ein E-Mail Konto zu konfigurieren, lernen in Rekordgeschwindigkeit Videos herunterzuladen und Medikamente bestellen…. Sex sellt nicht nur, er treibt die dreibeinigen Monster selbst bei Altersdemenz zu unglaublichen Leistungen an. Das hat sich offensichtlich rumgesprochen…
Auszug aus „Alice“

…Ich träumte inzwischen von Straßenzügen, in denen man nur noch sich selbst begegnete- in allen Entwicklungsstadien und mit abwechselnd allen möglichen Gebrechen, für die man so seine Veranlagung hatte. Ich, 13 mit Klumpfuß, ich, 11 als Spastiker, ich, 33 mit Hodenkrebs, ich, 1,5 kurz vor dem plötzlichen Kindstod, ich mit chronischer Hirnhautentzündung, ich mit verkrüppelter linker Hand, mit einem Nervenmleiden, blind und taub, als siamesischer Zwilling nach der missglückten Trennung, ich, sabbernd in der Zwangsjacke und ich, unmaskiert, kerngesund und durchtrainiert, bis an die Zähne bewaffnet, Jagd machend auf all meine anderen Ichs, die nicht so gelungen waren. Eine Bombe in den Kinderwagen, eine Tretmine für den Lahmen, eine Salve in den Rücken des Blöden, ein Stich in den Bauch des todkranken Mittdreißigers. Und immer wenn mein SuperIch auf mich aufmerksam wird, wache ich auf. Nicht schweißgebadet, aber das liegt ja daran, daß ich diesen Anzug seit 14 Wochen anhabe und unmöglich zwischen Angstschweiß und normalem Kondenswasser unterscheiden kann. Mit jedem Traum kommt Rambo-Ich näher. Gestern hätte er mir beinahe die Gasmaske vom Gesicht gezogen. Und niemand darf ungestraft so nah an mich heran, dass er mich anfassen könnte…
Auszug aus „Untiled“

„Wir haben in den ersten Sonnenstrahlen badende Propheten mit unseren Handys fotografiert, bevor sie in Flammen aufgingen, sahen Kirchen brennen und danach Männer in Nadelstreifenanzügen Bekennerschreiben finden, die wir geschrieben hatten. Wir sahen Soldaten während des Mittagsgebets über Mosheen herfallen und Synagogen ganze Horden von Polizisten unter sich begraben. Wir sahen nachts die neuen Götter fallen und ihre großen Priester zarte Engel auf den Altären der Welt flachlegen, von denen sie am nächsten Morgen Tugend und Moral predigten. Wir sahen zu, wie junge Frauen stöhnten und alte Männer zahlten.Wir konnten Marien wie die Lemminge in die Wüste wandern sehen, wo sie einen Erlöser nach dem anderen in den Sand setzten…“
Auszug aus „Terrorising“

Zum Buch „Morbus Dei“

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Autor: Silbenstreif

Silbenstreif Label und Studio Berlin

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