Leseprobe Teil 2

Morbus Animus Leseprobe 2

Necrophagen


Karnivore ernähren sich überwiegend von Fleisch. Man unterteilt sie entsprechend ihrer Essgewohnheiten. Da gibt es die latent omnivoren, die auch mal Pflanzliches zu sich nehmen und die Nekrophagen, die es gern auch mal ein bisschen angegammelt mögen, so wie beispielsweise die Geier.
Aber auch Raben fressen totes Fleisch und rufen auch mal die Wölfe, falls sie mit dem Zerkleinern Schwierigkeiten haben.
Sie alle essen, was sie töten oder das, was weg muss, herumliegt und irgendwann ordentlich stinken würde.
Einen reinen Aasfresser gibt es eigentlich nicht und umgekehrt ist kein Fleischfresser so pingelig, wenn er etwas findet, das schon ein paar Tage nicht mehr gezappelt hat oder nicht aufgegessen wurde. Der Grund, dass Geier überwiegend Gammelfleisch futtern, ist eine archaische Größe, die in jedem Wesen fest verankert ist: Die Faulheit, oder besser das Bestreben, mit so wenig Energie wie nötig, so viel Energie wie nur möglich aufzunehmen. Töten kostet Zeit, Nerven und Energie. Es ist immer einfacher zu essen, was rumliegt, als irgendeinem Wesen, das am Leben hängt und nicht bereit ist, den Löffel abzugeben, hinterherzuhetzen.
Geier können ganz gut gucken und sind Weltmeister im Gleit­flug. Somit können sie ohne Probleme ein riesiges Gebiet systematisch nach herumliegenden Leckerbissen absuchen. Das ist allemal einfacher, als hinter panischen Mäusen herzuflattern.
Wölfe oder Löwen können dagegen nicht so gut fliegen und auch nicht so gut gucken. Sie müssen sich auf ihre Nase verlassen. Und wenn nicht gerade ein Hirschragout in der näheren Umgebung herumgammelt, dann sind sie eben gezwungen, irgendeinem ahnungslosen essbaren Wesen das Licht auszublasen. Das ist anstrengend. Deshalb lieben Raubtiere auch Dosenfutter und lassen sich von Wesen, die mit einem Dosenöffner umgehen können, erstaunlich viel gefallen.
Ja, sofort denkt man dabei an Hunde.
Sie sind der Prototyp des durchgeknallten, devoten Fleisch­fressers und lassen sich, nur mit der vagen Chance auf mit Rohasche versetztes Ragout, zu erniedrigenden Handlungen dressieren. Sie holen Stöckchen, rennen Bällen hinterher, die der Gott mit dem Dosenöffner-Spezial-Fähigkeiten lässig durch die Gegend wirft. Sie führen Zirkusnummern auf und erledigen Dienste, die ihnen schlussendlich mehr Energie abverlangen, als sie für die Eigenversorgung in einer Welt ohne Dosenöffner aufbringen müssten.
Das liegt daran, dass sie von Physik im Allgemeinen und von Energieeffizienz im Speziellen absolut keine Ahnung haben.
Und sie wissen auch nicht, dass es ihren Göttern ebenso geht, dass ihre Herrchen und Dämchen sich wiederum anderen unterwerfen, um an Dosen und Dosenöffner heranzukommen und dass sie dabei mehr Energie aufbringen müssen, als das Verspeisen des Doseninhalts jemals freisetzen könnte.
Die dosenöffnenden Superhelden tun erstaunliche Dinge, die kein aufrechter Karnivore tun würde, erniedrigen sich, um jene, die sich ihnen unterwerfen, zu beeindrucken.
Gehen in Fabriken und Büros, füllen Formulare aus, fällen Bäume und sie töten andere Wesen, ohne sie zu essen oder wenigstens in die Dosen zu stecken, mit denen sie dann nach Hause kommen.

(c) Thomas Manegold 2011

Konsum

Thomas Manegold Morbus Animus
Morbus Animus

Der Konsum, egal ob beispielsweise von Zucker, Schokolade oder Fern­seh­unterhaltung, funktioniert in wirtschaftlichen Dimensionen ausschließlich über eine künstliche Aufrechterhaltung eines Bedarfsgefühls. Das geschieht direkt und indirekt durch massive Werbung. Diese beginnt und endet nicht in Anzeigen und Werbespots. Das Ausmaß des künstlich gezüchteten Bedarfgefühls beim Erstweltler geht weit darüber hinaus. Viele Dinge haben sich in Lebenswandel, Moralvorstellungen und Kultur als Selbstverständlichkeiten eingegraben. Dem Konsumenten ist zudem eine Akademiker- und Mediengläubigkeit anerzogen worden, die ihm alles fressen läßt, was ihm Wissenschaft und Fernsehen vorsetzen.
Und so haben Sie eine Uhr in jedem Zimmer, eine Kamera in jedem Telefon, ein Radio in jedem Elektrogerät, für das Sie GEMA und GEZ abdrücken. Sie brauchen alle fünf Jahre ein neues Auto mit noch sichereren Aufprallschützen, noch luftigeren Airbags und noch besseren Abgaswerten. Sie  brauchen eine Seife zum Rasieren und eine für die Hände, eine fürs Gesicht und eine für die Genitalien. Sie müssen sich mehrmals am Tag duschen und die Hände waschen, wenn Sie irgendetwas berührt haben, was nicht gut sichtbar eine Unbedenk­lichkeitsbescheinigung vorweisen kann. Sie brauchen Drei-Phasen-Spültabletten und vierlagiges Klopapier. Unverzichtbar sind elektrische Fensterputzer, gelbe Badreiniger,  blaue WC-Reiniger, weil gelbes Gel im Klo einfach blöd aussieht, automatisch dosierende Duftspender, Kaffee­maschinen­entkalker, Elektro-Brotbackautomaten-Reiniger, Slips von Schießer, Turnschuhe von Nike und Hosen von Puma, Bluejeans mit künstlichen Ölflecken von Levis und aufblasbare Adidas, Maxi-CDs von Liedern, die Sie sich dann als Klingeltöne auf die Telefone mit der Kamera herunterladen, die eines Tages plötzlich keine Kabel mehr, sondern Bluetooth haben, weshalb Sie sich einen neuen PC kaufen müssen, der aber bereits nach zwei Jahren nur noch Schrottwert hat. Sie kaufen Filme, die sie bereits im Kino und als Leihvideo gesehen haben, während Sie ein Kilo aufgeblasenen, genmanipulierten Mais in sich reinstopften. Sie sammeln Bild- und Tonträger, die nach einmaligem Gebrauch ins Regal gestellt werden, wo sie verstauben, bis sich das Format und das Abspielgerät ändert. Sie brauchen braunes Zuckerwasser mit rotem Etikett, weiße Schokolade mit lila Kühen drauf, Hamburger und Big Macs, obwohl jeder weiß, daß sie speichelanregende Zutaten enthalten und das Sättigungsgefühl zunichte machen. Wir alle sind voll auf Joghurts ohne Fett, Fische ohne Gräten und Wings ohne Chicken.
Wir brauchen  trinkbares Müsli, eßbare Verpackungen, abbaubare anionische Tenside in doppelsparverpackten Duschgels, einzeln eingepackte Küßchen, Dankespralinen, Süßes ohne Zucker, Fettiges, das nicht dickmacht, Scharfes, das beim Kacken nicht brennt, Schnee im Sommer und frisches Obst im Winter, Pflaumen im Frühjahr und chinesisches Gemüse mit eisenhaltigem Ökospinat in wieder verschließbaren Frischhaltebeuteln aus Recyclingfolie.

(c) Thomas Manegold 2011

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Autor: Silbenstreif

Silbenstreif Label und Studio Berlin

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