Ein Leben mit dem Apfel

Thomas Manegold - Der Schläfer in der Stadt (c) periplaneta 2014 - All rights reserved

Steve Jobs ist tot. Der ehemalige Apple-Chef starb, wie man irgendwie heute stirbt, an Krebs. Dieser Mann und die Firma, die er leitete, sind aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken. Das mag für manche immer noch befremdlich klingen, nach Personenkult, Produkthörigkeit. Aber das ist mir egal. Ich war nie ein Konsument im herkömmlichen Sinne und ich habe immer noch kein iPhone 🙂

Steve Jobs steht für mich als die Personifizierung des Visionärs, als die einzig akzeptable Version von Erfolg, wie ihn die Welt eben definiert, und er hat mit seiner unvergleichlichen Art, sein unbestrittenes Genie zu verkaufen auch immer wieder Neid und Elend sichtbar gemacht, Dinge, die eben denen entgegenschlagen, die ihren Weg erfolgreich gehen. Und, ja, Steve Jobs steht für die vielen kleinen i am Wortanfang, die heute aus der modernen Welt nicht mehr wegzudenken sind, seit Erscheinen der Computerknutschkugel iMac, dem wohl ersten Rechner der Welt, dem man als Besitzer feierlich einen Namen gegeben hat…

Auch ich verdanke, wie fast jeder Macianer meiner Zeit, diesen Spleen einem Apple-Benutzer, der von Apples Geräten vollkommen überzeugt war und nichts unversucht ließ, andere Menschen davon in Kenntnis zu setzen. (Somit geht ein längst überfälliger Dank an Jochen Schoberth) Die Basis für den Erfolg von Apple Hardware war und ist immer noch die Mund-zu-Mund Propaganda überzeugter Nutzer.  Als ich mir meinen ersten gebrauchten Mac kaufte, da stand Apple kurz vor der Pleite. Eine Apple Aktie kostete damals fast nix. Und mit Macs arbeiteten nur die Kreativen und die Nerds… Ja, so war das damals. Das Betriebssystem hieß MacOs 8 und schon damals wurde man zwangsläufig ein Fan dieses Beinahe-Auslaufmodells angesichts der Übermacht von Windowsrechnern auf dem Weltmarkt.

Mein erster neuer Mac war ein Power Mac G3 Blue/white, mit 5 GB Festplatte, ohne Diskettenlaufwerk 🙂 den ich mir mit einem Black Trinitron Monitor von Sony und einem USB(!) Drucker  bei Gravis online bestellte. UPS verlangte Barzahlung. Und ich hatte mir den unglaublichen Betrag von weißnichtwieviel Mark von meinen DJ-Auftritten zusammengespart, sodass der größte Geldschein auf dem Küchentisch meiner damaligen WG ein 10 Mark-Schein war, umgeben von vielen Fünfern und Hartgeld…. Der Fahrer und ich, wir zählten ziemlich lange. An diesem immer noch wunderschönen Arbeitsrechner lernte ich alles, was ich heute kann. Auch das Arbeiten mit Photoshop, Quark XPress, Dreamweaver, Audiobearbeitung. Mein G3 renderte Videos in unglaublicher Geschwindigkeit. Wenn man 15 Minuten zusammengeschnitten hatte, brauchte er nur 5-6 Stunden… und spuckte dann auch immer eine fehlerfreie Videodatei aus. Man konnte ihn  also über Nacht alleine arbeiten lassen… Ich vernetzte den Rechner mit dem ersten DSL von der Telekom und war ziemlich früh als einer der ersten Konsumer immer online… Mein Mac lief rund um die Uhr. Und auch die ersten MP3 in meiner Musikantenlaufbahn wurden mit ihm erstellt.

Und niemand repräsentierte diese exzellente, zuverlässige und schon immer schweineteure Hardware besser als Steve Jobs. Die Apple-Keynotes waren schon immer ein Erlebnis. Nicht erst, als Steve Jobs das Mac-Book-Air aus einem Briefkuvert zauberte, das erste Laptop ohne Laufwerk 🙂  – oder das erste Handy ohne Tasten, oder den ersten Computer ohne Diskettenlaufwerk, oder oder oder…

Irgendwann spendierte ich mir ein Upgrade. Ich tauschte den Prozessor aus, steckte eine neue Grafikkarte rein und gönnte mir das erste DVD-RAM Superdisk -Laufwerk. Ohne eine Schraube zu drehen, ohne ein Werkzeug zu benutzen, war ich damit nach ca. 20 Minuten fertig. Zu diesem Zeitpunkt kam auch Mac OS 10.3 auf den Markt. Und mein G4 der aussah wie ein G3, hatte plötzlich eine neues Gesicht und wurde noch ein bisschen schneller. Die Mp3 Komprimierung von Musik wurde modern und „Mein Mac“ schrieb zuverlässig an die 30 GB Musik fehlerfrei auf eine Festplatte. Renderte meine ersten DVDs…  Ich begann als DJ nur noch mit gebrannten Sampler-CDs aufzulegen und ließ meine Originale daheim. Und auch diverse Musikproduktionen, mein erstes Buch „Sonnentod“, Flyer und Fanzines entstanden darauf.

Und nun, 14 Jahre nach meinem abenteuerlichen Kauf, können so ziemlich alle Computer all diese sonderbaren Dinge. Ich arbeitete mit iBooks, MacBooks und meine Tätigkeit gestattete mir den Luxus, in Sachen AppleHardware und Software fast immer auf dem aktuellen Stand zu bleiben. Allerdings gibt es meinen ersten Mac immer noch. Er steht im Studio und leistet hin und wieder Dienste beim Rendern und Recorden. Das System läuft immer noch auf der originalen, damals unglaublich großen 5 GB Festplatte.

Mittlerweile haben wir Macianer Frieden geschlossen mit den Erzfeinden Microsoft und Intel und wir arbeiten auf Rechnern, denen es mittlerweile Wurscht ist, was und wieviele Betriebssysteme auf ihnen laufen. Das alles haben wir getan, weil es Steve Jobs gesagt hat. 🙂 Naja, irgendwie hat man ihm vertraut und mit Spannung und großen Augen die Erfolgstory mitverfolgt… iMac, iBook (das Laptop), MacBook, MacBookPro…  Mac OS ist immer noch das geilste Betriebssystem der Welt und die Rechner auf denen es läuft sind jeden Cent wert. Mittlerweile heißen sie im Falle meiner Wirkungsstätte MacBook Pro und sind aus Aluminium. Sie reden miteinander, backupen sich automatisch und machen ganz viele Dinge, ganz zuverlässig gleichzeitig. Sie stürzen nicht ab und sie sind virenfrei.

Die Welt hat Steve Jobs aber mit anderen Dingen erobert. Mit iTunes und dem iPod beispielsweise – und mit dem größten Coup, der die Musikwelt ereilte. Quasi über Nacht wurde Apple zum größten Musikhändler weltweit. Und dass er dann auch noch das Telefon neu erfand und damit die einstige eingeschworene Apple Gemeinschaft endgültig zu einer hysterischen Massenbewegung ausweitete, dass plötzlich Menschen für ein Telefon, dass natürlich auch wie jedes andere Telefon runterfallen und geklaut werden kann, 1000 EUR ausgeben und über Nacht danach anstehen… daran müssen wir uns noch gewöhnen. Mit dem iPhone (und eben dem Touchscreen) wurde die Vision von einem „Überall-Netz für alle“ massentauglich. Das war vor vier Jahren. Und in vier Jahren wird die Welt genau deshalb dank Steve Jobs einmal mehr eine andere sein.

Auch dann wird es noch diesen blauen Rechner geben, der in einem Studio in Berlin steht und noch seinen Dienst tut. Der meine Arbeit und meine Entwicklung mehr prägte, als Schule, Elternhaus und Studium zusammen. Auch dann noch bedarf es jener einzigartigen Mischung aus Kühnheit und Kalkül, aus Genie und Charisma, die mittlerweile sehr viele Menschen mit Steve Jobs verbinden, um die Welt zu bereichern und zu verändern, egal, ob mit digitaler Technik oder mit anderen Dingen und Nichtdingen. Auch wenn die Welt sehr spannend bleiben wird und wir noch sehr lange von Steve Jobs` Ideen profitieren werden, auch wenn ich ihn weder kannte noch gottgleich verehre, empfinde ich seinen Tod als schmerzlichen Verlust.

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Autor: Thomas Manegold

Autor, Künstler, Mediengestalter, Periplanetaner

2 Kommentare zu „Ein Leben mit dem Apfel“

  1. Der Mann hat sich selbst im Wortsinne ein Milliardengrab geschaufelt. In seinem Interesse und dem seiner Familie hätte er im letzten Jahrzeht lieber etwas für seine Gesundheit getan. Nun hinterläßt er eine schwerreiche, unglückliche Familie und mit Sicherheit noch etliche, nie verwirklichte geniale Ideen. Das letzte Hemd hat nach wie vor keine Taschen. Nicht einmal so eine klitzekleine, dass ein IPod(TM) nano hineinpasst. Ich halte es für eine durchaus berechtigte Frage, ob Berge von Plast- und Elektronikschrott es wirklich wert sind, seine gesamte Lebensenergie hineinzustecken.

    1. Ich denke, diese Frage muss jeder für sich beantworten und dabei vielleicht die „Entwicklung“ generell nicht unberücksichtigt lassen. So eine Ansicht stellt doch das Computerzeitalter generell in Frage. Berge von Plastik und Elektronik bestimmen doch unser Leben, mit oder ohne Steve Jobs. Und egal, ob das für gut oder schlecht befunden wird, es ist einach so. Die Frage ist nicht, was uns treibt, sondern ob es gut ist, dass es uns treibt, ob es nicht vielleicht besser wäre, gorillagleich in den Bäumen zu sitzen und Obst zu essen. Ich für mich sage Nein. Vielmehr ist in meiner Welt Erkenntnisstreben und Schaffensdrang eine Tugend und es obliegt mir nicht, darüber zu urteilen, wie sie der einzelne kanalisiert oder nutzt. Es ist ja auch eine durchaus berechtigte Frage, ob Berge von bedrucktem Papier und volle Festplatten es wirklich wert sind, seine Energie hineinzustecken. Ich meine ja. Ach ja, Steve Jobs war einer der wenigen, die ihr vieles Geld eigentlich aus Versehen verdient haben. Das ist kein Mythos, dem gings wirklich um die Sache.

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