Leseprobe – „Ich war ein Grufti“

Geständnis

„He writes accursed in his bed,
the wretched sleep of the undead,
the slow parade of faded friends,
the long dark sleep that never ends.”
Paul Roland

Ich war ein Grufti, ja, ich gebe es zu. Ich lungerte auf Friedhöfen herum, auf denen noch nicht mal ein weitläufiger Bekannter von mir verscharrt war, ich habe mich vor den Schädelbergen in den Pariser Katakomben ablichten lassen, mit Ratten mein letztes Brot geteilt. Ich bin schwarz Bus gefahren und schwarz Auto gefahren und schwarz geflogen, schwarz an den Badestrand gegangen und nachts mit Sonnenbrille durch die Straßen gelaufen. Ich trug schwarze Unterwäsche und schwarze Socken und hörte leidenschaftlich gern depressive Musik. Aus meinen Boxen quollen Textzeilen wie: „I hate myself”, „Gottes Tod”, „Gott hat sich erschossen” und „Das Sterben ist ästhetisch bunt”.  Ich habe „Brain Dead” gesehen – in der englischen Originalfassung – und „Evil Dead”, eins bis drei, an einem Abend und immer wieder. Ich versuchte Aufmerksamkeiten zu erheischen, indem ich so tat, als wollte ich mich umbringen. Ich habe das so echt spielen können, dass ich es bis in die letzte Faser selbst glaubte.

Ich war ein Grufti
Ich war ein Grufti

Ich war lebensmüde, chronisch verzweifelt, ausgebrannt, am Ende, total am Boden, angewidert von mir und meinen Mitmenschen und voll unverstandener Liebe. Ich schrieb Gedichte vom Ende der Welt, und ich hatte Sex mit diesen schwarzhaarigen, lasziv geschminkten blutjungen Biestern, die in Korsagen herumstolzieren oder diese hautengen Lackklamotten anhaben. Ich habe mir von meiner Sozialhilfe Stierblut gekauft und mich daran betrunken. Und vor allem: Ich habe alle guten Ratschläge mit (schwarzen) Stiefeln zertreten und mein Leben verschwendet.
Ich habe gelebt und geliebt. Gelebt meistens lieber in den Welten eines Edgar Allan oder eines schreibenden, durchgeknallten Lehrers namens Stephen oder gleich in den namenlosen und zeitenlosen Mythen der zu Tode missionierten Vergangenheiten. Und geliebt, ja, aufrichtig und innig bis in den Tod, den ich tausendmal gestorben bin. Ich habe die Trennungsschmerzen ebenso genossen wie die Beziehungen zu den Menschen. Und das Schlimmste: Ich habe viele normale Menschen erfolgreich „missioniert”. So, wie ich vor euch stehe, tauge ich in der Tat als Klischeebild des Verführers, denn ich zettele Zusammenrottungen derer an, die sich Gothics nennen. Ich veranstalte ihre kleinen Treffen am Wochenende und sage jedem, der es hören will, dass es vollkommen legitim ist, anders zu sein, dass Beruf sich von Berufung ableitet und dass es auch vollkommen in Ordnung ist, mit Mitte Zwanzig noch keine Ahnung zu haben, was man vom Leben erwartet, solange man nur das Suchen nicht aufgegeben hat.
Doch das war nicht immer so, und das Allerschlimmste habe ich noch gar nicht gestanden: Ich hatte einen Oberlippenbart. Aber das ist lange her. Das war zu einer Zeit, in der man die Behauptung, Rob Halford sei schwul, nicht überlebt hätte, zumindest nicht in meinem Umfeld. Ich rebellierte gerade gegen die Kleinstadt, in der man mich aufwachsen ließ, indem ich meine Kleidung mit Altmetall durchbohrte und mich mit Ziegenketten behing. Ich war ein Metaller, nein, nicht einer von denen, die um ihre 35 Stundenwoche kämpften und seit kurzem vermehrt wieder 45 Stunden arbeiten, damit ihr Konzern nicht nach Polen oder China auswandert, sondern einer von diesen langhaarigen, arbeitsscheuen, asozialen Heavy Metal Fans….

(Leseprobe aus „Ich war ein Grufti“)

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Autor: Silbenstreif

Silbenstreif Label und Studio Berlin

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