Being Gutmensch

Thomas Manegold - Der Schläfer in der Stadt (c) periplaneta 2014 - All rights reserved

„Sie haben durch den Bezug von Ökostrom bereits 3400 Kilogramm CO2 gespart und so 109,25 Bäumen das Leben gerettet“, stand auf der Urkunde, die ich gerade aus dem Briefkasten gefischt hatte. Für einen Moment fühlte ich mich richtig gut. Dann dachte ich an die Dreiviertel des 110. Baumes, die ich nicht geschafft hatte. Hätte ich letztes Wochenende das Licht in der Küche brennen lassen, dann könnte dieser Baum noch leben. Ich fühlte mich schuldig.

Dabei hatte ich wegen Fukushima den Anbieter gewechselt, hab immer gedacht, das YelloStrom Atomkraftwerke betreibt. Jetzt hab ichs schwarz auf gelb, dass die Bäume verfeuern… die Schweine.

Ich frag mich, wieso wir überhaupt noch so scharf auf Libyen sind. Da gibt’s keine Bäume. Nur Erdöl. Naja, OK, unsere Autos fahren damit rum, aber auch nicht mehr lange. Bald fahren die mit Batterien aus China, die wir immer mit Strom aus Windrädern aufladen werden, die auch in China hergestellt wurden. Und wenn wir unsere Autos in Indien zusammenschrauben und von rumänischen Fernfahrern mit libyschem Diesel anliefern lassen, ergibt das eine prima CO2 Bilanz.

2010 haben wir noch Dreiviertel unseres Energiebedarfs mit fossilen Brennstoffen gedeckt und nur 10% mit erneuerbaren Energien. Jetzt sind wir schon bei über 20%. Aber komischerweise verfeuern wir mehr Erdöl und Kohle, als noch 2010. Tortendiagramme lügen, denn wir verbrauchen jedes Jahr immer mehr Strom. Auch die Energiebranche muss wachsen. Und das könnte sie nicht, wenn wir plötzlich weniger verbrauchten.

Seit dem Erdbeben in Japan haben wir nun die sichersten Kernkraftwerke der Welt. Davor waren es nur die Zweitsichersten. Wieso wir gerade jetzt aussteigen müssen, ist logisch nicht zu erklären. Die Polkappen schmelzen. Es wird überall wärmer. Und uns geht der Arsch auf Grundeis. Dabei gibt’s in Gorleben günstigere Grundstückspreise, als in ganz Mecklenburg-Vorpommern. Aber wir haben plötzlich mehr Angst vor Flugzeugen, die auf strahlende Eierbecher krachen, wenn ihnen das Kerosin ausgeht, als vor Kühen, die uns zurück in die Steinzeit furzen, bevor Sie zerhechselt auf amerikanischen Weichbrötchen an uns verfüttert werden. Mehr Angst vor Krebs als vorm Untergang der Kohleabbaugebiete, die löchriger sind, als ein Schweizer Käse. Mehr Angst vor Plutonium, als vor russischen Zaren, die uns die von Gerhard Schröder verlegten Pipelines zudrehen könnten, weil ihnen gerade langweilig ist. Mehr Angst vor Cäsium als davor, dass uns die Diktatoren ausgehen, denen wir Demokratie verordnen, wenn sie ihre Diktatur nicht mehr mit Barrel bezahlen.

Seit Fukushima müssen wir deshalb erstmal die 10% Kernenergie ersetzen. Mit Wind, Wasser, Sonne – und mit erneuerbaren Energien. Also auf Deutsch: mit dem Verfeuern nachwachsender Rohstoffe. Und wenn das keine Bäume sein sollen, dann muss es Hausmüll sein oder eben Palmöl oder Mais.
Aus Blut für Öl wird Blut für Speiseöl.
Denn während ich versuche, meinen 110. Baum das Leben zu retten, indem ich alle mir verbleibenden Glühbirnen ganztags brennen lasse, verhungern in Indonesien die Bauern, die auf ihren Feldern mein Palmöl herstellen, damit die Lampen brennen können. Denn ja, es sind noch immer Öllampen, die in unseren Häusern brennen, wie vor 1000 Jahren, egal, ob wir Heatballs oder Quecksilberröhren in sie hineinschrauben.*
Ich bekomme ein schlechtes Gewissen.

Morgen gehe ich zu „Brot für die Welt“ und lasse mir ausrechnen, wieviel Geld ich spenden muss, bis in China ein Sack Reis vom Laster fällt, der dann mit subventioniertem Kerosin in die Krisengebiete eingeflogen werden kann. Aber jede Spende verkleinert wiederum meine Möglichkeit, Dinge einzukaufen, was wiederum meine Müllproduktion verkleinert, weshalb noch mehr Speiseöl eingeschifft werden muss, dass die erneuerbaren Energien ihre Prozente halten.

Vielleicht wechsle ich ja doch wieder zu diesem französischen Anbieter. Dann bekomme ich in einem Jahr eine Urkunde, auf der steht: „Sie haben im Endlagerdorf Villar de Cañas bereits 109,25 Bauern eine strahlende Zukunft ermöglicht.“ Wobei die 0,25 eben kein Viertelbauer ist, sondern die Summe aller Tumore. Da investiert man wenigstens in Europäisches Wachstum. Dank Erbschäden nachhaltig. Und wenn dann nach 10 Jahren das schlechte Gewissen wieder anklopft, kann man den Spaniern immer noch Jodtabletten spenden oder beim Bau einer Brustkrebsklinik helfen.

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Autor: Thomas Manegold

Autor, Künstler, Mediengestalter, Periplanetaner

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