Magersucht ist kein Zuckerschlecken

Magersucht ist kein ZuckerschleckenBücher machen ist mitunter lehrreicher und erfahrungsstiftender als das bloße Lesen. Schon deshalb habe ich  den besten „Job“ der Welt…

In den letzten Monaten durfte ich in eine bizarre Welt eintauchen. In eine Welt, die so gar nicht in unsere Überflussgesellschaft passen will, in der einerseits über 20% krankhaft übergewichtig, jedoch auch fast genau so viele von Bulimie und Anorexie betroffen sind. Bizarr deshalb, weil  Essstörungen irgendwie unter eine kollektive Schweigepflicht fallen, in etwa so wie AIDS (damals, als es noch Schwulenkrebs genannt wurde…).

Anorexia nervosa, also die psychisch bedingte Magersucht, die in soeben fertiggesetzter Autobiografie Thema ist, wird häufig als Modekrankheit dargestellt, die sich vom diktierten Schönheitsideal ableitet und die es zu bekämpfen gilt, in dem man am besten immer dickere Frauen ins Fernsehen stellt. Denn es sind angeblich in erster Linie ja dumme, eitle, sich langweilende Teenager und junge Frauen, die magersüchtig werden. Und diese gucken halt viel Fern. Doch unsere Heidi und ihre Hungerhaken sind vielleicht, wenn überhaupt, ein Auswuchs von Schlankheitswahn und zweifelhaften Lebenszielen. Und es stellt sich hier immer die Frage, wie leer und kaputterzogen ein Mensch und sein muss, damit sich das Hin- und Herlaufen auf einem Laufsteg, mit Tampons im Magen, als Lebensziel einnisten kann, damit BMI und Körpergewicht zum alleinigen Lebensinhalt avancieren können… Im Endeffekt haben aber die Kleiderständer auf Bein(ch)en nichts oder nur sehr wenig mit  Magersucht zu tun, auch wenn sie vielleicht kollektiv davon betroffen sind… Sie sind nur eine von vielen Auswüchsen einer Selbstwahrnehmungsstörung, die durch Mode und Medien vielleicht gefüttert, aber nicht verursacht wird.

Selbstwahrnehmungsstörungen entstehen meistens in Lebensphasen, in denen man sich noch nicht so für Mode interessiert.  Anorexia nervosa ist zudem besonders heimtückisch. Die Statistik sagt, dass 20% der Betroffenen nicht davon geheilt werden und dass 15% daran sterben. Damit ist anorexia nervosa die psychische Krankheit mit der höchsten Sterblichkeitsrate in Deutschland, was unter anderem daran liegt, dass die Betroffenen selbst nur sehr schwer einsehen, dass sie betroffen sind.

Das Buchprojekt „Magersucht ist kein Zuckerschlecken“ ist eine unter Pseudonym erscheinende Autobiografie einer sehr liebenswerten und netten Frau, die bei aller „Krankheit“ ein ausgeprägtes kreatives Potential mit sich herumträgt. So hoffe ich, dass dieses Debüt nicht ihr einziges künstlerisches Werk bleiben wird.

Betroffene, Verursacher und Ärzte gleichermaßen können aus dieser Autobiografie viel lernen, denke ich. Und auch das abschätzige Kopfschütteln der Unbeteiligten könnte damit eingedämmt werden, denn es gibt sehr viele Menschen, die gar nicht bemerkt haben, dass sie Verursacher sind.

Anorexia nervosa ist nämlich, auch wenn genetische Veranlagungen eine gewisse Rolle spielen sollen, in erster Linie ein erworbener, psychischer Defekt, ausgelöst durch traumatisierende Erfahrungen, gleich welcher Art. Möge das Buch ein paar Menschen von ihrer Unwissenheit, die sehr oft bis hin zur Verklemmtheit gereicht, befreien, möge es Aufklären und den Umgang mit  den Betroffenen positiv beeinflussen. Und vielleicht kann es ja auch ein paar Menschen, egal wieviel sie wiegen, aus ihrer notorischen Opferrolle befreien, in die sie einst hineingeprügelt wurden.

Weitere Infos über Magersucht

Das Buch bei Periplaneta

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Autor: Thomas Manegold

Autor, Künstler, Mediengestalter, Periplanetaner

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