Denn Du schluckst, was Du kuckst

Thomas Manegold - Der Schläfer in der Stadt (c) periplaneta 2014 - All rights reserved

EIN STEINALTER TEXT (unverändert) AUS DEM JAHR 2006

Rückblendung. „Guten Tag, ich möchte meinen Fernseher abmelden. Und das Radio gleich mit. Wieso geht das nicht? Natürlich habe ich die Geräte noch, aber ich ziehe um, und ich habe nicht die Absicht, sie wieder in Betrieb zu nehmen. Wieso klingt das unwahrscheinlich? Ja, ich weiß, dass es kein Argument ist, wenn ich sagen würde, dass ich ARD und ZDF gar nicht einschalte, nein, ich will die Geräte noch nicht mal bereitstellen. Nein …”

Ausblendung. Es ist schier unmöglich, einem Möch­tegernbeamten zu erklären, dass man die Dienst­leistung, die mit seiner Forderung verknüpft ist, nicht mehr in Anspruch nimmt. Das Programm in seinem Kopf ist getrimmt, entsprechend zu reagieren, wenn jemand Sinnhaftigkeit und Rechtmäßigkeit seiner Forderung bezweifelt. Außerdem weiß dieser Gesetzeswortlautwiederkäuer, dass die Bestimmung so geschickt formuliert ist, dass eigentlich jeder GEZ zahlen muss. Wecker mit Radio, Handy mit Fernsehempfang… keine Uhr zeigt einfach nur die Zeit, keine Röhre zeigt einfach nur ein Bild, und der Eierkocher mit Kopfhöreranschluss ist in greifbare Nähe gerückt. Doch du hast den Durchblick, 23 Zoll oder einen Beamer und ein DVD Laufwerk. Die Glotze fliegt auf den Sperrmüll. Da implodiert nicht nur die Bildröhre, sondern auch das Weltbild des Geldeintreibers. Dir hilft und half trotzdem nur, hartnäckig und stur zu sein. Die Einzugsermächtigung löschen und die Post in den Papierkorb. Das ist dein gutes Recht, ebenso, wie es dein gutes Recht ist, NICHT Radio zu hören und NICHT fernzusehen.

Einblendung. Die GEZ hat die Aufgabe, mit der Erhebung und Eintreibung von Radio- und Fernsehgebühren die öffentlich-rechtlichen (ergo staatlichen) Rundfunk- und Fernsehanstalten zu finanzieren. Das war damals durchaus sinnvoll. Damals gab es nur ARD und ZDF und ein verträgliches Werbeaufkommen, das gesetzlich begrenzt war. Zudem konnte man objektive Nachrichten erwarten und Sendungen, die bildungsfördernd waren und nicht quotenabhängig. Zwar haben wir damals auch schon gejammert, aber da wusste ja noch niemand, was auf uns zukommt. Im Vergleich zu heute waren die erhobenen Gebühren noch erträglich… und nicht zuletzt auch die Anzahl der Geräte in den Haushalten.

Blendungszwang. Heute steht in jedem Raum ein Radio, mehrere Fernseher in den Wohnungen, und in fast jedem elektronischen Unterhaltungsgerät ist ein Radio oder Fernsehempfänger eingebaut. Will ich also in meinem Auto nur CDs hören, habe ich ein Problem, weil ich das Radio zwangsläufig mitkaufe… Heute sind die Gebühren empfindlich hoch, ähnlich dem Werbeaufkommen in den öffentlich- rechtlichen Sendern, die sich seitdem um ausgleichende Gerechtigkeit bemühen, indem sie, synchron zur Anhebung des Werbeaufkommens, das Niveau nach unten angleichen. Die Frage eines 18jährigen ist aber immer noch die: Warum muss ich Geld für zweieinhalb angestaubte Sender bezahlen, wenn bei mir den ganzen Tag nur MTV läuft (außer vielleicht mal 9Live früh um drei)? Auf diese Frage gibt es keine Antwort. Schaust du Fernsehen, musst du zahlen, egal, was du kuckst…. Guckst du!
Aber ich kuck nicht… warum nicht?

Verblendung. Jedes Informationsdiktat macht blöd und stiehlt dir deine Zeit. Irgendjemand schnattert auf dich ein, füttert dich mit Dingen, die du nicht brauchst.
Du brauchst noch nicht einmal schlucken, und du hast noch nicht einmal die Chance, wenn es zu bitter ist, es einfach auszuspucken. Fernsehen ist wie freiwillige intravenöse Ernährung. Man muss dich noch nicht mal ans Bett fesseln. Irgendwann merkst du nicht mehr, mit welchem Scheiß sie dich vollpumpen. Du kuckst nicht mehr, du glotzt einfach nur. Dafür gibt es, ganz im Sinne unserer anerzogenen Liebe für Anglismen, einen netten Begriff: Mindfuck.

Erblindung. Früher waren Informationen noch etwas wert. In einer Zeit, in der man damit überhäuft wird, ist es nicht sinnvoll, sich Informationen zu beschaffen und für ihre Bereitstellung auch nur ansatzweise so viel zu bezahlen wie früher. Informationen gibt es mittlerweile weitestgehend kostenlos. Man bezahlt nur das Entertainment drumherum. Eine Information, die mich erreicht, ist darüber hinaus immer mit einem Interesse verknüpft. Entweder will mir jemand etwas verkaufen oder etwas weismachen. Geschwindigkeit und Menge nehmen dabei immer noch rasant zu, die Qualität dementsprechend ab. Deshalb muss der Konsument lernen, den Zustrom zu kontrollieren, selbst bestimmen, was er/sie an sich heranlässt. Deshalb kucke ich nicht, wenn ich nicht kucken will. Die Behauptung, das Gerät aus eigenem Willen ein- und auszuschalten, ist sehr kühn. Die Chance, dass du „Fight Club“ ausgerechnet diesen Samstag 21 Uhr sehen willst und du zufällig auch noch eine akute Blasenschwäche hast, sodass du genau alle 23 Minuten aufs Klo musst, ist sehr gering. Dann zahle doch einfach den Euro in der Videothek und schau den ungekürzten Film ohne Werbeunterbrechung.

Verblödung. Radio und Fernsehen geben dir alle halbe Stunde Verbraucherinformationen und dazwischen ein scheinbar sinnloses Geschnatter, das aber wiederum unterschwellige Verbraucherinfos transportiert, die dich im Endeffekt erst zum Verbraucher machen. Wenn man den Sozialfällen erst den Fernseher wegnähme, könnte man die Stütze halbieren, ohne dass die Ärmsten der Armen etwas merken würden. Es laufen im Fernsehen zum Beispiel sogenannte Trailer, die mich ins Kino locken sollen, Reportagen, die etwas zum Thema machen, weil irgendein geldgeiles Aas ein Interesse daran hat, dass ich über diese Thema nachdenke. Moderatorinnen haben die Dinge an, die sich meine Frau dann kaufen muss, nicht zuletzt, weil sich die anderen Frauen ebenfalls so etwas kaufen… Das ist Fernsteuerung. Es gilt, die Antennen abzubrechen, um festzustellen, dass man auch ohne anonymen Lenker klarkommt. Nach mehreren Jahren ohne “Programm” bin ich nicht weltfremder als vorher. Es ist nichts geschehen, was man verpasst haben könnte.

Programmierung. Es gibt Institutionen, die ein Interesse daran haben, dass ich irgendetwas erfahre. Genauso, wie der Staat ein Interesse hat, MEINEN Kindern SEINE Sicht der Welt einzuimpfen, hat er auch ein Interesse daran, dass ich kucke und höre und nachplappere. Das ist auch vollkommen in Ordnung. Aber rein aus Prinzip bezahle ich ihn nicht dafür. Ich zahle ihm nicht SEINE Bücher, die MEINE Kinder lesen müssen, und ich zahle nicht dafür, dass irgendein Idiot vor meinem Haus eine Werbetafel anbringt und alle 14 Tage ein neues Plakat aufhängt. Irgendwann erhöht er die Anzahl der Informationen, die ich sehen soll, und bittet mich erneut zur Kasse…
Es interessiert mich nicht, dass Fernsehenmachen teurer wird. Ich brauche dieses Medium nicht, um mir irgendwas zu erzählen. Ich glaube, wer die Hierarchie der Dinge nicht durcheinanderbringt, wird sehen, wie paradox es ist, für die eigene Verseuchung auch noch Geld zu bezahlen. Ich zahle gern für etwas, das man mir anbietet, nicht aufdrängt. Fernsehgebühr ist dann in Ordnung, wenn ich die Wahl habe, wenn ich als Alternative die Sender abschalten kann, die damit finanziert werden.

Dramatisierung. Es kommt noch schlimmer, denn es ist tatsächlich so, dass du Gebühr bezahlen musst, wenn du einen Fernseher hast, egal, ob du kuckst oder nicht. Diese Art von Ausbeutung und Sippenhaft ist schon vollkommen normal, denn wir zahlen ja auch Vervielfältigungsgebühren pauschal auf Kopierer und Drucker, auch wenn wir nur unsere eigenen Bilder und Texte ausdrucken. Wir zahlen pauschal GEMA auf jeden Rohling und jeden Brenner, den wir kaufen, auch wenn wir nur Sicherungskopien unserer eigenen Dateien machen würden. Hast du, zahlst du. Guckst du!

Programmvorschau: Schon bald verlangen GEMA und GEZ Gebühren fürs Internet, weil für die Röhrenkost und kurze Frühstücksberieselung keiner mehr zahlen will. Diese sich anbahnende neue Unverschämtheit macht aus Geldeintreibern aber immer noch keine Staatsbeamte, aus deren Scheißjob immer noch keine höhere Mission und aus dem allgegenwärtigen Mindfuck noch kein phantasievolles, inniges Liebesspiel.

Aus „Ich war ein Grufti“

P.S. Programmvorschau 2.0:  Ab 2013 zahlen wir nicht mehr pro Gerät, sondern endgültig pro Kopf oder pro Haustür. Für aufrichtige Nichtgucker, die zähneknirschend ihre 6 EUR monatlich abdrücken, bedeutet das eine Erhöhung um 200 – 300%Für einen Zweipersonenhaushalt, der zudem noch ein Büro für seine freiberufliche Arbeit aufrecht erhält, sind dann einfach mal rund 25 EUR im Monat fällig. Also mal locker 300 EUR im Jahr. Rentner, die bislang von der Rundfunkgebühr befreit waren, werden ab 2013 ebenso empfindlich zur Kasse gebeten… Das ist ebenso existenzbedrohend und perfide, wie die neuesten GEMA- Aktivititäten. Und das Schlimme ist, dass es offensichtlich noch niemand bemerkt hat. Wir sehen uns dann bei der Almosenvergabe.

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Autor: Thomas Manegold

Autor, Künstler, Mediengestalter, Periplanetaner

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