Vision und Wahn

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Ode an meine Lesebühne 2012

Die Idee begann an einem Ort, wo man so etwas am wenigsten vermutet. In Bayern. Man kann nun von diesem Land halten was man will. Es ist schön, es ist satt, sauber und sicher. Das Land der Lederhosen und Zwangsexarbeitslosen. Das Land mit dem rigidesten Rauchverbot und dem schwierigsten Abitur. Im Bund der Blinden ist der einäugige König. Im Tal der Tauben hören Spatzen auch nur die Blinden von den Dächern pfeifen. Und dumpf aufklatschen auf graublauen Asphalt.

Vision und Wahn

Auch in Deutschlands heimeligster und aufgeräumtester Hauptstadt München. Die ist voller kaputter Menschen, die sich für die wahren Italiener halten, weil ihnen die Sonne aus dem Arsch scheint. Die für 20 qm Wohnraum 700 EUR Kaltmiete zahlen und das durchaus als Privileg verstehen…

Die Idee von Vision und Wahn wuchs behütet auf, allerdings an einem Ort etwas weiter im Norden. Und die Angst vor Stagnanz wehte diese Idee hierher. Nach Berlin.

Die Idee von kontroverser Kunst und Kultur inmitten eines satten Landes, das ständig glaubt, bald verhungern zu müssen. In dem die Spritpreise steigen, weil unsere Soldaten zu dämlich sind, in den Regionen, wo das Öl noch schlummert, endlich alles klar zu machen. Früher, da haben wir Erstweltler die flächendeckende Rodung fremden Waldes noch auf eigene Kosten veranstaltet. Für Golfplätze. Oder für bessere Jagdbedingungen, wie damals in Vietnam. Heute roden die verhungernden Armen ihre Regenwälder selbst- für Mais zum Verfüttern an Kentucky-Fried-Chickens, und für Weizen, den wir zu Diesel raffinerieren.

Vision und Wahn. Das ist Kunst und Kultur im Schatten von Raucherverfolgung, Feinstaubplakette und Atomausstieg. Ausgerechnet wegen der Energiewende wird nun das ganze Land umgegraben. Werden die Gesetze um ökologische Verträglichkeit vorübergehend außer Kraft gesetzt. Werden die eigentlichen Katastrophenmacher, die Großverbraucher, von der Ökosteuer befreit. Schließlich geht es ja um Arbeitsplätze.

Wir, das Fußvolk, wir sind die CO2-Monster, die asozialen Marlboroman-Nachahmer, die Etagenheizungsaufreher, die Warmduscher, die Heißbader. Wegen der Mauerpark-Grillmafia schmelzen die Polkappen. Und wegen der qualmenden Schlote unserer immerhin schon sieben Jahre alten deutschen Gebrauchtwagen aus erster Hand, wegen der sauerstoffverschlingenden Teelichter auf den Tischen unserer Restaurants…. Das sind die Klimakiller und wir, die wiederkäuende Unschuld in einem Klimakillerthriller, mit Secondhandterroristen, die bei eBay Zeug versteigern und Nichtkonsumfaschisten, die sich der Erneuerung verweigern, die sich für die Umwelt kein neues Auto borgen und das alte nicht den Türken geben zum Entsorgen, die das Spritfressmonster in Tüv-befreite Länder dann verkaufen und dann irgendwann, sollte es gar nicht mehr gehen oder laufen, in Einzelteilen den noch fahrradfahrenden Chinesen bringen werden. Auch so kann man ein Volk vergasen. Dann wird Frieden sein auf Erden. Kohlenmonoxid-Gnadenstoß für ein Land, so groß wie das Magengeschwür in Gottes Dickdarm. Ein Magengeschwür, das Metastasen in einst gesundes Gewebe treibt. Sich einverleibt. Geschichte schreibt mit Schwermetallstiften auf Granit.

Vision und Wahn. Das ist Textwerk überwiegend von Leuten, die alle schon gelebt haben, als 1980 die damalige BRD die Olympischen Spiele in der damaligen Sowjetunion boykottierte, weil die Sowjets gerade in Afghanistan einmarschiert waren. 2008 war dann das Jahr der Erkenntnis für uns. Wir erkannten die Notwendigkeit der Trennung von Politik und Sport. Schließlich waren wir ja die Einmarschierten, die den Krieg verloren und nicht die Russen. Sport hat nichts mit Politik zu tun, eher etwas mit Pharmazie…. eher etwas mit „Legalize It“…

Ich meine- he, da gibt’s Menschen, die laufen 400 Meter in 45 Sekunden. 45 Sekunden! Brauchen die 400 Meter für! Schaff ich locker in Hundert. Ich meine, Tom Simpson ist tot, Griffith-Joyner ist tot, stellvertretend für hunderte Herzinfarkte, Schlaganfälle und Plötzliche und Unerwartete. Kugelstoßerinnen, die in den 80er Jahren Ostdeutschlands Ruhm und Ehre mehrten, haben sich inzwischen zu Männern umoperieren lassen.
In den Hochgebirgen stehen ganze Schwimmhallen und Langlaufarenen für Sportler. Dort, wo die Luft so dünn ist, dass ich mir noch nichtmal die Schuhe zubinden könnte, ohne das Schnaufen anzufangen, trainierten bereits die Sportler als sie noch Krieger waren. Warriors of Cold War. Schlagabtausch ohne Raketen. Hochlandtraining macht das Blut röter und die Adern dünner, genau wie Kokain. Aus Kriegern werden Krüppel. Oder eben Shemales. Nicht nur aus Koksern werden stotternde Trottel. Auch aus Biertinkern. Nicht nur in München, auch in Berlin.

Damals hatten die Chinesen ein für Blutdoping prädestiniertes Hochland abgeriegelt und alle rausgeschmissen, die irgendwie verdächtig aussahen. Machten sauber, trainieren die Einheimischen. Dehnübungen, Laufübungen, Schießen unter Belastung… alles für Olympia. Für eine große Vision. Eine Milliarde Warriors of wasteland brüllten „Sieg heil“! in einer Sprache, die keiner versteht. Und die Welt der Ahnungslosen hielt still im Namen von Nike und Nokia, Apple und HP, Danone und Nestle … die den gemeinen Chinesen langsam an Kuhmilchprodukte gewöhnten.

Vision und Wahn. Das ist auch die Frage, was Rudern mit der politischen Gesinnung des Geschlechtspartners zu tun hat. Jetzt 2012, wenn Olympia endlich in einem politisch neutralen, friedliebenden, gewaltfreien Land zu Gast ist, hat Sport wieder etwas mit Politik zu tun, mit Feindbildern, Sippenhaft, werden nur noch deutsche Sportler zugelassen, deren Verwandte und Bekannte den politischen Unbedenklichkeitscheck des Verfassungschutzes bestanden haben.

Vision und Wahn. Ideologien kommen und gehen. Wir haben sie fallen sehen, die Diktatoren und Diktatörchen. Gadaffi, Berlusconi, Mubarak, Bush, Hussein, Mapus, Koch, Schröder, Beckstein…

Nur hat sich dadurch nichts geändert. Gestorben wird auch weiterhin. Und wir stehen mittendrin. Hochanfällige Hochleistungsmilchkühe mit Eutern aus Silikon. Die am Meinungsalmosentropf hängen und wiederkäuen was ihnen hochkommt.

Vision und Wahn. Das ist Kunst und Kultur für einen vollen Markt der Eitelkeiten, ein kleines Licht im Sumpf aus Drogenverteilungskrieg und Jugendlichenbespaßung. Ein bißchen gutgemeinte Heuchelei von Junkies für Junkies.

Die Substanz verflüchtigt sich,wenn man danach sucht.
Die Dämonen spucken Blut wenn man sie verflucht.
Auch wenn du Licht die Nacht erhellst,
wärmst DU doch auch den Löffel mit Kristallen,
die dann, venenwärts gedrückt, in leere Köpfe fallen…

Die Substanz verändert sich, nicht aber die Sucht.
Vision und Wahn. Geschichte wird gemacht.
Es geht voran. Und wir sind weiter auf der Flucht.

Thomas Manegold
Lesebühne Vision und Wahn
http://www.visionundwahn.de

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Autor: Thomas Manegold

Autor, Künstler, Mediengestalter, Periplanetaner

1 Kommentar zu „Vision und Wahn“

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