Nagelprobe (2005)

Thomas Manegold - Der Schläfer in der Stadt (c) periplaneta 2014 - All rights reserved

Weihnachten… das Fest des Friedens und der  Liebe… Jedenfalls für die Welt der an das christliche Gut und Böse glaubenden Konsumenten, die Frieden mit Ruhe nach dem Sturm auf die Auslagen und…

Nein, nein ich will nicht lästern… Für die wahrhafte Christenheit ist Weihnachten natürlich kein Konsumrausch, sondern die Geburtstagsparty für den Typen, den die Juden dann zu Ostern ans Kreuz nageln lassen, auf das die Christen, trotz ihres Konsumrausches, in den Himmel kommen.

Dieser Pakt zwischen Juden und Christen funktioniert weltweit super. Die Moral legitimiert und die eine Gruppe macht die Drecksarbeit für die andere. Daran kann man sich aufgeilen, auch ganz offiziell, und natürlich auch gern beim Handbetrieb, wenn die keuschen Huren mehr kosten, als das Säckl hergibt. Auch wenn das Zölibat schmerzt oder die Segnenden bei der Konfirmation Schlange stehen lässt- mit jener, den selbsternannten Vertretern des Sado-Maso Heilands nachgesagten Schwäche für knieende Knaben mit halbgeöffneten Mund – hab Mitleid, oh Du Beischläfer der verheirateten Maria! Papa Razzi räumt auf, zwängt auch die homosexuellen Priester in die Keuschheit und schwingt die Moralkeule vor uns, den jubelnden Massen, die sich das gefallen lassen. Schließlich sind wir christlich zivilisiert, auch wenn wir zum Teil aus der Kirche ausgetreten sind.

Die geheiligte Familie ist tot, oder zumindest so out wie das Schwangerwerden. Wir sind gefangen in einem Glaspalast mit DSL Anschluß und Konferenzschaltung, geschnallt auf Hochgeschwindigkeitsbetten mit mobilen Herz-Lungen Maschinen, in die man Münzen einwerfen muß, um nicht abzukratzen. Wir hängen am Meinungstropf und sind längst nicht mehr Herr unseres eigenen Blutkreislaufs. Trotzdem prosten wir uns gegenseitig zu, stoßen mit Schnabeltassen darauf an, daß wir dem Mief der alten Welt klassischer Rollenverteilungen entstiegen sind. Oh Maria! Heutzutage hättest Du Dir nicht so eine haarsträubende Story einfallen lassen müssen. Wir sind aufgeklärt. Der Ehemann ist längst der Lebensabschnittspartner. Er muss nicht in die Wüste gehen, er muss glauben – an die Frau, an seinen Samen, an den ADAC und an seinen Chef.

Unser Wirtschaftssystem verlangte, von Männern und den sich emanzipierenden Frauen gleichermaßen, totale Flexiblität und vollkommene Unterordung des Privaten, so auch der Familienplanung. Diese entwurzelten, kariereorientierten Menschen gibt es nun. Sie gibt es nicht nur, weil sie auf den Witz vom grenzenlosen Wohlstand hereingefallen sind, nicht nur wegen unserer masochistischen Neigungen, für diesen Wohlstand alles, wirklich alles zu tun, sondern auch, vollkommen profan, Dank immer fortschreitender technischer Möglichkeiten, vor allem im Bereich von Kommunikation und Datenverarbeitung. Wir haben das Büro auf dem Rücken, die Standleitung im Ohr und jede Menge Traffic. Die Welt ist ein Navigationssystem, der soziale Kontakt eine weibliche Stimme, die sagt „Biegen Sie rechts ab.“

Dinge, die sich nur gemeinsam regeln lassen, und damit meine ich nicht nur guten Sex, bleiben dabei auf der Strecke. Wir bilden keine Gesellschaft mehr. Die Gemeinschaft ist zerbrochen. Jetzt fehlt die BASIS für Aufzucht und Pflege neuer Arbeitnehmer. Daraus folgt die „I stand alone“ Solonummer. Wer allein nicht singen kann, heult mir den Wölfen.

WEIHNACHTEN ist nicht mehr der Tag zum Spenden oder der Tag, um mal wieder die veraltete Lebensform FAMILIE neu zu beleben, sondern eher die Zeit für Monogamie. Eine Woche nicht Fremdficken in der Zeit von NEU.DE kann schon verdammt hart sein. Drei Tage keine Pornos im Internet schauen, ohne schlecht gelaunt zu sein… schlimmer kann die Kreuztragung damals auch nicht gewesen sein. Das Leben ist ein Rubbel- Los…

Doch Weihnachten ist die Woche der Treue, die Woche, in der man nicht nach einer schlankeren Alternative sucht, sondern mit dem Stück Fleisch kuschelt, was daheim rumliegt. Eine Woche Wehmut für herren- oder damenlose Fleischbrocken, die sich von allem Bekuscheln lassen würden, was mehr als zwei Beine hat oder kein Geld verlangt, jedenfalls nicht bar…. Eine Woche für virtuelle Enthaltsamkeit, Zurückhaltung bei Partnerwahl und Vermehrungsgeneralproben. Dafür gibts flächendeckendes Lebkuchenbombardement. Die verordnete Völlerei, neue Kerzen für die Frau und Weihnachtsbockbier für den Mann.

Für die komischen Außenseiter, die darauf keinen Bock haben, bietet die Szenerie von Schokojunkies, die sich mit Tonträgern und Kerzenständern bewerfen, die sie auf eBay ersteigert haben, eine einmalige Gelegenheit, sich zu fragen, was zum Geier bitte Christlich-Demokratisch oder Christlich-Sozial ist… zumindest in einem Staat, der offiziell Kirche und Staat zu trennen sich im Stande wähnt und der Sozialhilfeempfänger nach ihren sexuellen Gepflogenheiten ausfragt, bevor er ihnen Futter gibt.

Gerade, weil uns die Angst vor dem aufstrebenden Islam über Kopftücher und Kriegserklärungen debattieren läßt, weil wir unseren Moralkodex und unsere Kultur viel effizienter verbreiten, als Legionen von aidskranken, nymphomanischen, schwulen Männern auf Viagra ihren Virus, sollten wir uns im Angesicht unseres Spiegelbildes fragen: Was ist CHRISTLICH? Was ist ZIVILISIERT? Was ist Moral? Was macht uns besser als die anderen. Der Weihnachtsmarkt und der Glühwein dürftens nicht sein. Die Spendenquittung auch nicht.

(2005)

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Autor: Thomas Manegold

Autor, Künstler, Mediengestalter, Periplanetaner

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