Ein Berliner in Antwerpen 1

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Oder: 39,90

Als europaweit verehrter und anerkannter DJ mit exzellentem Ruf verschlug es mich  nach Belgien, um mir in einer von Peter Paul Rubens persönlich angemalten Kirche in Antwerpen huldigen zu lassen. Allerdings war die Entscheidung, Rockstar-like mit dem Flugzeug aufzuschlagen, eine rein wirtschaftliche, denn niemand ist billiger als EasyJet. Nichtmal Mitfahrgelegenheit.de. Der Aldi unter den Fluggesellschaften bietet Flüge von Berlin nach Brüssel schon ab 39,90 an. Ohne Umsteigen! In einer Stunde! In der Zeit fährt die Bahn für den selben Preis höchstens bis Magdeburg!

Dank EasyJet kann also jeder arme Idiot durch die Gegend fliegen. Dementsprechend gestaltete sich dann auch der Bildungsstand, die Sozialisation und die Anzahl der Mitreisenden, die sich vor der Abfertigung wie vor der Bückware des Winterschlussverkaufs drängelten, um sich röntgen und befummeln zu lassen. Für 39,90 röntgt mein Zahnarzt höchstens den rechten Schneidezahn. Ohne Fummeln!

Da meine Schuhe einmal mehr als 39,90 gekostet hatten, piepten sie besonders intensiv. Zudem sind Stahlkappen in den Schuhen und alters- bzw. hormonell bedingter Haarausfall eine Kombination, die bei vielen Menschen Schubladendenken verursacht.  Das Piepen, die Frisur und jene Unibodyaluminiumpenisverlängerung, von der ich gerade diesen Text lese, machten mich zu einem potentiellen Terroristen.

So in etwa, wie eine Muslima, der man das Kopftuch wegnimmt, sich nackt und beobachtet fühlt, fühlt sich auch ein Grufti, wenn er hellgraue Socken anhat und entblöst in einer Ecke sitzt, während eine strenge Frau in Uniform nur Augen für seine Schuhe hat, sie beschnuppert und befummelt… und sich dabei aber leider nur Gedanken um die politischen Vorlieben ihres Opfers macht. Naja, es wurde halt nichts mit uns beiden…
Und weil in meiner Unibodyaluminiumpenisverlängerung kein Sprengstoff gefunden wurde, ich das Mundwasser, um seine Ungefährlichkeit zu demonstrieren, auf ex trank und auch das Haltbarkeitsdatum der Kondome noch nicht abgelaufen war, durfte ich dann doch mitfliegen.

Im Gegensatz zu Aldi betreibt EasyJet eine rigide Zweiklassenpolitik. Es gibt doch tatsächlich eine Businessclass… Die Einäugigen unter den Blinden, die Armen unter den Mittellosen dünsten dieses, mit weiteren 19,90 erkaufte Privileg, vorn sitzen zu dürfen, so penetrant aus, wie mein Sitznachbar das Knoblauchgranulat seines letzten Essens. Businessclass im Billigflieger… das ist wie Doppelzimmeraufschlag im Obdachlosenheim… Wie ein bezahlter Privatparkplatz für ein geklautes Fahrrad vor der S-Bahnstation…

Der Flug glich einer einstündigen Nonstoppverkaufsveranstaltung. Vollgefressen mit 4€ Schnäppchenmuffins, ausgestattet mit Parfüm, einem EasyJet Flugzeugmodell und einer Bonuskarte für Europcar landeten wir aber, wie versprochen, nach einer Stunde nicht in Magdeburg, sondern in der Reichshauptstadt Brüssel. Von der Gangway rutschten wir direkt in einen Zug, der uns nach Antwerpen brachte.

Guildhouses_AntwerpAntwerpen dealt mit Diamanten und hat einen Hafen. Antwerpen ist reich und extrem chic. Schon der Bahnhof ist so groß, dass man sich wundert, wieso die Deutschen den damals nicht getroffen haben. Weil Antwerpen nämlich so reich ist und einen Hafen hat, hatten es die Deutschen nämlich oft genug beschossen, aber Gott sei dank eben nicht so oft getroffen. Ich habe noch nie so eine schöne Stadt gesehen, die ihren Reichtum so geschmackvoll zur Schau stellt.
Und diese Stadt ist zudem extrem ausländerfreundlich. Im Grunde besteht ja die Bevölkerung Belgien nur aus Ausländern, die zudem keine eigene Sprache haben. Es gibt französisch sprechende Belgier und niederländisch sprechende Belgier, die sich allerdings ständig streiten, in welcher Sprache sie regiert werden wollen. In Antwerpen tummeln sich zudem ganz viele orthodoxe Juden, die sich aber erstaunlicher Weise mit den ebenfalls zahlreichen Muslimen ganz gut vertragen. Das liegt wohl daran, dass alle integriert sind. Nur ein paar verarmte Ausländer schleichen staunend an den Schaufenstern vorbei, weil die sich das alles nicht leisten können. Ich bin einer von ihnen.
Als Berliner gehört man in Antwerpen zu den Ärmsten der Armen und wird aber dennoch sehr zuvorkommend behandelt. Schon das Empfangskomitee vor der Bahnhofshalle versucht alles, dass wir uns heimisch fühlen können. Ein Schauspielstudent spielt vor dem Bahnhof einen angetrunkenden Straßenmusikanten und ein Trupp Zeugen-Jehovas-Aussteiger mimt die Zeitungsabo-Armada. Sie verteilen aber Ostereier statt Wurstblatt-Gratisausgaben- ohne eine Unterschrift zu verlangen.

Komischerweise reden die Belgier immer als seien sie betrunken, obwohl niemand auf offener Straße trinkt und ein Kneipenvollrausch locker ein Hartz4-Vollgehalt verschlingen würde.  Dafür wird aber erstaunlich oft in der Öffentlichkeit uriniert. Vielleicht fällt das aber auch nur so exorbitant auf, weil man für seine Notdurft sich hier kein verborgenes, wildbewachsenes Eckchen suchen muss – ganz einfach, weil es keine solchen Ecken gibt. Alles ist geteert, betoniert bzw. akkurat geschnitten.
Auf dem sonst blitzsauberen Bahnhofsvorplatz hat man lediglich vier Kippen und einen halb aufgerauchten Dübel wie weggeworfen hintrappiert, wohl extra für uns, denn es sollten die einzigen Zigarettenreste sein, die wir in der Antwerpener Altstadt jenseits eines Aschenbecher zu sehen bekamen.

Ich war gerührt, denn auch wenn es nicht authentisch war, irgendwie inszeniert wirkte, so war es doch gut gemeint und extra für uns gemacht, denn nur ein Europäer geht gesenkten Hauptes durch jede Stadt, die über 500 000 Einwohner hat. Und das ist der Berliner. Jedoch fehlen Hundehaufen in Antwerpen völlig, obwohl es Hunde gibt, die ganz offensichtlich weder scheißen noch pinkeln.
Denn alle nicht betonierten oder gepflasterten Flächen sind in dieser Stadt eingezäunt und man kann die gassigehenden Vierbeiner lange beobachten… Sie versuchen vergeblich, sich durch die Gitterzäune auf die Wiesen zu zwängen, jaulen die Bäume in der Ferne an, pinkeln immer nur kurz und leidenschaftslos, wenn niemand guckt und – sie scheißen nicht…
Deshalb hebt auch der Berliner in Antwerpen irgendwann selbstsicher sein Haupt und bestaunt die einzigartige Architektur, die niedlichen Art-Deco Häuser und die riesigen Kirchen.

Um die Überlebenschancen an einem fremden Ort berechnen zu können, braucht der Berliner zwei mathematische Größen. Zum einen den Späti-Preis des billigsten Bieres in der Stadt. Zum Anderen den Durchschnitts-Döner Preis in seinem Aktionsradius. Nun, das billigste Bier kostet in Antwerpen mehr als doppelt so viel wie in Berlin- und es ist obendrein auch nur halb soviel in der Flasche! Weil es zudem keinen Döner unter 5 € gibt, sind die Überlebenschancen eines Berliners in Antwerpen etwa mit denen auf dem Mars zu vergleichen.

Wie wir dennoch 3 Tage überlebten ist eine andere Geschichte. Sie hat etwas mit dem Alkoholgehalt des belgischen Bieres zu tun. Der liegt nämlich bei 6,5% – 10,5 % . Das erklärt auch, warum die Belgier so komisch reden, in der Öffentlichkeit so wenig trinken – und öfter an Häuserwände pinkeln, als ihre Hunde.

ToM

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Autor: Thomas Manegold

Autor, Künstler, Mediengestalter, Periplanetaner

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