Sinnlos (aus Morbus Dei 2007)

Mein Bruder ist sehr anstrengend. Er will immer alles ganz genau wissen. Immer wenn ich von meinen nächtlichen Streifzügen heimkehre, soll ich ihm erzählen, wie es war. Wie die Dinge aussehen, interessiert ihn dabei weniger, er will vielmehr detaillierte Beschreibungen von den Dingen, die in mir ablaufen. Emotionen, sagt er, sind die Essenz des Seins. Emotionen, sage ich, sind lästige chemische Reaktionen im Körper, die uns zu allerlei erniedrigenden Handlungen treiben, Ängste schüren, Begierden wecken, Süchte pflegen. Berichte ich ihm von einem Umtrunk an der Bar, will er die Beschaffenheit der Gläser wissen, wie der Drink schmeckte und den Klang der Stimmen meiner Kumpanen beschrieben haben. Selbst wenn es dabei um Frauen geht, will er wissen, wie sie sich anfühlten und was ich dabei empfunden habe.
Kleine Brüder können einem ganz schön auf den Geist gehen. Meiner ist zudem mit dem Fluch eines aktiven Hirns belegt und zugleich mit der Unfähigkeit, es abzuschalten. Er liest mit den Händen und Ohren. Fragt ständig seine menschliche Umgebung aus. Und er spielt leidenschaftlich gern Klavier.
Andere Menschen mit einem ähnlichen Aktivitätsvolumen sind frühzeitig mit einer entsprechenden Erziehung auf Linie gebracht worden oder haben gelernt, ihren Überschuss an Intelligenz mit ein paar alkoholischen, pharmazeutischen oder telenovistischen Überdosen einzudämmen. Mein Bruder dagegen hat so etwas Ähnliches wie eine Äthanol-Allergie, denn er musste damals, als wir mit dreizehn unsere ersten Dosen von der Tankstelle geholt hatten, schon nach dem ersten Bier kotzen. Weichmacher hat er seitdem immer vermieden.
Im Gegensatz zu mir, seinem etwas älteren Zwilling, ist er von Geburt an blind gewesen, sodass die schrittweise Verblödung vom Sandmann über Top of the Pops bis hin zum arbeitnehmergerechten GZSZ-Tagesschau-Cocktail spurlos an ihm vorübergegangen ist.
Wäre er nur ein paar Jahre später geboren, dann hätte die Welt wohl einen Genius weniger, denn mittlerweile gibt es ja bekanntlich das Fernsehen für Blinde. Wie das geht, weiß ich nicht, ich weiß nur, dass es ohne Blindenfernsehen gar kein Programm mehr gäbe, weil es politisch unkorrekt wäre, ebenso, wie Gebirgswanderwege, die nicht behindertengerecht sind. Dieses Gutsein auf ganzer Linie lässt irgendwann globalisierte Bauunternehmen im Namen der Gleichberechtigung Berge wie den Mount Everest abtragen oder zumindest rollstuhlgerecht ausgleichen. Und es lässt heute schon Millionen Sehende die Augen schließen. Derweil verrecken die Kinder derer, die unseren Supermarktfisch filetieren, daheim in Afrika immer noch. Verhungern vor vollen Schüsseln. Für mein Sushi. Ich messe die Relevanz eines Tages an der Anzahl der Toten in den Tagesthemen. Mein Bruder hat Ulrich Wickert nie gesehen. Genau das unterscheidet uns so messerscharf.
Er träumt von einer Frau, einer ganz bestimmten, wie er sagt, und weil er sie nicht sehen kann, weiß er auch nicht, wie sie aussieht. Er erinnert sich nur an ihren Herzschlag und an den Regenbogen, zu dem sie gemeinsam fliegen. Der Regenbogen besteht in seinem Traum aus Musik, aus einem Kanon, der die Seele schwingen lässt, der erhaben ist über das Elend in uns allen und der mit seiner grenzenlosen Euphorie den Tränen Einhalt gebietet, obwohl dieser Regen des Leidens ihn erst erschaffen hat. Deshalb verblasst er auch so schnell, wie sein Echo sich in den Bergen verliert, und er hinterlässt in meinem Bruder jene Sehnsucht, die ihn treibt, und den Schatten einer verwandten Seele.
Einmal habe ich ihn darum gebeten, mir den Regenbogen doch einmal vorzusingen, worauf er laut zu lachen anfing und mir erklärte, dass der Zauber der Musik sich im Klang manifestiert, in den Pausen, in denen die Töne schwingen. Da sitzt er nun. Lauscht dem Echo seiner Träume hinterher und wartet auf diejenige, die ihm sagen kann, wie blau klingt oder wie sich rot anfühlt oder wie zum Geier ein Sonnenaufgang aussieht…
Er wird niemals erfahren, welche Farbe Mozarts Requiem hat. Er weiß zwar, dass auf der Version, die ich unserem Vater als CD zu Weihnachten geschenkt habe, der Cellist  hinten rechts ziemlich demotiviert spielt, aber er weiß nichts vom rotbraunen Schimmern in den weiten Tälern zwischen den Klängen.
Dass es sie gibt, weiß ich von ihr, von Sophie, denn sie sieht jenes Flimmern zwischen den Tönen ebenfalls. Ja, wir sind das Traumpaar! Kennengelernt habe ich Sophie im Kino. Sie saß da und hatte die Augen geschlossen. Ich saß eine Reihe vor ihr und schaute sie an, die ganze Zeit, bis meine Freunde heim wollten. Da war der Abspann längst gelaufen, und sie lächelte mich an, ohne die Augen zu öffnen.
Sophie war blind, wie mein Bruder, und ich war in sie verliebt seit dem Langnese-Werbespot. Und von diesem Augenblick an hatte ich Angst, sie würde etwas von ihm erfahren. Um sie davon zu überzeugen, dass wir füreinander geschaffen waren, begann ich mich für Synästhesie zu interessieren. In einer Art selbst verordnetem Schnellkurs lernte ich Farben für alle möglichen Begriffe auswendig.
Der Dienstag ist azurblau, der Kammerton A dann doch eher ultramarin… Blau war meine Lieblingsfarbe und mein Lieblingston. Jede freie Minute widmete ich meiner Ausbildung zum Synästhetiker. Ich steigerte mich so ins Farbenhören hinein, dass ich irgendwann Sophie gegenüber kein schlechtes Gewissen mehr hatte, vielmehr glaubte ich tatsächlich, einen Anflug von Pink zu sehen, wenn das Telefon klingelte.

Morbus Dei
Morbus Dei

Meinen Bruder hat Sophie nie kennengelernt. Es ist nicht schwer, zwei Blinde, die einem vertrauen, daran zu hindern, dass sie sich über den Weg laufen. Wenn ich die Augen schließe, bin ich die perfekte Kopie für Sophie. Wir schlafen miteinander, wir träumen miteinander.
Doch in meinen Träumen bin ich allein. Ich suche dann immer ein Haus auf dem Berg, denn ich habe Angst vor den Fluten. Zu oft habe ich meine Hütte zu nah am Wasser gebaut und bin gnadenlos ersoffen. Doch das Haus, in dem ich wohne und zu dem es mich immer wieder zieht, steht auf einer Insel, inmitten eines tiefen, schwarzen Sees, in einem Land, das keinen Regen kennt, kein Leiden, kein Weinen und keine Sehnsucht, die es lohnend erscheinen lässt, sich erneut zu erschöpfen, um im Schlafe den Klängen der verwandten Seelen zu folgen. Das Wasser, das den See erfüllt und mir Leben verheißt, fließt tränengleich aus den Tälern der Traurigen zusammen. Sie weinen für mich, der keine Träne vergießen kann.
In meinem Traum bin ich blind. Immer dann, wenn ich die Augen schließe, bin ich also vollkommen. Vollkommen für Sophie, wenn sie wach ist.
In ihren Träumen fliegt sie mit mir in einen Regenbogen, sagt sie, einem Regenbogen aus Musik, aus einem Kanon, der die Seele schwingen lässt. Sie glaubt, dass wir uns treffen in den Träumen und dass ich mich nur nicht erinnern kann. Ich weiß es besser und beginne zu weinen, denn dort, wo ich wohne, regnet es nie, und deshalb werde ich niemals wissen, wie ein Regenbogen klingt.

Morbus Dei

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Autor: Thomas Manegold

Autor, Künstler, Mediengestalter, Periplanetaner

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