Europas neue Toleranz

Thomas Manegold - Der Schläfer in der Stadt (c) periplaneta 2014 - All rights reserved

Conchita Wurst gewinnt den ESC.

Den europäischen Liederwettstreit gewinnt eine Frau mit Bart. Toll. Europa feiert deshalb seine neu gefundene Toleranz. Das macht schon Bauchweh. Europa hat auch zwei Jugendliche ausgebuht, die aus einem Land kommen, dessen Staatschef gerade aus der Reihe tanzt. Und es war besonders freundlich zu den Vertretern jenes Landes, das Europa gerade annektieren will. Der ESC ist natürlich auch politisch… 🙂 … Er ist das, was an Politik noch übrig ist und der größte mediale Test, ob die Meinungsmache noch funktioniert.

Sicher ist der European Song Contest unter den ganzen Weltkriegsersatzhandlungen die mit der wenigsten Gewalt. Die Nationalitäten besinnen sich auf das, was sie im Europa des dritten Jahrtausends eigentlich ablegen sollen, auf ihre Identität. Schwenken Fahnen, schicken ihre Clowns in den Ring und stimmen ab, wer sich am schönsten verrenkt. Wobei die Clowns jener Länder, in die man lieber einmarschieren würde oder vor deren Einmarsch man Angst hat, mit Tomaten beworfen werden. Und jene, die gern zusammen marschieren würden, finden sich gegenseitig großartig. „Brot und Spiele“ ist und bleibt aber immer noch die bessere Alternative zu dem, was die Boulevard-Medien gerade jeden Tag herbeireden wollen. Wir hätten Angst, wenn wir nicht so satt und beschäftgt wären.

Aber es ging ja um eine Frau mit Bart – die auch noch Wurst heißt. Und jetzt dennoch artig durch die Medien gereicht wird. Nicht als GewinnerIn, sondern als schillerndes Beispiel unserer Aufgeklärtheit, Modernität und Unverklemmtheit, mit der wir angeblich auch Lebensentwürfe tolerieren, die von dem eigenen abweichen. Im Grunde wissen wir, dass das Blödsinn ist, denn auch jenes von Frau Wurst so souverän und einzigartig zur Schau gestellte Anderssein wurde zuallererst auf Bühnen und zur eigenen Belustigung toleriert. Auch Liberaces oder Freddie Mercurys oder Elton Johns Schwul- oder Bi-sein konnte die Welt ertragen, als Extrovertiertheit, als Accessoire, wie eine Clownsnase oder eine Federboa, was ja irgendwie zum Kasperletheater dazugehört, das uns zerstreut und amüsiert. Es wird beklatscht und bestaunt und belächelt. Was ja auch vollkommen OK ist. Schließlich gibt es auf Erden keine friedlichere Koexistenz als die zwischen den Clowns und dem Publikum. Bis es aber auch jenseits des Zirkus‘ ganz normal und vor allem egal ist, ob man der, die oder das ist und wie man mit wem schläft, wird es noch ein bisschen dauern.

Schubladendenken und Konformität sind die Geschwüre in unseren Köpfen, die all das Fremde und Andere verbieten und bekämpfen lassen oder eben es zu Tode ignorieren, wenn verbieten und bekämpfen nicht hilft. Das Individuelle, das NonKonforme und Einzigartige sollte heilig sein. Bislang war das auch immer zugleich das Abseitige, Verbotene, Verruchte. Und sorry, aber ich persönlich möchte, dass es auch ein bisschen so bleibt. Wie soll ein Spießer denn noch Angst haben, wenn plötzlich ein Punk die Nachrichten vorlesen dürfte. Wo kämen wir hin, wenn solch ein verstockter Haufen wie die CDU plötzlich in der Öffentlichkeit Lieder von den Toten Hosen mitsingen würde? Soweit geht meine Toleranz dann irgendwie nicht.

Man soll vielleicht nicht zuviel verlangen. Noch vor 100 Jahren hätte man Frau Wurst eher in einem Käfig auf dem Jahrmarkt vorgeführt und in anderen Gegenden würde man sie immer noch einfach wegsperren oder umbringen. Aber gestern Nacht hat auch einfach nur, im Anbetracht der Auswahl, eines der besten Lieder und Performances „gewonnen“. Ein „Mit Kanonen auf Spatzen“ und ein „Perlen vor die Säue“ war das. Ordentlich Glam, viel Pathos und viel Kitsch gegen eine Armee der Blassen und extrem Bemühten.

Die größte Überraschung war ja eigentlich, das ausgerechnet die Österreicher …  diese … diese …

Ups, da war es wieder, das Vorurteil.

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Autor: Thomas Manegold

Autor, Künstler, Mediengestalter, Periplanetaner

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