Sterben 2.0

Thomas Manegold - Der Schläfer in der Stadt (c) periplaneta 2014 - All rights reserved

In unserer Welt wird gerade viel gestorben. Sorry, es muss heißen: In UNSERER Welt wird gerade viel gestorben. In der Welt an sich gibt es deshalb keine statistische Verschiebung. Sechsstellige Leichensummen pro Krisenherd werden von 300 Flugzeuginsassen und 500 Abschüssen in irgendeinem Ghetto nicht aufgewogen. Denn das einzige, woran wir uns aufgeilen können, sind Superlative und Tabubrüche. Pietät ist nur ein leeres Wort.

Als ich nachschauen wollte, wieviele unbeteiligte Erstweltler im Himmel über der Ostukraine verreckt sind, da stand doch an der selben Stelle, wo noch gestern der Abschuss-Liveticker war, dass die Anzahl der Fettleibigen bis 2030 wahrscheinlich zunehmen wird. Vor dem Abschuss der Passagiermaschine waren wir noch Weltmeister. Wenn werauchimmer das Flugzeug eine Woche vorher vom Himmel geholt hätte, dann hätten wir es wohl in der Weltmeistereuphorie gar nicht mitbekommen, so wie die feierliche Eröffnung des werweißwievielten Krieges im Nahen Osten.

In einer auf der Welt einzigartigen Mischung aus Reservat und Ghetto sterben ein paar Zornige und ein paar Soldaten, aber doch in erster Linie sogenannte Zivilisten. In den Medien, die für meine Konditionierung zuständig sind, ist inflationär die Rede von Krieg. Aber irgendwie sieht das mir doch sehr stark nach Vernichtung aus, wenn eine hochgerüstete, hypermoderne Armee auf eine ausgehungerte und gedemütigte Bevölkerung schießt und ihre Behausungen plattmacht. Keiner sagt etwas, weil sich niemand den Mund verbrennen will, weil die Ursprünge der hoffnungslosen Zerrüttung so weit in unser aller ausgeblendete Vergangenheit zurückreichen und wir uns daran längst wundgesehen haben, wie Menschen generationentief in der gegenseitigen und mittlerweile globalen Unerwünschtheit verwurzelt sind, inhaftiert und diffamiert werden – und es offensichtlich bei den Rohölpreisen nicht rentabel ist, sie zu deportieren, bevor man ihre finale Aufbewahrungsanstalt ausradiert. Und ja, auch die Festungen sind irgendwann von den Gefängnissen nicht mehr zu unterscheiden. Aber wie sollen wir solche Wahrheiten verstehen, sind wir doch vor 20 Jahren in eine eingemauerte Stadt eingefallen, um dort unsere neue Freiheit zu feiern. Was aus Reservaten und Ghettos und Gefängnissen nach dem Showdown wird, wissen wir dennoch: Entweder Rummelplätze, wo man die Reste der vernichteten Kultur zur Schau stellt oder Gedenkstätten, die man als Gewissensendlager für die Täter und Anstifter benutzt und als Next-Generation-Schuldaufladestation.

An anderer Stelle bläst man ungleich kommentierter den Unbeteiligten die Lichter aus. In dem Maße, wie die Katastrophe in Gaza totgeschwiegen wird, wird sie in der Ukraine totgeredet. Immer schön am Thema vorbei, wobei jede Partei jede Eskalation für ihre individuellen Interessen missbraucht. Urlauber werden vom Himmel geholt, und selbst um deren Überreste wird gestritten und gefeilscht. Restbestände kollektiven Anstandes und humaner Vernunft erlauben uns nur noch fassungsloses, hilfloses, parkinsonsches Kopfschütteln. Schuldfragen werden diskutiert, aber nicht geklärt. Und selbst wenn es dazu käme und man sich auf eine einfache Gut-Böse-Rollenverteilung einschießen würde, würde man immer noch die Falschen treffen. Die nahenden Osten sind überall. Und dennoch ist alles, was man darüber zu wissen glauben soll, einfach nur manipulatives Gewäsch und von Wahrheit und Wirklichkeit weiter entfernt, als der nächste bewohnbare Planet von unserer Welt des Kriegshandwerks.

Im Gedenken an die Opfer auf allen Seiten eines sich emsig vergrößernden Kreises.

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Autor: Thomas Manegold

Autor, Künstler, Mediengestalter, Periplanetaner

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