Betroffenheitsbulimie

Thomas Manegold - Der Schläfer in der Stadt (c) periplaneta 2014 - All rights reserved
Polemische Ergüsse gegen Ignoranz, Dummheit und Armleuchter.
„Was sagst Du denn zu Pegida?“
„Zu was?“
„Na zu den Rassismusdemos in Dresden?“
„Nix“
„Es ist Dir also egal?“
„Nein, ist es nicht, aber ich gehöre zur schweigenden Minderheit.“
„Ihr Schweine seid die schlimmsten. Alle berichten darüber und Du hast keine Meinung?“
„Ich will nur nicht drüber reden.“
headfeed„Aber PEGIDA ist in der Medienlandschaft DAS Thema!“
„Genau deshalb. Lass uns doch drüber reden, was Du alles so zu Weihnachten gekauft hast.“
„Willst Du mich verarschen?“
„Dann lass uns über das Plastik im Meer reden oder über unsere Außenpolitik oder darüber, wieviel Sprit die Merkel bislang für die Umwelt und die Energiewende verflogen hat… und was man alles hätte damit machen können.“
„Du schaust also weg, wenn 17 000 Leute fremdenfeindliche Transparente schwingen?“
„Nee … ich schau nicht hin … „
„… so wie damals, als auch alle weggesehen haben, dann ist das mit den Juden passiert.“
„Mit dem Dritten Reich hat eine pseudomilitante Religions- und Zuwanderungskritik nichts zu tun. Eher mit dem Vierten. Ja, ich meine dazu gar nichts. Weil mir ja alle sagen, dass ich etwas meinen soll“
„Wie soll denn das Abendland Deiner Meinung nach gestaltet werden?“
„Das Abendland ist mit dem Römischen Reich untergegangen. Damals, als die Erde noch eine Scheibe war.“

„Wer nicht gegen die ist, der ist für die…“
„Merkst Du nicht, dass genau das passieren soll? Dass da etwas nicht stimmt? Fakt ist doch, dass die Ängste und Feindbilder, die dort zur Schau gestellt werden, über Jahre von Medien wie Bild, Spiegel und den Fernsehsendern gezüchtet wurden. Die Demonstranten reden von „Lügenpresse“ und merken nicht einmal, dass sie diese „Lügenpresse“ eigentlich zitieren. Das ist das Lustige an dieser Farce.“

(Rether 2008)

„ICH finde das nicht lustig. Wir sollten uns schämen, weil das passiert!“
„Schämen, genau, Scham und Schuld. Ganz wichtig.“
„Und dann auch noch in einem Bundesland, wo es ganz wenige von denen gibt.“
„Von DENEN 🙂 Genau! Wer sind DIE denn?“
„Na eben die Aus…, die  Ein…, die Flüch…“
„Was ist daran so ungewöhnlich? Oder so besonders empörenswert? Wo soll sich denn eine Hasskultur aufbauen? In Neukölln oder im Wedding? Fremdenfeindlichkeit kann nur dort Wurzeln schlagen, wo die Fremden fremd sind.
„Bei den dummen, undankbaren Ossis, die den Hals nicht voll genug bekommen, die jahrelang … „
„Im Tal der Ahnungslosen steht nur das Collosseum. Die Streithähne kommen auch von hinter den sieben Bergen… Fakt ist auch, dass viele „Forderungen“ jenseits der Parolen logisch und teilweise sogar vernünftig klingen.“
„Wie kannst Du sowas sagen!“
„Hast Du sie gelesen??“
„Natürlich!!!!“
„Also bis auf die Positionen 7, 8, 9, 11 und 13 kann man das alles getrost unterschreiben. Und eben diese Punkte, mit denen ich nicht einverstanden bin, gehören seit Jahren ganz normal zu einer typischen Gesinnung eines konserativen Deutschen.“
„…“
„Was meinst Du denn dazu?“
„Äh … Ist das auch Deine Gesinnung oder was?“
„Steck mal das Messer wieder ein… nee, ist es nicht. Aber ich weiß, dass mehr als 17 000 Menschen in Deutschland (erz)konservativ und (spieß)bürgerlich denken und die meisten wissen es nicht einmal.“
„Was willstn damit sagen?“
„Mehr Polizei, geregelte Zuwanderung, Abschiebung bei Straftaten. Heimatschutz und  jüdisch-christliche Wertegemeinschaft. Das wählen doch in Deutschland alle vier Jahre über 50 %. In Dresden wird zwar viel Scheiß gebrüllt, aber eine Parole stimmt.“
„Da bin ich aber mal gespannt, welche denn?“
“ Na: Wir sind das Volk 🙂 Fakt ist, dass jetzt das „Volk“ wieder mit sich selbst beschäftigt ist, weil man es gegeneinander aufgehetzt hat. Und während sich die Mieter streiten, wer im Nebenhaus einziehen darf und wer nicht … wird die ganze Stadt verkauft. Oder angezündet. Oder brennt längst lichterloh. „Die da oben“ schauen zu, hauen sich die Taschen voll und teilen die Welt neu auf, während „Die da unten“ endlich wieder was zum Hassen haben.
„Das ist rassistische Kackscheiße was PEGIDA da macht!“
„Ist es nicht. Es mögen dort auch kranke, reaktionäre Dumpfbacken mitlaufen. Aber dort sind auch nicht mehr Rassisten und Dumpfbacken als woanders.“
„Heute Dresden und morgen …“
„Bonn, Köln, Düsseldorf, Kassel … Aber nicht nur die Nazis bekommen einen Flächenbrand hin. Und der wird kommen, dieser Flächenbrand … er ist geplant und gewollt und gerade verhalten sich alle so, wie sie es sollen.“
„Eben, wir müssen …“
„… uns mal wieder empören, ich weiß… Die da unten sind alle an Dummheit, Selbstgefälligkeit und Einfalt nicht zu überbieten. Die einen machen den Muselmann für ihr Scheitern verantwortlich, lassen sich aufs Kreuz legen und festnageln, anstatt mal drüber nachzudenken, warum uns die Welt gerade um die Ohren fliegt. Auf der anderen Seite bagatellisieren die anderen da unten Wörter wie „Rassismus“ und „Nazis“ durch inflationären Gebrauch, schnappen nach jedem Leckerlie, greifen jedes Klischee auf, kommentieren jede leere Worthülse bis zum Erbrechen, füttern Stereotype, Klischees und Vorurteile. Meinen sich weltoffen und human, reden aber auch als selbstdiagnosizierte Gutmenschen über Migrationsanteile. Das ist eine vollkommen neue Form von Betroffenheitsbulimie. Die Kotze aufschlecken und wieder erbrechen… „Wir hier unten“ haben uns mal wieder foppen lassen.“
„Wieso wir? Ich bin nicht bei PEGIDA.
„Aber jeder nutzt diese armen Irren aus.“
„Und wofür bitteschön?“
„Für seine Interessen. Rechts-Links-Gradeaus. Jede differenzierte Auseinandersetzung mit Religion allgemein, dem Islam selbst, der Zuwanderung an sich, dem Miteinander überhaupt wird bald unmöglich sein. Man hat sich zu entscheiden. ProChristlich oder ProIslam, ProDeutsch oder ProFreihandel. Schwarz-Weiß. Pegida hilft, Menschen zu sortieren, nach Alter, Geschlecht, Religion, Besitzstand und Gesinnung.“
„Dagegen bin ich doch auch! Und für eine humane Flüchtlingspolitik“
„Flüchtlinge brauchen doch keine Politik. Und keine zum Himmel schreiende, kotzarrogante, exaltierte Humanität. Die könnten sich nicht mal die Klamotten von Humana leisten. Sie brauchen Dein passives Helfersyndrom nicht. Nur ein Dach über dem Kopf und was zu essen. Und vielleicht ein Leben zurück. All das haben wir hier im Überfluss und werfen täglich das meiste davon weg. Aber diese Flüchtlinge sind längst ein Wirtschaftsfaktor. Sie werden instrumentalisiert im Geschäft mit der Angst und der Ablenkung. Man sollte jedem dieser armen Schweine einfach nur 10% von dem Geld geben, was sie den Firmen einbringen, die sie füttern und überwachen. PEGIDA ist ein willkommenes Phänomen, an dem sich alle aufmerksamkeitsdefizitären Menschen und Organisationen festsaugen und reiben können, etwas, das vom eigenen Elend ablenkt …“
„Bist Du nun für oder gegen PEGIDA.“
„Ja, ich bin auch gegen die Islamisierung. Ich war damals schon entschieden gegen die Christianisierung … Aber auf mich wollte ja keiner hören.“
„Ich glaube Du solltest jetzt besser gehen, mit sowas wie Dir…“
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Autor: Thomas Manegold

Autor, Künstler, Mediengestalter, Periplanetaner

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