Von Märtyrern und Feiglingen

Thomas Manegold - Der Schläfer in der Stadt (c) periplaneta 2014 - All rights reserved

Der Anschlag auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ in Paris.

Märtyrer sind Menschen, die um des Bekenntnisses ihres Glaubens willen leiden, ggf. ihren gewaltsamen Tod erdulden. Der Überlieferung nach war dieser Jesus so einer. Hat sich filetieren lassen. Für seinen Glauben. Und die Legionen um Mel Gibson haben mit den iPhones draufgehalten und nichts dagegen getan.

Setzt man Glauben in dieser Definition gleich mit „Überzeugung“, dann haben wir jetzt auch ein paar von denen: Märtyrer. Wir sollten sie vielleicht auch ehren und Denkmäler bauen. Das hilft. U.a. starben Karikaturist Bernard Verlhac („Tignous“), der Chefredakteur Charb und die Karikaturisten Georges Wolinksi und Cabu im Kugelhagel. Weil sie Strichzeichnungen gemacht und veröffentlicht haben? Gehts noch? Und wir sollten auch denen gedenken, die bei der Hinrichtung einfach miterschossen worden.

Aber wahrscheinlich werden sie schnell vergessen werden, denn jene „Meinungsfreiheit“ oder „Pressefreiheit“ ist uns Aufgeklärten längst nicht mehr so „heilig“, wie sie es sein sollte. In der totalen Kommerzialisierung und Instrumentalisierung von Information und Unterhaltung ist uns das alles nicht mehr so wichtig. Die Journalie nagt am Existenzminimum und kann sich einzig mit der Selbstverpflichtung zur „Wahrheit“ nicht mehr ernähren, weil die „Wahrheit“ immer weniger interessiert. Sagen, denken, wollen… alles so elitärer, überflüssiger Scheiß.

Dass überhaupt im Jahr 2015 mitten in Europa Menschen wegen ein paar Zeichnungen erschossen werden, ist schon ein Schock an sich. Dass sie nun für einen Feldzug instrumentalisiert werden, ein weiterer. Aber die dadurch entfachte und befeuerte Diskussion geht am Thema vorbei, wenn mit diesem Konflikt Juden, Christen und Muslime gegeneinander aufgehetzt werden, wenn darüber gestritten wird, welches Märchenbuch das bessere ist…

Hier kollidiert ein frühmittelalterlicher Glaube nicht etwa mit der noch älteren Christenmär vom zornigen Gott, der Menschen in Salz verwandelt, der Heuschrecken und Hochwasser schickt und der Mo…ses, seinen Propheten, das Meer teilen lässt… (Den Moses darf man übrigens zeichnen. Was aber wahrscheinlich auch nur daran liegt, dass es der Schweizer Garde einfach viel zu lange viel zu gut geht.)
Nein, hier ballerten zwei oder drei Irre auf die Ergebnisse von über 200 Jahren Aufklärung und Säkularisation. Und es ist wirklich langsam mal Zeit, dass die Wissenden dieser Welt sich gegen die überbordende Dummheit erheben, anstatt ständig von irgendeinem Respekt zu faseln, dem man den Glaubenden entgegenzubringen hat. In meiner Welt darf ich glauben was ich will. Und wissen was ich will. Aber leider haben die Heere der Wissenden und Konfessionslosen nicht so das Bedürfnis, sich zusammenzurotten.

Die Welt mag zwar noch einiges an Unerklärbarem parat zu haben, aber meine Welt, in der ich lebe, ist sekular, nicht christlich-jüdisch und auch nicht islamisch sondern humanistisch. Unsere Bücher, nach denen wir leben, heißen „Verfassung“, „Strafgesetzbuch“, „On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life“ oder „Grundgesetz“. Und ich fänds prima, wenn alle Entscheider, Politiker und auch die Mitglieder dieser Gemeinschaft ihre Rituale, die Menschen offenbar immer noch brauchen, mit eben diesen Büchern veranstalten. Man hat Angst zu haben vor einer Kanzlerin, die Physik studiert hat und ihren Amtseid auf die Bibel schwört und mit „So wahr mir Gott helfe“ beendet…

So lange man den schizoiden Fanatikern und alzheimelnden Fundamentalisten und Spaltern ständig ein Mikrofon unter die Nase hält oder Waffen schickt, wird es weiterhin Mord und Totschlag geben. Also schickt die GW Bushs und die Ratzingers dieser Welt gefälligst ins Altersheim, wenn sie Stimmen hören und lasst bitte die Aufgeklärten sprechen. Und unser Zusammenleben danach gestalten, was wir wissen, nicht nachdem, was wir oder andere glauben.

Die Freiheit, zu sagen, zu denken und zu glauben was man will und die Gemeinschaft, die eigene Gesetze des Zusammenlebens über Opferkulte, Enthauptungen, Erschießungen und ähnlichen Wahnsinn stellt, das sind Werte, die man von mir aus auch mit Waffengewalt schützen sollte. Nicht im nahenden Osten, sondern vor der eigenen Haustür. Die Tresore und Erdölvorkommen, um die es die ganze Zeit geht, sind mir persönlich egal. Aber was in Frankreich gerade passiert ist, das betrifft uns alle, nicht nur die paar Ossis und Rentner, die die letzten Diktaturen noch erlebt haben.

Über die Möglichkeit, dass es sich hier um eine „false flag“ Aktion handelt, will ich überhaupt nicht nachdenken. Nein. Allein, dass dies denkbar ist, lässt mich erschaudern. Ändert aber nichts an der Situation und der Moral von meiner Geschichte:

Herr, lass Hirn regnen, denn ich will nicht zwischen Kreuzigung und Steinigung wählen. Nicht im 21. Jahrhundert.

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Autor: Thomas Manegold

Autor, Künstler, Mediengestalter, Periplanetaner

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