Last Grexit For The Lost

Thomas Manegold - Der Schläfer in der Stadt (c) periplaneta 2014 - All rights reserved

Meine lieben korrupten, machtgeilen und verantwortungslosen Volksverdreherinnen und Volksverdreher!
Ui. Da haben wir am Ende Europas nun fast schon demokratische Zustände. Das ist in euren Augen der schlimmste Zustand, den man haben kann. Demokratie! Das ist das Ende! Wenn demos, das Volk, herrscht, wenn auch nur für einen Tag.
Erinnern wir uns: Die Griechen wurden nach ihrer Meinung gefragt. Und haben sie verkündet. Ihr habt ihnen gedroht, sie gefickt und gedemütigt. Ihr habt uns und ihnen den Weltuntergang prophezeit, sollten sie nicht nach eurer Pfeife tanzen. Trotzdem haben sie euch den Stinkefinger gezeigt. Die Griechen, das kleinste und ärmste Volk im größten Knast der Welt. Und?
Die Welt ist nicht eingestürzt. Es gab immer noch Bananen bei Netto und Oliven bei Aldi. Und es ist danach kein Urlauber verhungert.
Auch jetzt werdet ihr nicht müde zu behaupten, dass es euch überhaupt nichts ausmacht, wenn die Griechen baden gehen und dass es euch auch vollkommen egal sein könnte, was da im Land von Schafskäse, Lammfleisch und Riesenbohnen so passiert. Ist es aber nicht.
Im Gegensatz zu euch, ihr korrumpierten Aale, die ihr euch im Kopf der geschlachteten Rösser festgesaugt habt, haben die Griechen nämlich nichts mehr zu verlieren. Nur noch ihre Ketten. Das haben sie euch gesagt.
Gut, wie sie es euch gesagt haben, das war alles ein bisschen dick aufgetragen, diese linke Arbeiterpolemik in einer Zeit, wo es Arbeiter in dem Sinne von 1910 gar nicht mehr gibt.

Wacht auf, Verdammte dieser Erde, die stets man noch zum Hungern zwingt!

Autsch. Ostzonenkindheitsmusikunterrichtstrauma. Und auch völliger Quatsch. Keiner muss mehr hungern. Im Gegenteil. Wir sollen konsumieren … und wir fressen inzwischen doch alle viel zu viel. Okay, ein paar Germany’s-Next-Top-Model-Guckende kotzen es wieder aus, der Rest jedoch neigt zu Speckröllchen.


Aber bis auf das mit dem Hungern und das mit dem letzten Gefecht und bis auf, dass sie den Raben und den Geiern unrecht tut, und bis auf dieses Bild mit der Sonne, die auch selbst den Entrechteten schon ohn’ Unterlass aus dem Arsch scheint, ist Die Internationale noch ein ganz nettes Lied:
Es rettet uns kein höheres Wesen, kein Gott kein Kaiser noch Tribun uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun.
Aber da müsste man halt sein Elend auch erkennen. Das ist schwierig, wenn man satt ist. Auch die Griechen mögen dieses wohlige Gefühl des Gefickt-und-gedemütigt-werdens, solange sie dafür auch Essen, Kleidung, iPhones und die Gehirnwäsche in HD bekommen. Spätestens, liebe Volksverdreherinnen und Volksverdreher, als das griechische Staatsfernsehen, also deren Meinungsmache, zu senden aufhören musste, hättet ihr merken müssen, dass ihr den Karren vor den Olivenbaum fahrt.
Ihr selbstverliebten Schweine, die ihr gleicher seid als die anderen, um mal zur Abwechslung ein orwellsches Bild zu bemühen, habt vergessen, dass man sein Milchvieh auch füttern muss. Und jetzt hat es Frischluft geschnuppert und will seine schlaffen Euter endlich wieder in die Sonne halten. Auch wenn es vielleicht nur noch Gras bekommt. Das ist schlimm. Wirklich schlimm. Es gibt ein Draußen? Da gibt es Gras?
Hätten wir hier drinnen doch einmal nur mitgedacht und uns solidarisch verhalten. Ach hätten wir in den Krisenmonaten einfach mal, anstatt Talkshows zu gucken, einen riesigen Flashmob veranstaltet: Ab fünf vor 12 wird abgehoben. Eine Nation hebt ihr Geld ab. Alles, was auf dem Konto ist. Einfach so zum Spaß.
Dann hätten wir bemerkt, dass all unsere Kontostände auch nur reine Illusion sind. Auch unsere Banken könnten nur einen Bruchteil dessen auszahlen, was auf den Konten drauf ist. Obwohl die EZB fleißig Geld druckt. Einfach nur druckt, ohne dass es dafür einen Gegenwert gibt, was eine massive Geldentwertung und eine weitere Kapitalkonzentration zur Folge haben wird.
Leeres Wort: des Armen Rechte, leeres Wort: des Reichen Pflicht!
Unmündig nennt man uns und Knechte,
duldet die Schmach nun länger nicht!
Fürs allgemeine Verständnis: Die Europäische Zentralbank druckt Geld, kauft damit Staatsanleihen auf und wirft so rund 60 Milliarden Euro auf den Geldmarkt – was jetzt nicht sonderlich viel ist, wären es nicht 60 Milliarden pro Monat. Seit Januar 2015. Und wahrscheinlich nonstop die nächsten paar Jahre durch. Lustigerweise schiebt die EZB also den Geldhäusern Europas pro Jahr über eine Billion Euro in den Arsch. Kein Wunder, dass da die Sonne rausscheint.
60 Milliarden pro Monat. 60 Milliarden – so viel Schulden hat die Stadt Berlin. Und die Stadt Bremen bringt es mit rund 20 Milliarden sogar auf eine höhere Pro-Kopf-Verschuldung als die Griechen. Bremen hat rund 30.000 Euro eigene und zusammen mit den Schulden des Bundes über 45.000 Euro Schulden. Pro Einwohner!
Beide Städte geben dennoch pro Einwohner rund 2.000 Euro im Monat allein an Personalkosten für die Selbstverwaltung aus. Jeder Einwohner von Berlin hat also statistisch einen persönlichen Pfleger, der nach Tarif bezahlt wird. Ich weiß ja nicht, wie es den anderen Berlinerinnen und Berlinern geht, aber ich habe meinen Pfleger noch nie gesehen.
Und genau deshalb, liebe Volksverdreherinnen und Volksverdreher, schlürft und schleimt ihr zu Hunderttausenden um die unsäglich vielen Posten und Pöstchen herum. Deshalb ist jeder sich selbst der Nächste und versucht, etwas vom großen Kuchen zu ergattern, den eh keiner mehr bezahlen kann. Man sollte sich vielleicht mal ans eigene Glied fassen, anstatt ungefragt ständig an anderen herumzufingern.

(Aus: „Last  …exit for the Lost“, HEIMATHIEBE, Release November 2016) )

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Autor: Thomas Manegold

Autor, Künstler, Mediengestalter, Periplanetaner

1 Kommentar zu „Last Grexit For The Lost“

  1. die grosszügigen europäer gegen die faulen griechen, die partout nicht einsehen wollen, was doch eigentlich zu ihrem besten ist. zocker, chaostruppe, dilettanten, schurken. die spitzenpolitiker und kommentatoren (allen voran die bayerischen vollhorsts) haben jetzt jede zurückhaltung abgelegt, wenn es um kritik an der vom griechischen volk gewählten regierung geht. geht es tatsächlich nur ums geld, oder eher doch darum, eine linke regierung loszuwerden, die sich dem (placebo)spardiktat einfach nicht beugen will?

    wie sah das so grosszügige angebot der europäer wirklich aus? gab es ein hilfsprogramm über 35 milliarden wirklich? in dem verhandlungspapier kommt die 35-milliarden-hilfe jedenfalls nicht vor. es soll keine rentenkürzungen gegeben haben? was steht im verhandlungsdokument? die krankenkassenbeiträge für rentner sollten steigen und die zuschüsse für niedrige renten sinken – eine faktische rentenkürzung. und der höhere mehrwertsteuersatz? warum verschweigen die meisten deutschen medien diese fakten?
    mehr hierzu: https://campogeno.wordpress.com/2015/07/08/vertragt-europa-keine-demokratie/

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