Die Kränkungen des weißen Mannes (1)

Thomas Manegold - Der Schläfer in der Stadt (c) periplaneta 2014 - All rights reserved

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Dummheit macht mich aggressiv. Je blöder der Mob, desto gröber sind dann meine Kommentare. Aber manchmal bin auch ich sprachlos. Bei den versuchten Lebendfeuerbestattungen im Osten Deutschlands, die sie in den Nachrichten ohne Altersbeschränkungen zeigten, beispielsweise. Horden lobotomierter Affen zünden Gebäude an und verprügeln Menschen. Die Polizei sieht zu. Und die Regierung beschränkt sich aufs Labern. Eine Ursachenforschung:
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Häuser brennen. Dicke Menschen haben wieder Angst zu verhungern. Rufen „Deutschland den Deutschen” und „Wir sind das Volk”. Ist das eine Eskalation von sogenanntem Patriotismus, von emotionaler Verbundenheit mit der eigenen Nation, die sogenannte Vaterlandsliebe? In Zeiten von Gazprom gegen Shell, statt Deutschland gegen Frankreich? Man ist stolz auf irgendein kulturelles, ethnisches oder politisches Klischee, das einen als Volk definiert.
Ich wüsste nicht, was das in meinem Fall sein könnte. Worauf kann man stolz sein – als Thüringer. Auf die Wurst wahrscheinlich … Aber als Gesamtdeutscher?
Ethnisch, naja, ich weiß nicht. Die Skandinavier sind blonder, die Engländer reden besser, die Italiener riechen besser, die Slawen sind besser im Bett. Wie sonst erklärt sich, dass sich die Missachteten als letztes Mittel Wasserstoffperoxid in die Haare schmieren, dass wir zu unseren tragbaren Telefonen Handys und zu unseren Rucksäcken Bodybags sagen, uns Versace über den Kopf kippen und in den Puffs dieser Nation trotz Wasserstoffperoxid so selten deutsche Frauen arbeiten?
Bleibt als Grund für den Nationalstolz 2.0 nur die Kultur, die typisch deutsche Kultur. Der Hang zu industrieller Tötung beispielsweise. Ich meine, nicht dass wir die Einzigen wären, die gerne Herummetzel(te)n. Darauf haben wir kein Monopol und kein Stolzabo. Aber niemand bekommt das Töten so effektiv und organisiert auf die Reihe wie wir. Ungestört praktizieren dürfen wir die industrielle Tötung aber nur noch am sogenannten Nutzvieh. Vom Ferkel bis zum Gummibärchen …
Bleibt also doch nur eines, worauf wir als Deutsche vereint stolz sein können, im Norden, Süden, Osten und Westen: die industriell gefertigte Wurst. 
Ich will auch mal patriotische Gefühle haben, weil eine deutsche Wurst mich gezeugt hat.
Insbesondere die kleinen Würste glauben sehr schnell, dass sie aufgrund ihres Passes mehr Rechte und weniger Pflichten zu haben hätten als die anderen. Das nennt man dann Nationalsozialismus. Besser gestellt wegen Herkunft und Volkszugehörigkeit. Und jeder, wirklich jeder, der glaubt, dass die Abstammung vom deutschen Hoden ihm auf deutschem Boden mehr Rechte gewährt, als einem ausländischen Idioten, der ist per Definition ein Nazi. Nationalsozial denken in Europa mindestens 50 Prozent der Bevölkerung. Die restlichen armen Irren denken gar nicht oder kämpfen gegen Windmühlen.
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Des Deutschländers Würstchen ist unglaublich stolz, eine weiße Wurst zu sein, und hat immer Angst, kleiner zu sein als die anderen Würste. Schon hier sieht man, dass die Grenzen zwischen den Ismen fließend sind.
Nationalismus: Das Besser-sein und die Diskriminierung des anderen wegen seiner Volkszugehörigkeit oder wegen seines Passes.
Rassismus: Das Besser-sein und die Diskriminierung des anderen wegen sogenannter Phänotypen, also wegen des Aussehens.
Sexismus: Das Besser-sein und die Diskriminierung des anderen wegen des Geschlechts.
Nun ist der Sexismus hierzulande auch nicht mehr das, was er einmal war. Allein in den letzten 100 Jahren musste der weiße Mann seine in über 4.000 Jahren erstrittenen Privilegien aufgeben: Hosentragen, Wahlrecht, Streikrecht, Studienplatz, Orgasmus, Öffentliche Ämter, Rauchen, Kneipe gehen, ein Konto, außerehelichen Sex, fürs Vaterland töten, auf dem Bau arbeiten, ein anderes Hobby als Stricken …
Das alles dürfen im Reich des weißen Mannes inzwischen die Frauen auch.
Und jetzt sollen das die Neger und Muselmänner auch dürfen, wenn sie es hierher zu uns schaffen. Und dann dürfen die Frauen von denen plötzlich mehr, als ihnen ihre Männer erlauben. Konflikte sind da vorprogrammiert. Und wenn man als Deutscher schon nicht mal mehr die eigene Frau schlagen darf, weil das mittlerweile verboten oder sie in den Westen abgehauen ist, dann müssen eben die Fremden herhalten.
Wirtschaftliche Gründe, sie anzuzünden, gibt es nicht. Erstens gibt es in Ostdeutschland noch genug Braunkohle. Und zweitens sind die Türken wegen des Dönerbooms, die Polen wegen des organisierten Autodiebstahls und die Vietnamesen wegen jahrelangen Drogenhandels alle so stinkreich geworden, dass Müllabfuhr, Altenpflege und die Schweineschlachtbetriebe sowieso keine Arbeitskräfte mehr haben. Diese Jobs nimmt dir niemand weg, weißer Mann.
Früher, da mussten wir in die Dritte-Welt-Länder einmarschieren, die Arbeitskräfte abholen, zur Arbeit hinfahren und dann auch noch ständig aufpassen, dass sie nicht weglaufen. Als das zu aufwendig wurde, haben wir versucht, die Arbeit zu denen hinzubringen. Das hat auch nicht lange funktioniert. Jetzt kommen sie freiwillig, auf eigene Kosten zu uns und bitten darum, sich prostituieren und ausbeuten lassen zu dürfen. Besser kann es doch gar nicht laufen. Ich verstehe nicht, wieso sich meine Landsleute darüber aufregen. Die stehen alle Schlange, um in die Lager reinzukommen!
Woher kommt also der Hass? Liegt es vielleicht daran, dass die Ostdeutschen aus der Geschichte gelernt haben? Dass der Schmerz so groß ist, wenn man zusieht, wie die armen Flüchtlinge jetzt zu Tausenden zu uns – und somit ins Verderben rennen. So wie einst wir ins Verderben rannten? Nicht ’39, sondern ’89.
Die armen weißen Würste begehren auf und wollen die anderen vor Schlimmerem bewahren. Das versuche ich mir immer einzureden, wenn ich die Bilder von den Pogromen im Osten sehe.
Aber unter einer Flasche Whiskey und einer Kiste Bier glaube ich es selbst nicht – und durchsaufen ist auf Dauer auch keine Option.

(Aus: „Die Kränkungen des weißen Mannes“, HEIMATHIEBE, Release November 2016) )

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Autor: Thomas Manegold

Autor, Künstler, Mediengestalter, Periplanetaner

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