Meine ganz persönliche Hochrechnung

Thomas Manegold - Der Schläfer in der Stadt (c) periplaneta 2014 - All rights reserved

Deutschland im Herbst 2017.

Diese Bundestagswahl kostet den Steuerzahler rund 100 Millionen Euro. Ja, wir bezahlen den ganzen Rummel, der alle vier Jahre landesweit veranstaltet wird. Wir bezahlen die Luftballons mit den drei Buchstaben, die Fotosession, mit der Christian Lindner die Hausfrauen und Singlemänner über 40 wuschig gemacht hat, die Hetzreden gegen diejenigen, die wir nicht mehr Neger, Muselmänner oder Flüchtlinge nennen dürfen, obwohl wir sie ausbeuten, diskriminieren und diffamieren lassen, die Hamsterbackenretusche an den Riesenpostern von Angela Merkel, den Logopäden von Martin Chulz … 100 Millionen Euro kostet der ganze Scheiß. Der Wahlk(r)ampf ist eigentlich ein Verteilungskampf und ein Beweis dafür, dass Menschen sehr weit gehen, um was vom Kuchen abzubekommen.

Nach der Wahl reden nun alle über jene 13%, die wie erwartet einer Satirepartei ihre Stimme gegeben haben. (Bei der jetzt wohl 6 Leute aus der Fraktion austreten, damit sie aus 88 Sitzen bestehen kann … Sorry, das musste sein.) Keiner redet über die 75%, die konservativ gewählt haben oder über die 10% davon, die den neoliberalen Scheiß befürworten, gegen den die AfD-Phantasien sich als Kindergarten entpuppen würden.

Keiner redet darüber, dass selbst Abstürze auf 20% nicht reichen, um eine sogenannte Volkspartei zu einem echten Neuanfang zu bewegen. Warum hat so ein Ergebnis keine Konsequenzen, warum fühlt sich keiner der Sozen dafür verantwortlich? Warum tritt keiner derer zurück, die man abgewählt hat? Die Regierenden sind der Meinung, dass „der Wähler“, wer immer das sein mag, sie in die Opposition verwiesen hätte? Gehts noch? Sie können eure Gesichter nicht mehr sehen. Und das Geplapper nicht mehr hören. Ihr seid unglaubwürdig. Und wenn ihr das nicht gerechtfertigt findet, dann feuert eure Imageberater. Aber geht!
Martin Schulz hätte sich vorher überlegen müssen, was seine Themen sind und welche Inhalte und Ziele er vertritt, er hätte sich auch zuvor von der Gro-Ko distanzieren müssen. Danach hätte er sich mit einem konkreten, sagen wir mal, 10-Punkte-Plan als Kanzlerdandidat aufstellen lassen können. Das wäre authentisch gewesen. Ich glaube, dann hätte ich ihn sogar gewählt. Selbst wenn er die Büchermacher vergessen hätte 🙂 Aber so ganz ohne Plan und ohne Inhalte … das Volk ist halt noch nicht blöd genug.

Ich glaube, dass die Bevölkerung es satt hat, dass ständig alle sich jedewede Optionen offenlassen, taktieren und doch eigentlich nur die Interessen ihrer jeweiligen Träger gegeneinander ausspielen, dass es primär um Pfründe und Machterhalt geht und erst sekundär um Glaubwürdigkeit oder gar um Gestaltung. Wer sich verplappert, wird in Brüssel zwischengelagert oder geht in die Wirtschaft oder bekommt eine unverschämte Rente oder schlimmer. (Christian Wulff bekommt für seine nichtmal 2jährige Schlossbesetzung beispielsweise 200 000 € im Jahr, bis er daran erstickt, während er munter weiter als Anwalt und Berater seine Beziehungen versilbert.) Vielleicht wissen ein paar mehr Menschen, dass Korruption und Lobbyismus eigentlich dasselbe ist. Und dass eure Moral mehr als nur doppelbödig ist.

Die regierenden Parteien haben zusammen ca. 15 % verloren. NEIN, NICHT WEIL DIE REGIERUNG NICHT RECHTS GENUG WAR. Niemand kommt auf die Idee, dass diese schlauen 15% die Regierung einfach nicht wiedergewählt haben, weil sie diese Regierung scheiße finden. Weil sie von Wanka und Müller gar nichts gehört haben, weil Hendriks eigentlich immer nur rumheult, dass alle gegen sie sind, weil Dobrindt soviel Sympathiepunkte mit seinem Mautgelaber gesammelt hat, dass man sein Gesicht auf Box-Sandsäcke drucken lassen könnte. Weil Gröhe die Verkommerzialisierung des Gesundheitssystems verwaltet hat, weil Schwesig, Gabriel und Steinmeyer ihre Resorts swingerclubmäßig für den nächsten Posten einfach mal weitergereicht haben, weil Nahles sich für jedes Häufchen, was sie gemacht hat, feiern ließ, als wäre es Schokolade. Und weil Thomas die Misere seinem Namen auch mehr als alle Ehre gemacht hat … Dennoch: Ich habe einen Heidenrespekt vor Herrn Schäuble, Frau Merkel und vor allen, die diesen Zirkus aushalten, ohne abzudrehen. Und ich weiß, dass einige Volksvertreter durchaus Kompetenzen haben und wissen, was sie da tun und warum. Das Problem ist: Ich weiß das nicht und ich habe das Gefühl, dass ich das auch gar nicht wissen möchte.

Der Mehrheit der Deutschen geht es gut. Schon klar. Aber das ist doch nicht alles, zumal es immer darum geht, wie man als Gesellschaft mit den Minderheiten verfährt.  Und „Gutgehen“ ist eine sehr schwammige Bezeichnung. Wir sind satt und selbstzufrieden, haben schnelles W-Lan (Ok, nicht überall), eine Spielekonsole und ein Netflix-Abo. Wir werden immer dümmer, immer dicker und immer paranoider. Wir leben auf Kosten anderer Menschen und künftiger Generationen. Immer weniger Menschen sind intellektuell in der Lage, sich an der Wertschöpfung, an den Entscheidungsprozessen und am Fortschritt aktiv zu beteiligen. Immer mehr Menschen müssen alimentiert werden, nicht nur die Sozialhilfeempfänger, sondern auch diejenigen, die euch in der Elbphilharmonie bespaßen, die euch solche Mafiadenkmäler bauen und die Industrieellen, die ihr bestecht, damit sie die Arbeitlosenzahlen niedrig halten, die Bauern, für die sich Landwirtschaft nicht mehr lohnt, die Arbeiter, die keine mehr sind – und euer ständig wachsender Selbstverwaltungsapparat.

Ihr kuscht vor den Banken, ihr kuscht vor den Diktatoren, ihr bedient die Lobbyisten… gut, das mag sehr nach pauschaler Verurteilung klingen und ist auch so gemeint, denn auch ihr reduziert euer Volk ja auf „den“ oder „die Wähler“ und auf ein paar Prozentzahlen. Man muss nicht immer differenzieren. Manchmal ist es auch ganz einfach: Ihr ward scheiße. So. Und „gutgehen“ tut es uns und den paar Geflüchteten auch nur deshalb, weil ein paar Menschen bis zum Umfallen dafür gearbeitet haben. Meistens umsonst und draußen und meistens gegen eure Bürokratiemühlen und persönlichen Interessen. Jenes „Wir schaffen das“ war extrem zynisch, Frau Merkel, weil es „Ich schaffe das“ hätte heißen müssen und nunmal „Ihr schafft das“ bedeutet hat.

Zieht man die 20% Mitleidswähler der SPD mal ab, haben immer noch 55% erzkonservativ CDU, CSU, FDP und Grüne gewählt. (Und bevor nun wieder die sich ökologisch und progressiv Meinenden losplärren, nein, die Grünen sind keine Fortschrittspartei mehr. Und schon gar nicht etwas, das man früher mal links nannte. Konservativ bedeutet nur „bewahrend“, also „weiter-so“, ihr habt früher dazu „spießig“ gesagt … ) Diese 55% sind der eigentliche Skandal, denn diese Parteien, die wahrscheinlich die neue Regierung bilden werden, sind, schon allein weil sie drüber nachdenken, im Grunde alle rechts-konservativ, sie stehen für ein System des ständigen Wachstums, der fortlaufenden Kapitalkonzentration und dem Bewahren eines Status Quos, der die Welt früher oder später in die nächste Krise reiten wird.

Es war so exemplarisch für die Grünen, als irgend so eine Quotenfrau heimlich hinterm Haus aus ihrer Luxuskarre in ein repräsentatives Umweltauto umgestiegen ist, um dann vor laufender Kamera mit dem Klischeegefährt vorzufahren …

Die Welt, wie wir sie kennen, verändert sich rasant. Dafür braucht es auch vollkommen neue Konzepte. Einen vollkommen neuen Umgang mit Konfessionen, eine neue Ethik, echte Gleichberechtigung, echte Nachhaltigkeit, Bildungsoffensiven bei den 6, 16 und 60jährigen, Breitbandausbau, neue Orientierung in der Forschung, die Rettung von Journalismus, Meinungs- und Pressefreiheit und der Kulturschaffenden. Und nicht „Machterhalt first“.

„Bedenken second“ war übrigens die einzige offensichtliche Lüge auf dem FDP-Plakaten. Ich denke, dass „Bedenken“ bei Herrn Lindner es nichtmal unter die Top 10 schaffen würde. Aber damit ist er nicht alleine. Das gehört wohl zur Grundausstattung.
Das AFD-Programm ist dann auch nicht verheerender, als das der FDP. Das eine zündet das Haus von innen an, das andere von außen. Aber weder haben die AfD-WählerInnen nur protestieren wollen, noch sind die FDP-WählerInnen nur auf Posing-Christian hereingefallen.  Sie alle wissen im Grunde genau, was sie da gewählt haben. Nationalkonservativ und nationalsozial die einen und  die anderen einen entfesselten Markt in einem schwachen Staat unter Führung eines selbstgefälligen Opportunisten, der entgegen seiner Zitierwut Adam Smith nie gelesen hat 🙂 Zwar hat das eine nichts mit dem anderen zu tun. Beide Programme sind total verschieden. Aber sie sind nunmal reaktionär und menschenverachtend.

Die 700 Abgeordneten und die sonstigen Mitarbeiter des Bundestages allein verursachen jährlich Kosten von rund 500 Millionen Euro. Hinzu kommt die Bundestagsverwaltung und dergleichen. Auch die Liveübertragung in unsere Wohnzimmer kostet extra 🙂

Ich denke, für soviel Kohle haben wir mehr verdient, als stupides AfD-Bashing, Wirtschaftslobbyismus und so eine langeweilige Game-Of-Thrones Adaption, ganz ohne Sex und ohne Fabelwesen und mit adipösen Rentnern und  karierregeilen Nutten beiderlei Geschlechts in den Hauptrollen, die alle das Drehbuch nicht verstanden haben, aber trotzdem die Gagen kassieren. Gagen, die wir bezahlen müssen, egal, wen wir gewählt haben.

P.S.: Warum bildet Frau Merkel nichtmal eine Regierung komplett fraktionsunabhängig mit denjenigen, die gewählt und gleichzeitig am besten qualifiziert für den jeweiligen Job sind?

ToM

 

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Autor: Thomas Manegold

Autor, Künstler, Mediengestalter, Periplanetaner

1 Kommentar zu „Meine ganz persönliche Hochrechnung“

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