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Thomas Manegold - Der Schläfer in der Stadt (c) periplaneta 2014 - All rights reserved

„Aaah, tut das weh, ich glaube es geht los“
Sie sitzt mit versteinertem Gesicht, sich den riesigen Bauch haltend in der Küche und starrt auf eine analoge Eieruhr. Ich sehe sie skeptisch an.
„Ich teste nur, ob die Wehen schon alle fünf Minuten kommen“, sagt sie vollkommen ruhig. „Weil, wenn sie nicht wirklich alle fünf MInuten kommen, schicken sie mich wieder heim.“
„Darf ich ein Taxi rufen, oder willst Du mit der Tram fahren?“
„Mit dem Fahrrad, dass geht schon noch. Ahhh!“
Ich nutze die wehenbedingte temporäre Unzurechnungsfähigkeit und entscheide mich für das Taxi.
„Wir können uns das doch nicht l…. Aahhh.“
Das waren die kürzesten fünf Minuten meines Lebens.

Nach gefühlt einer Stunde haben wir endlich die einhundertundsechs Stufen aus dem fünften Stock überwunden.
Das Taxi ist nicht nicht da.
„Ahhhh….“ höre ich sie rufen, während die Taxizentrale am Telefon etwas von 5 Minuten faselt. Es sind die längsten 5 Minuten meines Lebens …

Im Krankenhaus angekommen wird sie erst einmal untersucht. Ich laufe auf und ab … Die Tür geht auf, eine Frau geht resigniert wieder zum Ausgang … Die Tür fliegt auf, ein Bett rast aus dem Raum … an mir vorbei …
„Ich glaube es geht los!“, höre ich eine Hebamme rufen. „Wir brauchen …“
Die Frau auf dem Bett hat schwarzes krauses Haar und dunkle Haut. Puh… ich setze mich wieder.
So langsam beginne ich zu schwitzen und mich zu fragen, ob das so eine gute Idee war, das mit dem Vermehren. Ob sie uns nicht die ganze Zeit belogen und betrogen haben … die einen, weil sie Soldaten brauchen, die anderen, weil sie Frischfleisch brauchen, weil irgendjemand die ganzen Handys und die Schuhe kaufen muss, wenn wir so alt und weise geworden sind, dass wir den Konsumterror nicht mehr mitmachen.
Vielleicht hören wir aber auch die ewige Litanei vom schönen Erlebnis der Geburt und vom schönen Erlebnis der Elternschaft nur, weil die sich alle sagen: „OK, ich bin drauf reingefallen, dann soll es den anderen genau so dreckig ergehen wie mir.“ Seit wir aufrecht gehen lernten, lügen wir uns Generation um Generationen die Taschen voll, damit wir nicht aussterben.

„Viereinhalb Minuten, ich darf bleiben.“ Sie lächelt triumphierend.
Ich sehe noch, wie zwei andere Frauen sich krümmend beschweren. Aber mit sechseinhalb Minuten Pause zwischen den Wehen hat man nunmal kein Bleiberecht. Prenzlauer Berg ist ein herkunftsicheres Land. Ich finde, jeder Haushalt sollte so eine Eieruhr haben. Ich bin stolz auf diese Heilige, die gerade unseren Sohn auf die Welt bringt. Wie das klingt. Auf die Welt bringen. So wie Brötchenholen. Sie erschafft Leben! Mein Gott. Oh, nein, Gott hat weiß Gott nix damit zu tun. Der kann das nicht und ich kann das auch nicht. Leben erschaffen.
Und auch im Wettstreit umd die Gunst jenes Lebewesens, was uns beide die nächsten 18 Jahre beschäftigen wird, hat sie auch auch einen Vorsprung von uneinholbaren neun Monaten. Den wird sie noch weiter ausbauen. Denn sie wird ihm weitere Monate zu essen geben. Was ich auch nicht kann, jedenfalls nicht auf dem natürlichen Wege … obwohl meine Brust auch ein bisschen gewachsen ist … Nicht vor Stolz. Männer werden auch dick in der Schwangerschaft. Nur nehmen sie noch nicht einmal halb so schnell wieder ab wie die Mütter.

Wieso müssen Frauen eigentlich um ihre Rechte kämpfen? Seit dieser Typ, dieser Moses mit seinem Brett vorm Kopf vom Berg gestiegen ist, werden sie behandelt, wie Menschen zweiter, nein, dritter Klasse, nach den Schwarzen. Sie werden verkauft, beschnitten, bevormundet, benachteiligt … „Du sollst nicht nach der Frau Deines nächsten Verlangen, nach seinem Sklaven, seiner Sklavin, seinem Rind, seinem Esel oder nach irgendetwas, was Deinem Nachbar sonst noch so gehört.“
Heute demonstrieren militante Tierschützerinnen und Tierschützer gegen so einen Spruch, weil der Rind und Esel diffamiert. Ja ich weiß, dass war nicht ordentlich gegendert. Wer militante sagt, muss auch milionkel sagen. In Frankreich haben sie das Gendern abgeschafft. Weil keiner mehr die Gesetzestexte verstanden hat. In Deutschland versteht man die Gesetzestexte auch ohne Gendern nicht. Hoffentlich wird mein Sohn nicht auch so ein Idiot.
Was einem so alles durch den Kopf geht, wenn man Vater wird …

Überhaupt: Darf man in so eine Welt überhaupt noch Kinder gebären. Ok, ist jetzt ein bisschen spät. Aber Deutschland macht wieder in Krieg. Stattet die Türken mit Panzern aus und die Kurden mit Panzerabwehrraketen. Wir können es uns leisten, neutral zu bleiben, weil, rein wirtschaftlich gesehen, Wurst ist, wer gewinnt. RHEINMETALL bekommt den Nobelpreis für Wirtschaft. Der Friedensnobelpreis geht an Donald Trump, weil er es geschafft hat, dass die Koreaner wieder miteinander reden. Wenn die sich voreinander wehrlos machen, dann haben sie vor etwas Angst, das schlimmer ist, als Krieg. Hat schon Heinz Rudolf Kunze gedichtet. In den 80ern. Die sind auch wieder hipp. Nostalgie. Ostalgie. Wird mein Sohn wieder Vokuhila tragen?

Wird die neue Rechte den Reichskanzler stellen, wenn mein Sohn endlich bei den Pfadfindern ist? Und was wird mit Syrien? Oder mit Libyen? Klingt ein bisschen wie Klamydien. Irgendwie lästig. Aber das ist weit, weit weg.
Der nahe Osten ist in Mitteldeutschland. Und da sind sowieso alle Nazis. Aber man muss ja nicht gleich ans Vierte Reich denken. Was haben wir für ein Glück, dass die Judensterne von den Palästinensern verbrannt werden. Und die neuen Nationalsozialen Diktatoren jetzt am Bosporus und in Jerusalem residieren. Doch auch der gemeine Deutsche kann sich das Hitlern einfach nicht verkneifen. Sitzt im Bundestag und arbeitet wie der Feind an der Machtübernahme und an der Enteignung der Lügenpresse.
„Pressen, pressen!“, ruft die Hebamme.

Ich breche ihr fast die Hand. Oder sie mir, so genau weiß ich das nicht. Da kämpfen wir nun, um ein hoffentlich gesundes, aber in jedem Fall privilegiertes Kind. Einen Biodeutschen. Der, wenn das hier so weitergeht, so etwas wie Volkszorn wieder kennen und die Türken scheiße finden wird. Der mitmarschieren muss, um sich seinen Konsum leisten zu können. Wir Biodeutschen können nicht anders. Leistung, Ordnung und Sauberkeit. Und auch VW kann das Vergasen einfach nicht lassen. Ok, das waren nur Affen und ein paar Studenten. Wo genau ist da der Unterschied. Wir haben uns noch das Hirn weggekifft oder weggesoffen oder weggetanzt. Heute beißen die Kids auf Waschmitteltabs und filmen sich dabei. Und die sollen einmal meine Rente verdienen? Hoffentlich wird mein Sohn nicht so ein Idiot. Obwohl Jura oder BWL wären schon OK. Dann kann er mich in ein ordentliches Heim stecken.

Man versucht diesen Mahlstrom der Gedanken irgendwie zu koordinieren. Geht aber nicht. Um dich herum ackern inzwischen zwei Frauen, die genau wissen, was sie tun, ackern und kämpfen, dass die Frau die du liebst nicht stirbt und das der kleine Mensch, den du gezeugt hast, zu leben beginnen kann. Und du selbst stehst sinnlos daneben und kannst nichts tun. Nichts. Außer daneben stehen und ihr die Hand brechen. Dabei geht es um Leben und Tod. Um die tiefste und ultimative Form von Relevanz. Um alles oder nichts.

Eine S-Bahnstation weiter kloppen sich die Hipster um einen Platz in einer dieser neuen überteuerten Bürogemeinschaften. CO-WORKING-SPACES heißen die. Zahlen 350 Euro für einen Platz in einer Kneipe mit W-LAN. Der Peilsender mit Bildschirm, an dem sie hängen wie die Junkies am Crack, überwindet heimlich die 1000-Euro-Schallmauer. Der neue iMac hat 64 Kerne. Und die Weintrauben im REWE haben gar keine Kerne mehr. In so eine Welt wird mein Sohn geboren.

Eine Welt in der Korruption und Lobbyismus nicht das gleiche ist. Eine Welt, in der man sich die Sedierung des Volkes nicht mehr leisten kann und deshalb den Krieg wieder salonfähig machen will. Wir können das, wir dürfen das, we ‚re the good guys, wir sind die Guten, wir sind der Schaum der Welt. Wir helikoptern um unseren vermeintlich hochbegabten Nachwuchs. Und glauben, das Wortschöpfungen wie Charitea oder Biofleisch die Welt retten werden. Oder uns ein Platz im Paradies reservieren, falls das mit dem Yoga und der Wiedergeburt doch nur so ein Drogending ist und die Katholen doch recht haben. Aber das ist mindestens genau so bescheuert, wie der Glaube an die Jungfrauen fürs Indieluftsprengen.
PENG! Die Fruchtblase ist geplatzt.

Alles, was vorher wichtig war, alles, was das vaterwerdende Hirn an bedeutungsschwangeren (Haha!) Gedanken noch beschäftigte, ist nun endgültig ausgelöscht. Vieles wurde bereits während der Schwangerschaft zerbröselt. Und rieselt nun durch das siebgewordene Gedächtnis hindurch in den Abgrund der Beteutungslosigkeit. Das ist wohl ein Grund, weshalb es der Homo sapiens sapiens mit dieser vollkommen bescheuerten Vermehrungsstrategie zum Chef auf dieser scheiß Kugel geschafft hat. Du hast in diesen neun Monaten einfach genug Zeit, zu vergessen, dass es total bekloppt ist, unter Schmerzen und in totaler Abhängigkeit von fremder, professioneller Hilfe, ein Wesen auf die Welt zu pressen, das weder raus will, noch hier draußen auch nur eine Minute alleine überleben könnte. Es muss nur leider schon nach neun Monaten raus, weil es nach den zwölfeinhalb Monaten, die es eigentlich bräuchte, einfach viel zu groß wäre, um noch rauszukommen, ohne die Mutter zu zerreißen.

Ich denke an die acht Milliarden, die noch leben und das alles schon hinter sich haben. DAS LICHT DER WELT ERBLICKEN. Ich denke daran, dass ich das auch schon gemeistert habe und frage mich, warum ich mich daran nicht erinnern kann. Bald werde ich wissen warum. Denn dann geht alles sehr, sehr schnell.

ToM (Juli 2018)

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Autor: Thomas Manegold

Autor, Künstler, Mediengestalter, Periplanetaner