Ist 50 jetzt das neue 27 ?

(Zum Tod von Keith Flint 4.3.2019)

Wenn man aus dem Alter raus ist, in dem man Nachrufe auf die plötzlich und unerwartet gestorbenen Heroen seines wilden Lebens schreibt, dann ist es wohl vorbei, das wilde Leben. Oder aber man hat schon zu oft solche Trauerreden verfasst und bemerkt, dass sie sich irgendwie ähneln. Die Betroffenheit und die Phantomschmerzen sind die gleichen. Man merkt, dass die Helden vermehrt unplötzlich und erwartbar sterben und dann auch noch auffällig oft freiwillig, sei es nun so semifreiwillig, wie Slayer-Gitarrist Jeff „Heineken“ Hanneman, dessen Leber, im Nachhinein betrachtet, doch erstaunlich lange mitmachte, oder so mysteriös wie Prince und Herr Cornell, die mit der Dosierung ihrer Psychopharmaka durcheinanderkamen, oder so theatralisch wie Linkin-Park-Sänger Chester Bennington, der sich exakt ein Jahr nach Chris Cornells Tod für immer verabschiedete. Jetzt hat es The Prodigy erwischt. Frontman Keith Flint ist tot. Dabei wollte die Band diesen Sommer auf Festival Tour gehen.

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The Prodigy waren und sind meine Brücke zur Technotanzmucke. Ohne „Music For The Jilted Generation“ wäre mein Leben ganz sicher ganz anders und vor allem langweiliger verlaufen. So durfte ich diese Art von Crossover von Anfang bis Ende mitfeiern. Viele haben danach Hip Hop, Acid House, Punk, Metal, Techno, Reggae in den Mixer geworfen. Aber nur The Prodigy hat daraus, zumindest zwischen 1990 und 1997, so geile Sachen werden lassen: „Out Of Space“, „Voodoo People“, „Poison“, „Firestarter“; „Breathe“, „Smack My Bitch Up“, „Mindfields“, „Diesel Power“ … gehörten jahrelang zu meinen DJ-Playlists. Und zwar beim Mainstreampublikum genau so, wie bei den Electro- Gothic- , Metal- oder Indiepartys.

Nun ist Keith Flint, neben Maxim, „nur“ das Aushängeschild, Charakterkopf und Rumspringer von The Prodigy gewesen, denn musikalisch besteht die „Band“ eigentlich vor allem aus Liam Howlett.  Doch Keith brach schon mit der ersten Single, bei der er als Sänger auftrat, nämlich mit „Firestarter“, einen Skandal los. Heute ist das, auch wenn das Musik-Video immer noch nicht alt aussieht, schwer nachvollziehbar.

Das Album „The Fat Of The Land“ war dann auch das Nonplusultra seiner Zeit, weil es mit der Wucht des Metal und dem Anarchismus des Punk die Elektrotanzmucke revolutionierte und auf die Festivalbühnen in die Stadions brachte. Auf The Prodigy haben sich Metaller und Raver einigen können. Jedenfalls in den 90ern.

Nach „Firestarter“ haben auch die Musikvideos zu „Breathe“ und „Smack My Bitch Up“ das ausgelöst, was man heutzutage „Shitstorm“ nennt. Das Gutbürgerliche hat sich laut empört, wegen der Drogen und dem Sex und den anderen Anstößigkeiten. Das Musikfernsehen fing an zu zensieren. Die Verkaufszahlen gingen durch die Decke. Doch die Band war genervt wegen der Beschwerden und brachte danach fünf Jahre keinen neuen Track mehr raus. Viele tanzten sich die Seele aus dem Leib, aber das Spießige in uns konnten auch The Prodigy nicht ausrotten. Wie auch. Das Verklemmte ist bekanntlich der Normalzustand. Wer aufhört, verrückt zu sein, merkt, wie man plötzlich den Anderen das Verrücktsein missgönnt.

2002 kam noch die Single „Spitfire“ – dann war die Luft irgendwie raus. Bei den Machern dieser Mucke wie bei den Feiermaden.  Und irgendwie sind alle Beteiligten dieser Mini-Epoche ja auch alt geworden. Naja, ein paar nicht, die hatten einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall, einige haben sich auch das Hirn weggeworfen oder Omis Erbschaft durch die Nase gezogen. Aber viele lebten mit den Erinnerungen an eine wilde und aufmüpfige Zeit ein ganz normal langweiliges Leben.

Natürlich haben sich viele von denen darauf gefreut, dass es The Prodigy diesen Sommer noch mal wissen woll(t)en. Und ein paar werden erst wegen solcher Nachrufe merken, wie lang das mit „Out Of Space“ und „Poison“ schon wieder her ist! Die neuen Sachen sind auch noch richtig gut und so nach zwanzig Jahren Verschnaufpause hören sich „Breathe“ und „Smack My Bitch Up“ immer noch erstaunlich fett an. Da muss man sich im Moshpit nicht vor seinen Kindern schämen. Echt nicht!

Keith Flint wollte offenbar das halbe Jahrhundert nicht vollmachen. Dabei tut das gar nicht so weh, wie man immer denkt. Egal, was die verbliebenen Herren nun tun werden. Mir bleibt, trotz des traurigen Anlasses, mich vor einer der ganz großen und innovativen Bands der 90er einmal ordentlich zu verneigen. Danke The Prodigy für eine hammergleile Zeit und farewell Keith Flint.