Deutschland über allen.

Rammstein gehören zu den Helden meiner zweiten Jugend. Inzwischen ist sogar die dritte fast vorbei – und ich hatte mich schon beim Teaser gewundert, dass ich überhaupt noch einmal was Relevantes von dieser Band zu hören bekomme. Jetzt steigen allerortens die verlebten und bürgerlich gewordenen Zombies und Zombines aus den Reihenhausgräbern und verteidigen die alten Männer bis aufs Blut. Warum, wissen wir selbst nicht. Wir müssen das einfach tun. Weil wir nicht anders können. Ich wundere mich gerade auch über mich selbst. Aber Rammstein ist nunmal ein bisschen mehr als Spätpubertätseskalation und Teutonenmetal. Viel mehr.

Für die ganz Langsamen: Es geht um das Lied „Deutschland“ der deutschsprachigen Stromgitarrenmusikgruppe Rammstein:

Das Musikvideo hat zu dem Zeitpunkt, da ich den Text schreibe, über 20 Millionen Clicks. Eigentlich ist damit alles gesagt, wäre die Band nicht Rammstein und das Thema nicht  „Deutschland“. Die Band hat an PRovokation in ihrem Bestehen seit Mitte der 1990er Jahre so ziemlich alles schon durch. Und ja, auch alles richtig gemacht. Sie ist ein Superlativ und so dermaßen oft kopiert und nie erreicht worden, dass Kritik an ihrem Werk und ihrer Selbstinszenierung schon beinahe albern rüberkommt. Aber wohl auch immer eine … (ToM duckt sich) … NEIDdebatte ist.

Wenn Du das Olympiastadion mehrfach ausverkaufst, musst Du Dich nicht mehr erklären. Da ist der Voyeurismus der Massen bereits Deine Existenzberechtigung. Allerdings gehen immer noch sehr viele einfach wegen der Musik da hin 🙂

Ich würde Musik und Text des neuen „Deutschland“ qualitativ ins Mittelfeld des Gesamtkunstwerks von Rammstein stellen. Es gab schon bessere Lieder und auch „schlimmere“. Inhaltlich ist es eine logische, längst überfällige Eskalation, die man der Band so nicht mehr zugetraut hätte. Der Clip ist erstmal ein Clip. Aber eben auch unbestreitbar ganz großes Kino. Da ist durchaus der kohlrabenschwarze Humor von „Iron Sky“ und „Inglourious Basterds“ drin, es sind zudem viele weitere Zitate aus dem Kinofilmzirkus dabei, nur ist das für ein paar Menschen halt nicht OK, wenn Rammstein diesen Humor hat. Dass die Aufregerszenen in den gestreiften Kostümen zu derlei Empörungen führt, ist vollkommen verlogen. Es sind schon oft in Filmen KZ-Szenen gezeigt worden. Und diese Filme wurden anschließend bis zum Anschlag durchvermarktet. Eine Verharmlosung oder gar eine Verhöhnung oder gar einen Missbrauch kann ich da nicht entdecken. Du kannst der Band nicht die Darstellung verbieten, nur weil sie berühmt ist. Dieser Logik folgend dürften Kassenklingelschauspieler wie Brad Pitt auch nicht bei Inglourious B. mitspielen … Tarantino hat man doch auch nicht Geschichtsverzerrung vorgeworfen. Warum nicht? Weil „er“ den Krieg gewonnen hat? DAS wäre, bei Licht betrachtet, schon ziemlich krank.

Die Band hat damit genau welche kommerzielle Interessen nochmal? … Die Tour war doch vorher schon ausverkauft. Sie haben für diesen Film so viel Kohle verbrannt, dass Deutschlands CO2 Bilanz für die nächsten 1000 Jahre versaut ist. Wirtschaftlich ist sowas nicht. Und wer in dem Hochglanzgemetzel eine Glorifizierung von irgendwas sieht, hat meines Erachtens ein echtes Problem.

Bleibt man bei dem, was man sieht und hört, hat „Deutschland“, ob man es nun mag oder nicht, eine eindeutige Aussage. Noch eindeutiger als „Links 234“. Eine Festlegung, die die Band vorher so noch nie gemacht hat. Aber irgendwer steht halt immer auf dem Schlauch. Meistens sogar auf dem eigenen.

Seht es doch mal so: Rammstein hat einen Film gedreht und die meisten Rollen selbst gespielt. Rollen. Kruspe ist kein Nazi, nur weil er ein entsprechendes Kostüm anhat. Und dann ist da noch die „Germania“, die, wie ich finde, wirklich grandios besetzt ist. Ja, weil sie schwarz ist. Und nein, das ist nicht rassistisch. Und nein, es ist vollkommen egal, wie die Intension hinter dieser Personalie ist. Wir werden sie nie erfahren. Immanent betrachtet, in einer Welt, in der die Hautfarbe dieser Darstellerin wirklich allen egal wäre, da würde man sie einfach vorbehaltlos bewundern, weil sie als Hauptdarstellerin einfach mal souverän(st) liefert.

„Deutschland“ besteht zwar zu einem großen Teil, aber eben nicht nur aus Nazis und WW2. Rammstein hat sehr viele unrühmliche Vergangenheiten in das Video hineingepackt. Wohlbemerkt: Sie haben Geschichte inszeniert. Sie haben sich all diesen kranken Scheiß zur Abwechslung mal nicht ausgedacht. Sie haben zudem, und das ist das Unangenehme, damit sehr viel mehr über das gegenwärtige Deutschland erzählt, als über das alte. Im Wesentlichen geht es in dem Video, wenn überhaupt, nicht um das erste, zweite oder dritte Reich, sondern um das vierte.

Ich staune über die Analysen und extrem die dummen Kommentare darüber. Denn es ist genau die selbe Dummheit, die zu all diesen inszenierten kollektiven Entgleisungen geführt hat. Nicht nur in Deutschland, sondern überall.
Symptomatisch ist die Debatte, ob Rammstein von Anne Clark geklaut hat… das zeugt dann auch nicht nur von kollektiver Humorlosigkeit und Einfalt. Echt jetzt? Ist dieses Geräusch aus einer Maschine nicht schon tausendfach totgenudelt worden und so weit verbreitet wie das Preset einer Bassdrum? Elektrische Volksmusik, sozusagen?

Im Endeffekt haben „wir“ „uns“ den hier so grandios prognostizierten Untergang schon allein mit dieser „Debatte“ redlich verdient. „Wir“ sind so jung und doch so alt. „Unlocker“ wäre ein Euphemismus. Verspießt, verkorkst und bis ins rückgratlose Mark humorlos. Eine generationsübergreifend stockkonservative, selbstgerechte Gesellschaft, die im Chor „ICH“ schreit und alle anderen in Schubladen steckt.

Am Ende merken dann doch ein paar Menschen, dass, wie immer bei Rammstein, vieles Künstlerische bis ins kleinste Detail sehr gut durchdacht ist. Aber eben auch jede Geschmacklosigkeit und jeder Tabubruch. Wenn Dein Publikum schon alles gesehen hat, ist Aufmerksamkeit schwer zu bekommen. Allerdings war die Provokation bei Rammstein nie reiner Selbstzweck. Vielleicht ist das ja das Geheimnis ihres Erfolgs.

„Deutschland“ zeigt mir, dass sich auch in den 10 Jahren, in der die Band schwieg, nichts geändert hat. Nur ist das Stöckchen, über das wir gerade alle springen, dieses Mal eine gefällte morsche deutsche Eiche. Ich freue mich auf die Bilder aus dem Stadion. Ein geiler Monumentalfilm, bei der die Statisten über 100 EUR Eintritt zahlen, um mitmachen zu dürfen. Ich wäre auch dabei gewesen, wenn ich eine Karte bekommen hätte.

ToM

www.manegold.de

 

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