Soundtrack of my Life ( 18 Alice in Chains „Dirt“)

Zum Todestag von Layne

Alice in Chains waren bis zum Tod ihres Leadsängers Layne Staley die Lösung aller Depressionen. Entweder es ging dir nach dieser Hölle besser – oder Du bist halt gesprungen. Ein fairer Deal.

Mir hat die Band geholfen zu überleben. Im Falle von „DIRT“, dem besten Album der Band, sind aber nicht (nur) die drogeninduzierten Songs der Hauch von Unsterblicheit, sondern … vor allem ROOSTER …

Layne Staley 1967- 2002

Nachruf zum Tod des Sängers von Alice In Chains ( geschrieben 21.04.02)

Freitag Nacht, möglicherweise in dem Moment, als ich „Wake Up” von Mad Season am Ende der Independance Party spielte, wurde Layne Staley, Sänger von Alice In Chains, in Seattle tot aufgefunden. Wieder einer meiner Helden hat sich verabschiedet, vielleicht sogar der wichtigste noch Verbliebene in meiner „Anbetungsgalerie”. Zwar weiß zu diesem Zeitpunkt noch niemand eine Antwort auf die Fragen nach Wann und Warum, aber letztendlich ist das egal, denn nichts kann ihn wieder zurückbringen, und niemand dürfte bezweifeln, dass jenes große H nicht nur Inspirant, sondern auch maßgeblich an der Zerstörung dieser meiner Ikone beteiligt war.

Was mich bei Alice In Chains seit meiner ersten „Begegnung” mit dieser Ausnahmeerscheinung aus Seattle 1989 faszinierte, war das vermeintlich ECHTE. Der Transport der Wahrheit über das Leid und über die großen Gefühle durch die Musik. Vielleicht ist es auch genau das gewesen, was Bands wie Soundgarden, Nirvana und Pearl Jam so populär gemacht hatte. Plötzlich sangen Leute zu harter Musik weder über das Böse noch über den Drachentöter, sondern über ihre Befindlichkeiten. Viele Lichtgestalten der Rockszene haben uns, in einem Akt der Selbstzerstörung, an sich, ihren Gedanken und Gefühlen teilhaben lassen.

OK, niemand hat sie je darum gebeten, das zu tun. Aber gerade der Tod von Leuten wie Jim Morrisson, Kurt Cobain oder jetzt Layne Staley hat mir immer eines vor Augen gehalten: Jeder Künstler, der dich im Innersten berührt, der etwas schaffen kann, was dich nachhaltig prägt, eine Erfahrung vorwegnimmt, dich hemmungslos begeistert oder auch gnadenlos zu Boden wirft, gibt immer einen Teil von sich selbst. So ist Layne Staley unzählige Male gestorben.

Jetzt ist das Sterben vorbei. Mit 34 Jahren hat er den ersten Song vom ersten Album wahrgemacht „We Die Young”. Und sicherlich werden ihm viele Deppen folgen, die nicht kapieren, dass sich jeder selbst seinen Weg wählt und ihn auch vor sich selbst verantworten muss, denn im Endeffekt ist hier ein alter Mann von uns gegangen. Auch die Moralapostel, die ein schlechtes Beispiel mehr haben, sind noch meilenweit von jener Tiefe und Relevanz entfernt, die das beeindruckende Gesamtkunstwerk von Layne Staley und Bandchef Jerry Cantrell offen für jedermann bereithält.

Alice in Chains sangen öfter vom Tod als jede beliebige Gothic Combo. Mit ihrem 1989er Debüt „Facelift” rannten sie nicht nur bei mir offene Türen ein. Die Mischung aus Psychedelic, heftigem Textwerk, Leid und Energie traf genau da, wo es weh tut. Ihr Album „Dirt”, mit Stücken wie „Down In A Hole“, „Rooster” und „Angry Chair”, ist für mich eine der wenigen tongewordene Depressionen, der Trip in die EIGENEN Abgründe, die ja auch vorhanden sind, wenn man „The sun is shining, the weather is sweet…” lallt. Da ist mir „I think, it´s gonna rain, when I die” endlos lieber. Die Lieder von Alice In Chains haben mich in jungen Jahren gelehrt, mit Wut, Hass, Verzweiflung, Depression und all den „negativen” Gefühlen in mir umzugehen. Durch sie weiß ich, dass sie eben nicht negativ sind, sondern ein Teil von mir, wie jedes andere Gefühl auch. Ihnen verdanke ich die Wiedergeburt aus den tiefsten Abgründen und nicht zuletzt sieben meiner besten CDs, die ich besitze, denn bei aller inhaltlichen Schwere waren da am Anfang ein paar junge Leute, die einfach nur Musik machen wollten. Mögen die Hinterbliebenen um Jerry Cantrell nicht aufhören, in Gedenken an ihren Sänger weiterhin oder wieder Musik zu machen, die keine Leichenfledderei ist, solange sie so tief und relevant bleibt…

Spätestens seit dem Album „Dirt” 1992, das ohne Umschweife auf die allumfassenden Heroinerfahrungen aufbaute, musste man jeden Tag damit rechnen, dass Layne Staley sich endgültig verabschiedet. Die Gratwanderung ging, wenn man ehrlich ist, erstaunlich lange gut. Höhepunkt war die Reanimation der damals schon fast aufgelösten Alice In Chains zu einem MTV unplugged Konzert, dass ich mir unzählige Male bei voller Lautstärke gegeben habe und das in seiner Intensität wohl Seinesgleichen sucht.

Hier stehen wir am Ende einer Schraube… oder eines Strudels… denn der freiwilligen Offenbarung folgt bei Gefallen der Zwang, es immer und immer wieder zu tun. Irgendwann weiß der Künstler nicht mehr, ob er sich selbst zwingt oder gezwungen wird, Wunden nicht verheilen zu lassen. Die Maschinerie „Rock ´n´ Roll” ist hungrig und in unserer ach so fixen Zeit auch nicht mehr satt zu bekommen. Aber nicht nur das Geschäft mit der inszenierten Sensation zerstört unsere Helden, sondern auch sie sich selbst.

Letztendlich tun sie das auch für uns. Vergessen sollten wir das nie und es ihnen danken mit Wahrung, Aufarbeitung und Respekt. Vielleicht müssen dann die Schamanen von heute irgendwann nicht mehr sterben, um unsterblich zu werden.

Thank you so very much & farewell Layne Staley!

(21.04.02)

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