CORONA TAGEBUCH – Eintrag 3

„When people run in circles it’s a very very mad world“, sangen einst Tears Fears. Daran denke ich, wenn ich mit den anderen Privilegierten auf den sonst leeren Straßen meine Kreise ziehe. Mittlerweile kennt man sich. Und man grüßt sich wieder… auf der Straße… IN BERLIN(!)… Das hat schon ein bisschen was von Endzeit.

Der hier kreiselnde war vor der Krise frei, schaffend, Künstler und Workaholic. Er hat bereits mehrere Systemabstürze überlebt. Der eine war der Absturz des Sozialismus, da wechselte er nach Bayern, der andere war der von Windows 98, da wechselte er zu MacOS. Er hörte Metal auf Vinyl und Grunge auf CD und legte am Ende seiner DJ Laufbahn mit MP3-Files und Konsole auf und er hat 9/11 im Fernsehen gesehen. Da lag der Anteil der Deutschen, die das Internet täglich benutzten, noch unter 18%. Pandemien kann man nicht aufhalten. 

Privilegiert bin ich, weil ich Vater bin und überall hindarf, so lange ich mein Kind mit herumschleppe. Weil das Kind getragen werden will, ist mein Aktionsradius kleiner, als es mir mein Ausweis gestattet. Andere Privilegierte sind die Menschen mit systemrelevanten Berufen (Arschkarte, keine Ferien), also beispielsweise Lieferandos, Amazonen, SupermarktkassiererInnen, Ärzte, Drogenverkäufer, KrankenpflegerInnen… Die dürfen auch frei rumlaufen, schließlich werden deren Betriebe nicht geschlossen. Saufen daheim geht, aber Beutelwechseln oder Regaleeinräumen im Homeoffice muss erst noch erfunden werden, aber ja, das wird kommen, spätestens bei der zweiten Corona-Welle und falls wir bis dahin das Internet ausgebaut haben, sagt der Altmayer.

Apropos, Talkshowgäste gelten bestimmt auch als systemrelevant. Ohne Talkshows wäre die Gesellschaft bestimmt schon blackholesunmäßig in sich zusammengefallen. Während Söder, Spahn und Laschet die Krise an der Front für den Kampf um die Vorherrschaft in Partei und Staat instrumentalisieren, drehen die Politiker und Experten in den Gesprächsrunden und Pressekonferenzen völlig frei. Die einen wollen morgen in den Stadien Corona-Partys feiern, die anderen wollen sie eigentlich für immer leerstehen lassen. Die einstigen Bewohner der Stadien schauen sich vor lauter Verzweiflung alte Spiele im Free-TV an. Die einen prophezeien uns „italienische Verhältnisse“, die anderen warnen davor, dass die Verheirateten sich umbringen werden, wenn man die Frauen nicht shoppen und die Männer nicht endlich wieder in den Puff gehen lässt. So hält uns die viele, nun mit Sicherheitsabstand inszenierte heiße Luft noch ein bisschen am Schweben, bis sie wie eine sanfte, stumme Flatulenz aus unseren Köpfen wieder entweicht. Diese Leere gilt es dann zu füllen, mit zur Not selbsterfundenen Facebook-Challenges, Schlüpfergummis an Topflappen nähen, Kochen, Essen, Vögeln, weil in 9 Monaten ist Babyboom, schreibt die BZ … Wäre locker zu schaffen, weil man ja Homeoffice macht, aber man muss das alles auch noch streamen oder instagrammen. Heute sind wir alle Influenzer.
Und wenn schließlich, weil man halt im Krieg gegen Corona nicht verhungert, sondern fett wird, die alte Magersucht- und Bulimie-Latenzen wieder durchbrechen (was für ein herrliches Wortspiel) – oder einem die Decke auf den Kopf fällt, weil die Kleinkinder in der Wohnung über einem durchdrehen, dann geht man joggen. Wer eng anliegende Kleidung trägt und rennt, darf nämlich auch auf die Straße. „Ich habe Dinge gesehen …“ sagte einst ein Android in Bladerunner (Wieso fällt mir das jetzt ein?).

Eine Sonderform der Privilegierten sind die Hundekackhaufenaufsammler. Wer von einem Hund am Strick durch die Gegend gezerrt wird und einen Plastikmüllsack in der Tasche hat, darf auch überall hin. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Hunde nur unter Zwang auf Katzenstreu stoffwechseln. Außerdem sei das ist eines Hundes unwürdig und entspräche nicht seiner Natur. Hunde können wahrscheinlich nur kacken, wenn einer zuschaut und es dann hinterher in Geschenkpapier einwickelt. Deshalb treffe ich jeden Tag auf meiner Runde die große Frau mit dem schwarzen Hund. Mittlerweile reden wir ein bisschen. Wenn keiner zuschaut.

Während ich, zum Leidwesen derer, die sich in ihrer Gartenlaube verschanzt haben, mit dem Kinderwagen emsig Furchen in die Gehwegplatten fuhr, wurde ich den Verdacht nicht los, verschiedene Menschen zu treffen, die aber immer denselben Hund dabei haben. Überhaupt sehen viele Hunde dehydriert und gehetzt aus. Wahrscheinlich haben die ganzen Hundebesitzer das Dosenravioli aus dem Netto gehortet und verfüttern es nun an ihre Vierbeiner, damit diese Durchfall bekommen und man sie an Menschen zum Gassigehen vermieten kann. Als ich die große Frau darauf anspreche, lächelt sie verschwörerisch. „Du kannst mit dem Schwarzen gern mal probelaufen“, sagt sie dann. „Sie kontrollieren dich nicht und  du kommst mit ihm auch bei der Straßensperre ohne Probleme durch.“
Ich nicke. Wenn der Kleine wieder in die Kita muss, um sich für den Herdenschutz anzustecken, werde ich ganz sicher drauf zurückkommen. Hauptsache, ich muss nicht joggen.

ToM

P.S.: Wer meinen Zynismus mag, kann gern meine Bücher kaufen und so an meinem Überleben teilhaftig werden. Wenn nicht, dann schaut euch im Gesamt-Katalog meines Verlags um. Kauft bei den Erzeugern, bei den Urhebern, denn auch wenn diese Krise für die meisten sehr schlimm ist, so bleiben am Ende die Verlage auf ihren Büchern sitzen. Der Großhandel schickt sie nämlich einfach wieder zurück, wenn die Buchhandlungen zumachen.