CORONA TAGEBUCH – Eintrag 6

Katastrophen-Sudoku

Mir schwirrt der Kopf, wenn ich Nachrichten lese oder schaue. Was dabei beinahe nicht auffällt: Mir schwirrt der Kopf von den immer gleichen Zahlen. Immer noch jongliert Deutschland die Begründungen für seine Maßnahmen anhand der Anzahl der positiven Tests. Eine Zahl, die für sich genommen überhaupt nichts aussagt, wenn man nicht weiß, nach welchen Kriterien wieviele Tests durchgeführt werden. Wieviele tatsächliche Erkrankungen und wieviele stationäre und wieviele intensivmedizinische Fälle es gibt, wissen zudem die Wenigsten. Vielleicht ist das auch gut so … weil, erfahrungsgemäß die Dummheit sehr gerecht auf alle Klassen und Schichten verteilt ist … Nun eröffnen auch die sogenannten seriösen Medien ihre Artikel und Meldungen sehr gern mit Suggestivfragen in der Headline oder in der Einleitung, die dann aber sehr oft nicht beantwortet werden. Heraus kommt dabei gefährliches Halbwissen, wobei „Halb“ ein Euphemismus ist. Wenn einem aber gerade das Leben um die Ohren fliegt und man ständig mit der eigenen Angst und der Panik der anderen konfrontiert wird, muss man nehmen, was da ist …

Was passiert bei einem schweren Verlauf? Wie hoch ist das Risiko, dass mir das passiert? Darf man den Idioten, die sich nicht benehmen können, sowas an den oder, besser gesagt  IN DEN Hals wünschen? Die ersten Fragen sind Suggestivfragen, damit der Beitrag gelesen wird. Die Antwort auf die letzte Frage ist: Nein. Niemandem wünscht man das.

Das Intubieren ist ein Horrorszenario, vor dem man als anwendendes Personal und als Patient vollkommen zurecht Angst und Respekt haben sollte. Sie ist die umstrittene ultima ratio im Kampf gegen Corona: Endotracheale Intubation. Der Mensch hängt sediert in einer Art Wachkoma an einem Schlauch, der direkt durch den Rachen in seine Lunge geschoben wurde, und verliert innerhalb kürzester Zeit 20% seiner Muskelmasse. Die meisten haben danach Probleme, zurückzukommen, bleibende Schäden und einen sehr langen Genesungsweg vor sich. Es ist wirklich schlimm. Aber das ist es vor der Seuche auch schon gewesen. Die Zahl der in Jahren vor Corona künstlich beatmeten PatientInnen in Deutschland ist fünfstellig.

Gestrandeter Fisch Usedom

Am 15. Juni wurden in Deutschland akut 425 Menschen wegen Covid 19 intensivmedizinisch behandelt. Davon wurden 262 beatmet. Die Sterblichkeit bei intubierten Patienten mit Covid 19 liegt bei rund 50% in Deutschland. In anderen Ländern ist sie höher. Seit Beginn der Pandemie sind 14190 in Deutschland wegen C19 auf Intensiv gewesen und 3614 davon gestorben. (Passt zu den Prozentzahlen. Wenn rund 60% der C19 Patienten auf Intensiv letztendlich intubiert werden und davon 50% es nicht überleben). Die Kapazitäten in Deutschland sind derzeit 40 000 Intensivbetten mit 30 000 Beatmungsplätzen. Für jedes leerstehende Bett dieser Art bekommt ein Krankenhaus wegen der C19 Pandemie rund 500 € pro Tag.

Die Auslastung ohne Corona-Pandemie lag bei 70% von rund 28 000 Betten. Die Auslastung wurde durch Verschiebung von OPs runtergefahren und die Anzahl der zur Verfügung stehenden Betten hochgefahren. In Anbetracht der Zahlen liegt es nahe, dass während der Pandemie nicht mehr Menschen intensiv betreut werden mussten als davor.

Was ausdrücklich gut so ist. Und auch ganz anders hätte verlaufen können. U.a. weil Deutschland seinen Bettenleerstand in den Krankenhäusern noch nicht vollständig abgebaut hatte, haben wir ja die Pandemie so glimpflich überstanden. Vielleicht lernt man daraus und belässt es bei den 150 000 Betten, die bereits abgebaut wurden.  Das sagt zudem alles nichts über das Arbeitspensum von medizinischem Fachpersonal aus und soll auch niemanden verunglimpfen. Die Krankheit bringt in Deutschland viele Menschen arbeitstechnisch an ihr Limit, und die 425 kämpfen gerade gegen einen unbekannten Gegner um ihr Leben. Eine notwendige Diskussion über Panikmache, Verhältnismäßigkeiten, Statistiken und Maßnahmen sollte keinesfalls auf den Rücken der Kranken und des medizinischen Personals ausgetragen werden. Um sich ein objektives Bild zu machen, braucht es aber mehr, als die immer gleichen Zahlen vom RKI, die von den Medien immer wieder erbrochen werden.

Wieviele Infizierte gibt es? Wieviele Erkrankte gibt es?  Wieviele stationär Behandelte, wieviele Intensivpatienten, welchen Alters, wieviele ohne Symptome … wieviele falsche Tests … All das würde sehr helfen, nicht nur dieses Horrorszenario, sondern die Sitution insgesamt zu begreifen und vielleicht die metaphorische Kirche auch mal im Dorf zu lassen. Vielleicht können wir aus ihr auch einen Club oder ein Theater bauen  und vielleicht kann die Coronakrise dann auch dabei helfen, so manche Frage zu beantworten, die nix mit Corona zu tun hat … Sollte ein Krankenhaus wirklich Gewinn erwirtschaften müssen? Und was passiert eigentlich mit der ganzen Kohle, die ich jeden Monat einzahle, wenn es immer noch vorne und hinten nicht reicht? Darf man seiner Bevölkerung Angst machen, um sie zu retten? Und darf man die Angstmache dann auch mit Steuergeldern bezahlen?

Und wie war das gleich nochmal mit dem Presse-Kodex?

(Quellen: www.thieme.de , www.welt.de , dkgev.de , statista.com)