Wir sind Helden …

SYNCHRONICITY PT.1

Dieses Bild habe ich gemacht. Es ist ein Urlaubsbild. Ich war mit meinem Sohn und der anderen Liebe meines Lebens für sechs Tage in der Uckermark. Seit vielen Jahren war das unsere erste Auszeit. Vater, Mutter, Kind.

Wir leben autark, outside the Box, wie man so sagt, inside of Hamsterrad, wie es sich anfühlt, wir machen was mit Medien. Wir sind Unternehmer. Wir gehören zum Mittelstand. Also zu jenem Mittelstand, der finanziell besser dran wäre, wenn er Hartz 4 bekäme und nebenbei ein bisschen schwarz arbeiten würde … (also arbeiten ohne gültigen Fahrschein, wie das heute heißen muss …) und der das auch machen würde, wenn man ihn in der Kindheit nicht verhauen hätte. Aber wir haben eine Vision …

„Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“, hat ein alter Mentholkiffer mal gesagt, nur hat unsere Hausärztin nur noch Dienstag und Donnerstag vormittag Sprechstunde. Den Rest der Woche musst du entweder Corona haben oder dich dagegen impfen lassen wollen, damit du da reindarfst. Heilung ist also keine Option. Wir müssen weiterhin tun, was wir lieben, weil wir nicht geliebt wurden, wie der Psychologe sagen würde, aber um bei dem einen Termin zu bekommen, genügt nichteinmal mehr die Aussicht vom fünften Stock, da musst du schon runterspringen. Würde ich auch, wenn es nicht so ewig weit wäre bis runter. Und wegen der Bandscheiben komme ich so schwer über den Blumenkasten.

Ausgerechnet meine Bandscheibenvorfälle retten mir das Leben. Jung, ein alter Psychiater, nennt das krankhafte Verhalten des Menschen, Kausalitäten zwischen Dingen herzustellen, die nur korellieren, Synchronizität. Genau deshalb war er ja auch Astrologe und Alchimist. (Das war jetzt der Witz für die Intellektuellen in diesem Text.) Jung würde uns Ruhe verordnen und wenn das nicht ginge, welche verschreiben, vermute ich. Ja, wir sind drüber. REM ist nur noch eine legendäre Rockband, keine Schlafphase mehr. (Ihr wisst schon: „Loosing My Religion“, „Everybody hurts sometimes“)

Wenn der Wecker nicht schreien würde, würden wir nicht mehr aufstehen. Wenn wir nicht wüssten, dass er schreien wird, würden wir uns nicht hinlegen.

Sie hat nie sowas wie Mutterzeit gehabt. Oder Schwangerschaftsidyll. Sie hat einfach durchgeackert, Kind gekriegt und dann weitergemacht. Sie wäre dabei fast draufgegangen. Ich weiß das, ich war dabei. Aber sie hat nie eine Chance bekommen, sich davon zu erholen. Erst ist ihre Mutter gestorben, dann war Betriebsprüfung, dann kam Corona …

Sie ist der schlauste, konsequenteste, gründlichste, gütigste und liebenswerteste Mensch auf Erden. Dieses ominöse, alles überstrahlende „Heart of Gold“, was dieser Psychiater, dieser Jung, immer gesucht, aber nie gefunden hat. Ich war nie ein „Miner for a Heart of Gold“. Eines aus Fleisch und Blut hätte mir schon gereicht … Well done … Ich hätt’s gegessen. Weil man mir meines tausendfach herausgerissen hatte.

Ich weiß, was ihr jetzt denkt … Doch ohne Pathos kann man niemanden beeindrucken, geschweige denn zum Guten bekehren oder manipulieren. Was im Grunde alles das gleiche ist, vielleicht sogar dasselbe. Pathos ist die faschistoide Variante von Kitsch. Pathos makes the World go round. Kitsch braucht dagegen kein Mensch.

Dann hab ich Jung gelesen und erfahren, dass dieser Weltschmerz narzistisch ist und dass das pathologisch wird, es sei denn, man macht das beruflich. Außerdem würde der Rock’n’Roll niemals sterben, hat er behauptet, dieser Jung. Also bin ich Künstler geworden … jedenfalls offiziell.

Denn eigentlich hat SIE mich geheilt und daraus ist dann in der dritten Staffel, nach Fernbeziehung, Lebenswerk und Ich-bin-noch-nicht-soweit, ER entstanden.

ER ist ein (natürlich) hochbegabtes Energiebündel, was die Welt kennenlernen will. Er ist drei Jahre, weiß, wie Mozart klingt, er liebt Vulkane und will Astronaut werden, der Weltraumbierdosen austrinkt, weil Thomas Franz davon gesungen hat, er liebt Mangoreis, Vanilleeis und Bücher. Eigentlich sollte er als Kind in einer Welt von Künstlern und deren Sympathisanten aufwachsen. Doch die Anzahl der Personen, die er namentlich kennt und erkennt, ist verschwindend klein. Persona ist übrigens in der Psychologie die Bezeichnung für das extravertierte Ich und zugleich das lateinische Wort für Maske.

Bislang hat ihn nur ein einziges anderes Kind in unserer Wohnung besucht. Beim Spielen versucht er manchmal, mir einen Stab in die Nase zu stecken. Das kennt er aus der Kita. Die Opas sind ihm fremd, weil sie erst nicht zu ihm durften, weil sie nicht geimpft waren und jetzt nicht zu ihm sollen, weil er nicht geimpft ist. (Das war jetzt ein Satz, der in den Beitrag im Spätherbst 2021 eingefügt werden soll.)

Doch wir haben uns. Wir bauen Nester in unserer Wohnung. Wir kuscheln viel. Das hat er mir beigebracht. Wir sind eine Einheit. Doch wir sind seit seiner Geburt bis zum Zerreißen gespannt. Nicht wegen dem, was kommen wird, sondern wegen dem, was ist.

Das, was wir unserem Sohn als Leben und soziale Umgebung präsentieren wollten, ist mittlerweile kaputt. Wir sitzen in einem Trümmerhaufen aus unverkauften Büchern und abgelaufenen (alkoholfreien) Getränken. Und improvisieren. Seit 3 Jahren. Aber wir verzagen nicht, was wohl in erster Linie an ihm liegt, denn er ist ein wundervoller, schlauer und liebenswerter Mensch, der aufrichtig, neugierig und vorbehaltlos diese Welt schaut. Und auch wenn er aussieht wie ich, diese Eigenschaften hat er definitiv von seiner Mutter,

Wir leben wie eine geschiedene Familie. Einer hat das Kind, einer arbeitet, immer bis weit nach Mitternacht. Unser Sohn kennt Mama- und Papatage. Dabei leben wir in derselben Wohnung. Wir haben beide Long Covid. Oder Burnout. Oder Depressionen. Jeder, der googeln kann, wird herausfinden, dass die Symptome die gleichen sind, vielleicht sogar dieselben.

Ich alter autodidaktischer Misanthroph liebe diese beiden Menschen mehr als andere ihr Leben. Ich will, dass sie glücklich sind. Ich will sie beschützen. Und ich scheitere jeden Tag an meinen Prägungen, meinen Gebrechen – aber auch an der maserngleich grassierenden Dummheit und Einfalt meiner Mitmenschen. Und an der ebolaesken Bürokratie des Staates, am syphilischen Opportunismus seiner laut vor sich hinschweigenden Mehrheit, an der wie die Pocken grassierenden und entstellenden neuen Spießbürgerlichkeit, ich rutsche aus auf der Kotze derer, die sich am marburgfieberhaften Narzismus der C-Promis und Influenzerinnen besoffen haben, ich laufe gegen die aus Europaletten gezimmerten Bretter vor den Schädeln der Selbstgerechten und Selbstgelinkten, die doch einst unsere Welt bedeuteten, also die Bretter, nicht die Schädel. Wobei …

Ich schaue zu beim Geschäft der Soziopathen mit der Angst der Masse, protestiere laut gegen die Totmachung der Münder, deren Meinung ich nicht teile und werde leise, wenn man mir deren letzte Worte mit glühendem Gezänge in den Mund legt.

Auch wenn Brot und Spiele heute Bernd und Fußball heißen, wissen wir doch alle, was die roten Teppiche dieser Welt färbt. Noch ist es das Blut der anderen. Noch ist Katarrh eine Entzündung der Atmungsorgane, die mit einer vermehrten Absonderung wässrigen oder schleimigen Sekrets verbunden ist. Doch bald schon werden wir dort oder damit wieder Weltmeister werden. (Jetzt käme ein Zitat von Paul Celan, aber dann könnte man diesen Text nicht mehr auf YouTube stellen.)

Es ist nur ein Urlaubsbild. Zwei Menschen. Am Abgrund. Diese beiden Menschen sind meine Welt. Und sie haben etwas Besseres verdient als eure.

„Keep On Rockin’ in a free World“ hat er gesungen.

Dieser Jung ist schon ein schlauer Kopf.

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Gelesen auf den Lesebühnen „Vision und Wahn“ und „Ohne Wenn und Laber