Thomas Manegold - Der Schläfer in der Stadt (c) periplaneta 2014 - All rights reserved

CORONA TAGEBUCH – Eintrag 6

Katastrophen-Sudoku

Mir schwirrt der Kopf, wenn ich Nachrichten lese oder schaue. Was dabei beinahe nicht auffällt: Mir schwirrt der Kopf von den immer gleichen Zahlen. Immer noch jongliert Deutschland die Begründungen für seine Maßnahmen anhand der Anzahl der positiven Tests. Eine Zahl, die für sich genommen überhaupt nichts aussagt, wenn man nicht weiß, nach welchen Kriterien wieviele Tests durchgeführt werden. Wieviele tatsächliche Erkrankungen und wieviele stationäre und wieviele intensivmedizinische Fälle es gibt, wissen zudem die Wenigsten. Vielleicht ist das auch gut so … weil, erfahrungsgemäß die Dummheit sehr gerecht auf alle Klassen und Schichten verteilt ist … Nun eröffnen auch die sogenannten seriösen Medien ihre Artikel und Meldungen sehr gern mit Suggestivfragen in der Headline oder in der Einleitung, die dann aber sehr oft nicht beantwortet werden. Heraus kommt dabei gefährliches Halbwissen, wobei „Halb“ ein Euphemismus ist. Wenn einem aber gerade das Leben um die Ohren fliegt und man ständig mit der eigenen Angst und der Panik der anderen konfrontiert wird, muss man nehmen, was da ist …

Was passiert bei einem schweren Verlauf? Wie hoch ist das Risiko, dass mir das passiert? Darf man den Idioten, die sich nicht benehmen können, sowas an den oder, besser gesagt  IN DEN Hals wünschen? Die ersten Fragen sind Suggestivfragen, damit der Beitrag gelesen wird. Die Antwort auf die letzte Frage ist: Nein. Niemandem wünscht man das.

Das Intubieren ist ein Horrorszenario, vor dem man als anwendendes Personal und als Patient vollkommen zurecht Angst und Respekt haben sollte. Sie ist die umstrittene ultima ratio im Kampf gegen Corona: Endotracheale Intubation. Der Mensch hängt sediert in einer Art Wachkoma an einem Schlauch, der direkt durch den Rachen in seine Lunge geschoben wurde, und verliert innerhalb kürzester Zeit 20% seiner Muskelmasse. Die meisten haben danach Probleme, zurückzukommen, bleibende Schäden und einen sehr langen Genesungsweg vor sich. Es ist wirklich schlimm. Aber das ist es vor der Seuche auch schon gewesen. Die Zahl der in Jahren vor Corona künstlich beatmeten PatientInnen in Deutschland ist fünfstellig.

Gestrandeter Fisch Usedom

Am 15. Juni wurden in Deutschland akut 425 Menschen wegen Covid 19 intensivmedizinisch behandelt. Davon wurden 262 beatmet. Die Sterblichkeit bei intubierten Patienten mit Covid 19 liegt bei rund 50% in Deutschland. In anderen Ländern ist sie höher. Seit Beginn der Pandemie sind 14190 in Deutschland wegen C19 auf Intensiv gewesen und 3614 davon gestorben. (Passt zu den Prozentzahlen. Wenn rund 60% der C19 Patienten auf Intensiv letztendlich intubiert werden und davon 50% es nicht überleben). Die Kapazitäten in Deutschland sind derzeit 40 000 Intensivbetten mit 30 000 Beatmungsplätzen. Für jedes leerstehende Bett dieser Art bekommt ein Krankenhaus wegen der C19 Pandemie rund 500 € pro Tag.

Die Auslastung ohne Corona-Pandemie lag bei 70% von rund 28 000 Betten. Die Auslastung wurde durch Verschiebung von OPs runtergefahren und die Anzahl der zur Verfügung stehenden Betten hochgefahren. In Anbetracht der Zahlen liegt es nahe, dass während der Pandemie nicht mehr Menschen intensiv betreut werden mussten als davor.

Was ausdrücklich gut so ist. Und auch ganz anders hätte verlaufen können. U.a. weil Deutschland seinen Bettenleerstand in den Krankenhäusern noch nicht vollständig abgebaut hatte, haben wir ja die Pandemie so glimpflich überstanden. Vielleicht lernt man daraus und belässt es bei den 150 000 Betten, die bereits abgebaut wurden.  Das sagt zudem alles nichts über das Arbeitspensum von medizinischem Fachpersonal aus und soll auch niemanden verunglimpfen. Die Krankheit bringt in Deutschland viele Menschen arbeitstechnisch an ihr Limit, und die 425 kämpfen gerade gegen einen unbekannten Gegner um ihr Leben. Eine notwendige Diskussion über Panikmache, Verhältnismäßigkeiten, Statistiken und Maßnahmen sollte keinesfalls auf den Rücken der Kranken und des medizinischen Personals ausgetragen werden. Um sich ein objektives Bild zu machen, braucht es aber mehr, als die immer gleichen Zahlen vom RKI, die von den Medien immer wieder erbrochen werden.

Wieviele Infizierte gibt es? Wieviele Erkrankte gibt es?  Wieviele stationär Behandelte, wieviele Intensivpatienten, welchen Alters, wieviele ohne Symptome … wieviele falsche Tests … All das würde sehr helfen, nicht nur dieses Horrorszenario, sondern die Sitution insgesamt zu begreifen und vielleicht die metaphorische Kirche auch mal im Dorf zu lassen. Vielleicht können wir aus ihr auch einen Club oder ein Theater bauen  und vielleicht kann die Coronakrise dann auch dabei helfen, so manche Frage zu beantworten, die nix mit Corona zu tun hat … Sollte ein Krankenhaus wirklich Gewinn erwirtschaften müssen? Und was passiert eigentlich mit der ganzen Kohle, die ich jeden Monat einzahle, wenn es immer noch vorne und hinten nicht reicht? Darf man seiner Bevölkerung Angst machen, um sie zu retten? Und darf man die Angstmache dann auch mit Steuergeldern bezahlen?

Und wie war das gleich nochmal mit dem Presse-Kodex?

(Quellen: www.thieme.de , www.welt.de , dkgev.de , statista.com)

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CORONA TAGEBUCH – Eintrag 5

Ich kenne nun die Regeln, die für Essen, Shoppen, Veranstaltungen, Kinderbetreuung und Unterweisung gelten sollen… Zusammengefasst, zynischerweise, unter dem Begriff…. ich KANN es NICHT MEHR HÖREN… LOCKERUNGEN — LOCKERUNGEN, das Synonym für die Repressionen, unter denen wir die Abfuckprämien und Staatsbeteiligungen und anderen Fantastiliarden erwirtschaften sollen… Das Bewirten und Bespaßen wird nicht mehr möglich sein. Das was man noch darf, kann man so nicht mehr nennen. Und es wird damit nicht möglich sein, die Unkosten des Bespaßens und Bewirtens zu decken.

Ok, ich kann selber kochen und Musikvideos schauen und mit dem Shoppen und Veranstalten kann ich auch aufhören … ich bin alt genug, ich weiß, das ich gut bin, ich brauch keine Bestätigung … ist zwar schlecht für die Wirtschaft, aber so what … Und ich war schon immer gegen Bussies und Händeschütteln … Bei den Schule- und Kita- Regeln sind wir aber mittlerweile beim Unterweisen weit vor Fröbel und Pestalozzi, nur halt ohne Prügelstrafe, angekommen … sach mal, habt ihr sie noch alle??? Kids stundenlang isolieren, ihnen die Haut von den Händen waschen … und voneinander distanzieren? Die sollen maskiert bei euch einmarschieren, niemanden und nix anfassen, außer sich selbst – und ohne menschlichen Kontakt wieder ausmarschieren??? Ich meine, das ist Folter. Kinder brauchen andere Kinder und müssen ihre Bezugspersonen und ihresgleichen sehen und anfassen können. Und die ganz Kleinen müssen ja erst soziale Wesen werden.

Es soll mittlerweile Stätten geben, wo Frauen mit Mundschutz Kinder gebären müssen. Ihr lasst euch an Eingängen von Läden ungefragt mit irgendeinem Mist aus irgendeiner Flasche besprühen. Ihr zählt die Schritte, weil das Essen, was ihr nur noch „to go“ kaufen dürft, erst 50 Meter von der Futterluke entfernt gegessen werden darf. Ihr haltet eine Eisleckverordnung ein, die nur das Ablecken des tropfenden Eises gestattet, auch wenn man noch nicht ganz 50 Meter geschafft hat. Hallo? Habt ihr sie noch alle?

Liebe Soziopathen, don´t forget, … ihr regiert nicht euresgleichen, sondern Menschen. Der Spaß mit dem Waschzwang hat längst aufgehört. Das ist eine abartige Psychose geworden. Finde ich … Ihr könnt ja so weitermachen, aber ich glaube, dass diese Asozialisierung soziale Gefüge irreparabel beschädigt und in jeder Beziehung sehr krank macht. … ich bin da langsam raus. Ich kann das weder mir, noch meinem Sohn, noch meinen Gästen zumuten. Was soll das werden? Maskenpflicht und Kontaktverbot für alle und HomeOffice für Sternenobservatorien und GrafikDesigner? In meinem Bücherladen dürfen zukünftig fünf Leute Lesungen beiwohnen, statt 30, wenn sich überhaupt noch jemand reintraut. 

Auf der anderen Seite wollen ihr jetzt ANFANGEN, die Schlachtbetriebe zu kontrollieren. Ist das nicht ein bisschen übertrieben? Gibt es einen Anlass, jetzt auch noch diese systemrelevanten Esskulturzentren in ihrer Andacht zu stören? 🙂 Ich schmeiß mich weg. Ihr habt Kinderspielplätze und Bibliotheken geschlossen und die Zwangsarbeiter in den Schweine- und Kuhmatschfabriken tatsächlich einfach so weiterwursten lassen wie bisher – und jetzt fangt ihr an, da mal nachzugucken, weil ein paar Hundert Rumänen sich angesteckt haben! Wieso denn, sind doch nur Rumänen …  Ach sooo … weil sie den Landkreisen die Statistik verhageln. Blöd.

Ach ja, Fußball geht auch wieder. Ich versteh die Kriterien nicht, nach denen da entschieden wird. Macht es doch wie damals, beim Rinderwahn. Keult die Herde, dann kann sich niemand anstecken.


P.S.: Wer meinen Zynismus mag, kann gern meine Bücher kaufen und so an meinem Überleben teilhaftig werden. Wenn nicht, dann schaut euch im Gesamt-Katalog meines Verlags um. So oder so: Kauft bei den Erzeugern, bei den Urhebern und im Laden um die Ecke.

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CORONA TAGEBUCH – Eintrag 4

Mittwoch Mittag. Zur Stunde sitzen ein paar Wissenschaftler und ein paar Politiker irgendwo herum und versuchen, ein paar Dinge zu entscheiden, ohne sich festlegen zu müssen. Gut, klingt jetzt ein bisschen tendenziell kritisch – und ist auch so gemeint.  Ich habe wegen meiner Meinung darüber schon viele Freunde verloren… gut, es waren jetzt Facebook-Freunde. Aber das sind halt die einzigen, die man im Moment hat.

Auch kritiklos Befürwortende der „Maßnahmen“ bemerken langsam Sehnsüchte und psychische Auffälligkeiten, die Isolationen so verursachen.  Ich mach mir zudem Sorgen ob der Entwicklung der frühkindlichen Phase meines Sohnes. Das wird aber jene, die da gerade zusammensitzen und „entscheiden“, nicht tangieren, denn das sind alles Soziopath…ierende. Also nicht per se gestört, aber mindestens während der Ausübung ihrer Tätigkeit … ok, ich merk schon, an der Kunst des Relativierens muss ich noch arbeiten … also Soziopathen. (Wissenschaftler haben herausgefunden, dass der Anteil der psychisch gestörten unter den Politikern und Führern und Entscheidern … )

Mir ist aufgefallen, dass die größte Lüge in der Krise die Behauptung war, dass COVID 19 die Menschen gleichmachen würde, weil Grenzen, Geld und Status die Krankheit nicht aufhalten. Doch nur das letzte Hemd hat keine Taschen. Nichts hatte mir zuvor die Unterschiede zwischen den Menschen so klar vor Augen geführt, wie jetzt diese Krise. Wir rotten uns noch mehr in Meinungsblasen zusammen und diese sind immer von erstaunlich ähnlichen Menschen bewohnt. Die Systemrelevanten sind allein unter sich, die Corona-Urlauber, die Gelangweilten, die mit Kindern und die, deren Existenz massiv bedroht ist. Achja, hab ich ganz vergessen, da gibts ja noch die, die sich freiwillig wegschließen, weil sie bedroht sind. Die mit dem Risiko, schwer zu erkranken. Die können mein Geseier über meine Luxusprobleme ganz sicher nicht verstehen.
Um diese Menschen ist es erstaunlich still geworden.
Glücklich können sie jene schätzen, die zwei oder mehr Bubbles bewohnen, denn bei denen ist im Denken noch ein bisschen Perspektive, … also räumlich, nicht zeitlich.

Der hier Sinnierende ist, wie man unschwer erkennen kann, derzeit teilzeitalleinerziehend und gehört weder zu denen, die systemrelevant sind, noch zu jenen, die sich langweilen … Er ist über 50, also auf dem Weg von der Midlifecrisis hin zur sogenannten Risikogruppe.

Wir Künstler waren vor der Krise auch noch die Rebellen, die gerngesehenen Provokateure, Visionäre, Selbszerstörer, die Clowns, Mahner oder die Erstbegehenden der neuen Wege. Ok, das wurde, mit Alkohol übergossen, ein riesiges Freudenfeuer, das, als man es mit Geld löschte, eine drei Komponenten-Asche ergab: Schlager, Comedy und Kabarett. Aber immerhin. Heute dürfen die Clowns sich nur noch ein bisschen über die Verlotternden lustig machen, wenn sie vorher mit den Händen ein Dreieck über den Kopf gebildet und #Wirbleibenzuhause getanzt haben. Systemkonformität ist nach vier Wochen existenzrelevant geworden. Nicht, weil wir in einer Diktatur leben, sondern weil wir uns gegenseitig umbringen. Natürlich nur rein virtuell… solange das Internet noch geht.

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Ratschlag für die Beratungen: Macht die Läden wieder auf. Macht die Spielplätze und Parks wieder auf. Schickt die Kinder wieder in die Schulen und Kitas. Meinetwegen langsam, schrittweise in 8 Wochen, mit Abstands- und Hygieneregeln und mit Auflagen, dass beispielsweise Desinfektionsmittel ausgeschenkt werden muss, sobald es wieder welches gibt …. Aber ein Fahrplan sollte halt Abfahrtszeiten beinhalten. Nicht nur das ungefähre Jahr. Und tut halt einfach so, als wäre es vollkommen sinnvoll gewesen, alles zu schließen. Verhängt meinetwegen euer Vermummungsgebot in ÖPNV, ÖPFV und in allen Banken und Sparkassen, so als Ausgleich. Niemand würde behaupten, das wäre noch genau so bescheuert, wie es vor drei Wochen noch ganz offiziell bescheuert war – und niemand würde behaupten, eine Mischung aus Instrumentalisierung, Inkompetenz, Entscheidungsfeigheit, Aktionismus und Machterhaltungstriebtäteritis würde die Gesellschaft spalten und kaputtmachen. Was ja auch so nicht stimmt. Denn schließlich machen nicht Söder, Laschet oder der Robert Koch uns kaputt, sondern wir selbst. Auch und vor allem deshalb, weil letztendlich alle versuchen, das Richtige zu tun.

P.S.: Wer meinen Zynismus mag, kann gern meine Bücher kaufen und so an meinem Überleben teilhaftig werden. Wenn nicht, dann schaut euch im Gesamt-Katalog meines Verlags um. So oder so: Kauft bei den Erzeugern, bei den Urhebern und im Laden um die Ecke. Es geht um Leben und Tod.

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CORONA TAGEBUCH – Eintrag 3

„When people run in circles it’s a very very mad world“, sangen einst Tears Fears. Daran denke ich, wenn ich mit den anderen Privilegierten auf den sonst leeren Straßen meine Kreise ziehe. Mittlerweile kennt man sich. Und man grüßt sich wieder… auf der Straße… IN BERLIN(!)… Das hat schon ein bisschen was von Endzeit.

Der hier kreiselnde war vor der Krise frei, schaffend, Künstler und Workaholic. Er hat bereits mehrere Systemabstürze überlebt. Der eine war der Absturz des Sozialismus, da wechselte er nach Bayern, der andere war der von Windows 98, da wechselte er zu MacOS. Er hörte Metal auf Vinyl und Grunge auf CD und legte am Ende seiner DJ Laufbahn mit MP3-Files und Konsole auf und er hat 9/11 im Fernsehen gesehen. Da lag der Anteil der Deutschen, die das Internet täglich benutzten, noch unter 18%. Pandemien kann man nicht aufhalten. 

Privilegiert bin ich, weil ich Vater bin und überall hindarf, so lange ich mein Kind mit herumschleppe. Weil das Kind getragen werden will, ist mein Aktionsradius kleiner, als es mir mein Ausweis gestattet. Andere Privilegierte sind die Menschen mit systemrelevanten Berufen (Arschkarte, keine Ferien), also beispielsweise Lieferandos, Amazonen, SupermarktkassiererInnen, Ärzte, Drogenverkäufer, KrankenpflegerInnen… Die dürfen auch frei rumlaufen, schließlich werden deren Betriebe nicht geschlossen. Saufen daheim geht, aber Beutelwechseln oder Regaleeinräumen im Homeoffice muss erst noch erfunden werden, aber ja, das wird kommen, spätestens bei der zweiten Corona-Welle und falls wir bis dahin das Internet ausgebaut haben, sagt der Altmayer. Apropos, Talkshowgäste gelten bestimmt auch als systemrelevant. Ohne Talkshows wäre die Gesellschaft bestimmt schon blackholesunmäßig in sich zusammengefallen. Während Söder, Spahn und Laschet die Krise an der Front für den Kampf um die Vorherrschaft in Partei und Staat instrumentalisieren, drehen die Politiker und Experten in den Gesprächsrunden und Pressekonferenzen völlig frei. Die einen wollen morgen in den Stadien Corona-Partys feiern, die anderen wollen sie eigentlich für immer leerstehen lassen. Die einstigen Bewohner der Stadien schauen sich vor lauter Verzweiflung alte Spiele im Free-TV an. Die einen prophezeien uns „italienische Verhältnisse“, die anderen warnen davor, dass die Verheirateten sich umbringen werden, wenn man die Frauen nicht shoppen und die Männer nicht endlich wieder in den Puff gehen lässt. So hält uns die viele, nun mit Sicherheitsabstand inszenierte heiße Luft noch ein bisschen am Schweben, bis sie wie eine sanfte, stumme Flatulenz aus unseren Köpfen wieder entweicht. Diese Leere gilt es dann zu füllen, mit zur Not selbsterfundenen Facebook-Challenges, Schlüpfergummis an Topflappen nähen, Kochen, Essen, Vögeln, weil in 9 Monaten ist Babyboom, schreibt die BZ … Wäre locker zu schaffen, weil man ja Homeoffice macht, aber man muss das alles auch noch streamen oder instagrammen. Heute sind wir alle Influenzer.
Und wenn schließlich, weil man halt im Krieg gegen Corona nicht verhungert, sondern fett wird, die alte Magersucht-Latenz wieder durchbricht oder einem die Decke auf den Kopf fällt, weil die Kleinkinder in der Wohnung über einem durchdrehen, geht man joggen. Wer eng anliegende Kleidung trägt und rennt, darf nämlich auch auf die Straße. „Ich habe Dinge gesehen …“ sagte einst ein Android in Bladerunner (Wieso fällt mir das jetzt ein?).

Eine Sonderform der Privilegierten sind die Hundekackhaufenaufsammler. Wer von einem Hund am Strick durch die Gegend gezerrt wird und einen Plastikmüllsack in der Tasche hat, darf auch überall hin. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Hunde nur unter Zwang auf Katzenstreu stoffwechseln. Außerdem sei das ist eines Hundes unwürdig und entspräche nicht seiner Natur. Hunde können wahrscheinlich nur kacken, wenn einer zuschaut und es dann hinerher in Geschenkpapier einwickelt. Deshalb treffe ich jeden Tag auf meiner Runde die große Frau mit dem schwarzen Hund. Mittlerweile reden wir ein bisschen. Wenn keiner zuschaut. Während ich, zum Leidwesen derer, die sich in ihrer Gartenlaube verschanzt haben, mit dem Kinderwagen emsig Furchen in die Gehwegplatten fuhr, wurde ich den Verdacht nicht los, verschiedene Menschen zu treffen, die aber immer denselben Hund dabei haben. Überhaupt sehen viele Hunde dehydriert und gehetzt aus. Wahrscheinlich haben die ganzen Hundebesitzer das Dosenravioli aus dem Netto gehortet und verfüttern es nun an ihre Vierbeiner, damit diese Durchfall bekommen und man sie an Menschen zum Gassigehen vermieten kann. Als ich die große Frau darauf anspreche, lächelt sie verschwörerisch. „Du kannst mit dem Schwarzen gern mal probelaufen“, sagt sie dann. „Sie kontrollieren dich nicht und  du kommst mit ihm auch bei der Straßensperre ohne Probleme durch.“
Ich nicke. Wenn der Kleine wieder in die Kita muss, um sich für den Herdenschutz anzustecken, werde ich ganz sicher drauf zurückkommen. Hauptsache, ich muss nicht joggen.

ToM

P.S.: Wer meinen Zynismus mag, kann gern meine Bücher kaufen und so an meinem Überleben teilhaftig werden. Wenn nicht, dann schaut euch im Gesamt-Katalog meines Verlags um. Kauft bei den Erzeugern, bei den Urhebern, denn auch wenn diese Krise für die meisten sehr schlimm ist, so bleiben am Ende die Verlage auf ihren Büchern sitzen. Der Großhandel schickt sie nämlich einfach wieder zurück, wenn die Buchhandlungen zumachen.

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CORONA TAGEBUCH – Eintrag 2

„Mama?“, fragt der Kleine den Papa.
„Die Mama muss arbeiten. Die überlegt, wo wir Geld herbekommen.“
„Kita?“, fragt der Kleine den Papa.
„Nein, die Kita hat Ferien, die ist geschlossen.“ Für meinen Sohn wird wohl in der Grundschule der Begriff Ferien negativ belegt sein. Was jetzt nicht schlecht sein muss.
Dann zählt er noch die Vornamen derer auf, die er mit Vornamen kennt und die er seit über einer Woche nicht gesehen hat. Ich muss nicht antworten, weil wir gerade angekommen sind. Wir stehen vor der einzigen noch verbliebenen Wiese in unserem Distrikt, auf der wir regelkonform Ballspielen dürfen.

Der hier Schreibende wohnt am Rande von Berlin Prenzlauer Berg, einem Ort mit einer außergewöhnlich hohen Kinderdichte. Die sind eigentlich nicht das Problem. Aber es gibt hier naturgemäß auch viele Eltern und demzufolge Spannungen mit Menschen, die weder Kinder noch Eltern sind. Wie die meisten, die sich darüber lustig machten, ist auch er in den Augen der Anderen jetzt einer der Schlimmsten, also ein guter Vater. Er fragt sich immer, wenn diesbezügliches Erstaunen geäußert wird, was die Menschen denn erwartet hätten, wenn er Papa werden würde. Dass er seinem Sohn aus „Fight Club“ zitiert? Das ist doch vollkommen absurd.

Ja, ich gehe mit meinem Sohn (22 Monate) spazieren und ballspielen. Allerdings gehe ich mit ihm mittlerweile an Orte, die ich vor Kriegsb … Beginn der Maßnahmen zumindest mit ihm gemieden habe. Aber alle Spielplätze sind geschlossen. Weil ja alle, die dort Spaß hätten, auf einmal dort wären, weil sie ja alle daheim sein müssen und ihnen nix anderes übrig bliebe, als … schließlich haben sie alle Zeit, so wie ich, seitdem der Buchhandel komplett zusammengebrochen ist und Lesungen nur noch live from the Homeoffice möglich sind.
Das hatte also die Band „Wir sind Helden“ damals gemeint, als sie sang: „Dies ist das  Land der begrenzten Unmöglichkeiten“. Da soll mal einer sagen, dass deutsche Popmusik nicht visionär war – früher.
Jetzt teilen wir uns halt die eine Wiese mit all den anderen Eltern, deren Kindern, den Junkies, den Partypeople, den Hunden und denen, die sie besitzen. Mein Sohn buddelt im Dreck, weil er Sand und Staub noch nicht unterscheiden kann, er tritt beim Ballspielen in Hundekacka, er balanciert über bierverklebte Mauern und sammelt Kippenstummel und Kronkorken auf, wenn man mal nicht hinschaut. Aber das ist ein Risiko, dass ich eingehen muss, weil ich eben so sozialisiert bin. Mir wurde beigebracht, dass nichts befreiender und gesünder und kinderfreundlicher ist, als das Spielen an der frischen Luft. Und unser Sohn dreht sowieso nach einem Tag allein mit mir in der Wohnung vollkommen durch. Was ich und auch eine Reihe anderer Menschen, die das hier lesen, gut nachvollziehen können.
Aber alle Kinder, die in Wohnungen hocken, werden fibbelig und seuchenanfällig, Kinder die draußen spielen haben ein gutes Immunsystem und rote Bäckchen. Und in Zeiten wie diesen ist es für Groß und Klein eine sehr gute Idee, wenn man gesund bleibt.

Seit die Spielgeräte mit rotweißem, raschelndem Absperrband geschmückt sind, interessiert der Kleine sich sehr für sie. Das wäre auch nicht schlimm, wenn nicht andauernd jemand aus dem Off brüllen würde, dass ich meinen Balg da wegtun soll, sonst würde man „die Bullen“ rufen.
Und so muss ich mich in die Flugbahnen von Frisbeescheiben und Styroporflugzeugen werfen, aufpassen, dass mein Sohn nicht in die Scherben aus besseren Tagen fällt oder von einem Siebenjährigen mit dem Roller überfahren wird. Und immer dann, wenn er verträumt und neidisch auf eines dieser Spielzeuge schaut, die geiler sind, als sein Ball, dann sage ich ihm: „Mein Sohn, alles was Du besitzt, besitzt irgendwann dich.“

Er schaut skeptisch. Dann lacht er, gebietet mir, ihn auf den Arm zu nehmen und wir reiten gemeinsam in den Sonnenuntergang. In der Ferne heult ein Zug, es könnten aber auch schon die Wölfe aus MacPomm sein. Daheim werden wir die Mama vor ihrem Rechner sitzend vorfinden. Lächelnd, aber besorgt. Und eines Tages wird der nicht mehr ganz so Kleene dann sagen: „Mach dir keen Kopp, erst wenn wa alles verloren haben, ham wa och die Freiheit, alles zu tun.“

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P.S.: Wer diesen kleinen Rebellen mag, kann gern meine Bücher kaufen und so an seinem Überleben teilhaftig werden. Wenn nicht, dann schaut euch im Gesamt-Katalog meines Verlags um.  Bücher sind ein Lebensmittel. 🙂

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CORONA TAGEBUCH – Eintrag 1

Die Welt steht nicht mehr Kopf. Sie steht mit beiden Beinen wieder auf dem Grund. Schüttelt sich. Dafür schießt uns nun kollektiv das Blut in die Schädel. Pulsiert, macht Kopfweh. Und wir können plötzlich nicht einmal mehr selbst entscheiden, ob Ibuprofen oder Paracetamol. Uns ereilt eine Erkenntnis: Wir lagen falsch. Die ganze Zeit. Und weil wir, also „die Menschen“ im weitesten Sinne, alle falsch lagen, haben wir es nicht bemerkt.
Dabei ist nichts passiert. Wegen einer menschgemachten ansteckenden Krankheit, nämlich der Gier, und wegen eines Glaubens, nämlich, dass die Wirtschaft wuchern muss, hatte man die Bedrohung einer anderen menschgemachten ansteckenden Krankheit unterschätzt – und zu spät reagiert. So musste man nach Wochen der Beschwichtigung plötzlich die Reißleine ziehen, den Menschen die Wahrheit sagen und sie dann ein bisschen einsperren, damit sie sich nicht gegenseitig anstecken und krank werden und dann merken, dass ihr einerseits teures und andererseits kaputtgespartes Gesundheitssystem doch nicht so gut vorbereitet ist …
Menschen flogen aus ihrem Hamsterrad, Kinder aus den Aufbewahrungsanstalten, die Flieger wurden vom Himmel geholt und die Uhren angehalten.

Der sich hier windet im Anblick des verordneten Dort-Draußens ist einer der vielen freidrehenden Kreativen Berlins. Er heißt ToM, ist Papa eines knapp 2 Jahre alten Sohnes und hatte sich mit Haut, den restlich verbliebenen Haaren und der nicht vorhandenen Seele einem Verlag und einer Community namens Periplaneta verschrieben. Im dreizehnten Jahr dieser beispiellosen Selbstausbeuter-Erfolgsgeschichte schlug er dann ein, der Komet, den keiner kommen sah und der die inzwischen in die Jahre gekommene Branche der Geschichtenerzähler und -aufschreiber sauriergleich vom Erdboden der kapitalistischen Weltordnung tilgte. Und während nun die Kulturbranche (was für ein herrliches Oxymoron) im Internet final vor sich hinglimmt, dachte er sich, dass es vielleicht an der Zeit sei, mit dem Aufhören aufzuhören. Er ist sich der traurigen Tatsache bewusst, dass er nicht selbst entschieden hat, wieder mit dem Eigentlichen anzufangen, nämlich selbst zu Schaffen, anstatt es den Anderen zu ermöglichen. Nein, man hat ihm sein Tun per Dekret verunmöglicht. Zwar steht die ganze Gesellschaft still, doch nichts stirbt schneller an der verordneten Asozialisierung, als die sozialisierenden Berufe. Die Einen an Überlastung, die Anderen am Totalausfall. Zu Letzteren zählt sein Arbeitsfeld, die brotlose Kunst.

Nach der ersten Woche dämmert es den einstigen Göttern, dass da zuvor etwas komplett aus dem Ruder lief. Missversteh mich nicht, ich zweifle keineswegs daran, dass wir früher oder später wieder genau da weitermachen werden wollen, wo wir aufgehört haben. Aber bis es soweit ist, haben wir wieder ein Interim. Klar, wir werden auch dieses wieder Vergeigen, so wie wir das nach den Weltkriegen und das nach dem Mauerfall vergeigt haben. Aber bis dahin ist erst einmal alles anders. Ein Virus schafft etwas, woran alle Bewegungen zwischen 68er und Fridays 4 Future gescheitert sind: Es zwingt uns, aufzuhören.

Bis vor einer Woche war uns nicht klar, dass man Social Distancing verordnen kann. Oder dass es da überhaupt noch was zu verordnen gäbe. Das soziale Miteinander war davor schon freiwillig beschränkt aufs Konsumieren, Zeittotschlagen und dem Sich-gegenseitig-übers-Ohr-hauen. Zumindest hatten wir alle den Eindruck. Seitdem aber unsere Lebensinhalte eingeschränkt und alles andere verboten ist, merken wir, dass wir gar nicht die Arschlöcher sind, die wir immer zu sein vorgegeben haben. Am Anfang haben uns die Reglementierungen beim Konsumieren, Zeittotschlagen und dem Sich-gegenseitig-übers-Ohr-hauen hart getroffen, ja zuweilen Angst und Panik ausgelöst. Jetzt aber, da der Schmerz nachlässt, hebt ein Erinnern unsere Schädeldecken an wie ein goldener Schuss.
Und versteh mich nicht falsch, mir ist bewusst, dass das Ausknipsen unserer schlechten Angewohnheiten nur ein Aspekt dieser Krise ist. Immerhin geht es in meinem Leben jetzt wahrscheinlich nur um meine wirtschaftliche Existenz. Bei anderen geht es um das Leben an sich. Ich kenne erstaunlich viele Menschen, die nicht über 70 – und deren Leben von diesem Virus bedroht sind. Die Angst haben müssen. Dass ich sie kenne, ist mir aber auch erst jetzt bewusst geworden. Was zum Geier haben die mit uns gemacht? Die da oben. Was ist aus uns geworden? (Wichtig: Zwinkersmiley)

Oder ist es nicht einfach an der Zeit, sich zu fragen: Warum habe ich mir das angetan? Gegen die kollektive Antwort auf diese Frage wäre der Crash der Börsen und der Tod von ein paar Branchen ganz sicher ein Kindergeburtstag. Also, ihr Menschen, Füße auf die Erde und die Köpfe hoch. Und guckt doch mal in den erstaunlich blauen Himmel.

ToM

P.S.: Wer meinen Zynismus mag, kann gern meine Bücher kaufen und so an meinem Überleben teilhaftig werden. Wenn nicht, dann schaut euch im Gesamt-Katalog meines Verlags um. Und bitte: Kauft bei den Guten 🙂

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Weltretten oder: Euer verlogener Altruismus kotzt mich an!

ZITAT: „Ich höre es leider immer noch viel zu oft: ,Warum sollte ich denn auf dieses und jenes verzichten, wenn ALLE ANDEREN es doch auch nicht tun?‘ Auch ich finde es toll, nach Malle zu fliegen oder mich shoppend durch die Konsumtempel treiben zu lassen, aber…“

Und dann folgen die arrogantesten Verlautbarungen, die man so absondern kann: „Wir sollten Vorbild sein“, „Kleinvieh macht auch Mist“, „Wir Erstweltler müssen den Drittweltlern doch zeigen, dass man nicht auf den Tisch kackt.“, „Unseren Kindern zu liebe.“ Und man sieht erigierte Geschlechtsteile der Äffinnen und Affen, während sie sich selbstgefällig in aller Äffentlichkeit in Selbstlosigkeit baden, weil sie nur noch einmal im Jahr in einem ärmeren Land sich den Übermenschen raushängen lassen oder nur noch besiegelte Waren einkaufen.

Denn damit wir unsere Maßlosigkeit nicht merken, gibt es jetzt das Tierwohl-Label, diverse Biolabel, den grünen Punkt und den grünen Knopf – alles Erfindungen, die die Zweifler weiter Konsumieren lassen sollen. Doch der grüne Knopf sagt nur, dass die Frau, die diesen Knopf angenäht hat, auf 90 Quadratzentimetern arbeitet, statt auf den üblichen 70 Quadratzentimeter. Würde man sie wirklich gerecht bezahlen, würde sie so dick werden, dass selbst die 90 Quadratzentimeter nicht mehr reichen würden. Fairness ist das Tor zur Maßlosigkeit der Anderen. Der grüne Punkt sagt, dass Du blöder Konsument dafür bezahlt hast, dass diese Verpackung ordnungsgemäß recycelt wird. Das heißt aber nicht, dass die Tüte nicht doch einfach in Polen verbrannt wird. Weiterlesen „Weltretten oder: Euer verlogener Altruismus kotzt mich an!“

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Deutschland über allen.

Rammstein gehören zu den Helden meiner zweiten Jugend. Inzwischen ist sogar die dritte fast vorbei – und ich hatte mich schon beim Teaser gewundert, dass ich überhaupt noch einmal was Relevantes von dieser Band zu hören bekomme. Jetzt steigen allerortens die verlebten und bürgerlich gewordenen Zombies und Zombines aus den Reihenhausgräbern und verteidigen die alten Männer bis aufs Blut. Warum, wissen wir selbst nicht. Wir müssen das einfach tun. Weil wir nicht anders können. Ich wundere mich gerade auch über mich selbst. Aber Rammstein ist nunmal ein bisschen mehr als Spätpubertätseskalation und Teutonenmetal. Viel mehr.

Für die ganz Langsamen: Es geht um das Lied „Deutschland“ der deutschsprachigen Stromgitarrenmusikgruppe Rammstein:

Das Musikvideo hat zu dem Zeitpunkt, da ich den Text schreibe, über 20 Millionen Clicks. Eigentlich ist damit alles gesagt, wäre die Band nicht Rammstein und das Thema nicht  „Deutschland“. Die Band hat an PRovokation in ihrem Bestehen seit Mitte der 1990er Jahre so ziemlich alles schon durch. Und ja, auch alles richtig gemacht. Sie ist ein Superlativ und so dermaßen oft kopiert und nie erreicht worden, dass Kritik an ihrem Werk und ihrer Selbstinszenierung schon beinahe albern rüberkommt. Aber wohl auch immer eine … (ToM duckt sich) … NEIDdebatte ist.

Weiterlesen „Deutschland über allen.“

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Ist 50 jetzt das neue 27 ?

(Zum Tod von Keith Flint 4.3.2019)

Wenn man aus dem Alter raus ist, in dem man Nachrufe auf die plötzlich und unerwartet gestorbenen Heroen seines wilden Lebens schreibt, dann ist es wohl vorbei, das wilde Leben. Oder aber man hat schon zu oft solche Trauerreden verfasst und bemerkt, dass sie sich irgendwie ähneln. Die Betroffenheit und die Phantomschmerzen sind die gleichen. Man merkt, dass die Helden vermehrt unplötzlich und erwartbar sterben und dann auch noch auffällig oft freiwillig, sei es nun so semifreiwillig, wie Slayer-Gitarrist Jeff „Heineken“ Hanneman, dessen Leber, im Nachhinein betrachtet, doch erstaunlich lange mitmachte, oder so mysteriös wie Prince und Herr Cornell, die mit der Dosierung ihrer Psychopharmaka durcheinanderkamen, oder so theatralisch wie Linkin-Park-Sänger Chester Bennington, der sich exakt ein Jahr nach Chris Cornells Tod für immer verabschiedete. Jetzt hat es The Prodigy erwischt. Frontman Keith Flint ist tot. Dabei wollte die Band diesen Sommer auf Festival Tour gehen.

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The Prodigy waren und sind meine Brücke zur Technotanzmucke. Ohne „Music For The Jilted Generation“ wäre mein Leben ganz sicher ganz anders und vor allem langweiliger verlaufen. So durfte ich diese Art von Crossover von Anfang bis Ende mitfeiern. Viele haben danach Hip Hop, Acid House, Punk, Metal, Techno, Reggae in den Mixer geworfen. Aber nur The Prodigy hat daraus, zumindest zwischen 1990 und 1997, so geile Sachen werden lassen: „Out Of Space“, „Voodoo People“, „Poison“, „Firestarter“; „Breathe“, „Smack My Bitch Up“, „Mindfields“, „Diesel Power“ … gehörten jahrelang zu meinen DJ-Playlists. Und zwar beim Mainstreampublikum genau so, wie bei den Electro- Gothic- , Metal- oder Indiepartys.

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Thomas Manegold - Der Schläfer in der Stadt (c) periplaneta 2014 - All rights reserved

Tag 0

„Aaah, tut das weh, ich glaube es geht los“
Sie sitzt mit versteinertem Gesicht, sich den riesigen Bauch haltend in der Küche und starrt auf eine analoge Eieruhr. Ich sehe sie skeptisch an.
„Ich teste nur, ob die Wehen schon alle fünf Minuten kommen“, sagt sie vollkommen ruhig. „Weil, wenn sie nicht wirklich alle fünf MInuten kommen, schicken sie mich wieder heim.“
„Darf ich ein Taxi rufen, oder willst Du mit der Tram fahren?“
„Mit dem Fahrrad, dass geht schon noch. Ahhh!“
Ich nutze die wehenbedingte temporäre Unzurechnungsfähigkeit und entscheide mich für das Taxi.
„Wir können uns das doch nicht l…. Aahhh.“
Das waren die kürzesten fünf Minuten meines Lebens.

Nach gefühlt einer Stunde haben wir endlich die einhundertundsechs Stufen aus dem fünften Stock überwunden.
Das Taxi ist nicht nicht da.
„Ahhhh….“ höre ich sie rufen, während die Taxizentrale am Telefon etwas von 5 Minuten faselt. Es sind die längsten 5 Minuten meines Lebens … Weiterlesen „Tag 0“

Es ist erst vorbei, wenn es zu Ende ist

Weihnachtsansprache.

2017 haben wir, also Periplaneta, also Marry, Sarah und ich, 30 (in Worten: dreißig) Werke in die Welt gesetzt. Ich danke. Marry. Sarah. Dafür und für das beste aller möglichen Leben. Ohne die beiden … gäbe es mich nicht mehr. Sie teilen meine Maxime, meine Überzeugungen und meine Definition von Glück und erfülltem Leben schon sehr lange. Und ich danke den fleißigen Assistentinnen, den Künstlerinnen und Künstlern, die sich eingebracht und den Autorinnen und Autoren, die mit uns diese Abenteuer erlebt haben. Dreißig Publikationen.

Und anno 2017 muss man sagen „trotz alledem“, denn es ist jenseits unserer erfolgreichen  Tätigkeit als Kunst- und Kulturbetrieb, jenseits der so vielen tollen Veranstaltungen, die wir zwischen dem ganzen Büchermachen auch noch gewuppt haben,  so ziemlich alles passiert, was einem nicht passieren sollte: Ich saß zwischenzeitlich schon mit einer Arschbacke im Rollstuhl. Nicht nur ich habe einen geliebten Menschen verloren. Das heißgeliebte Firmenauto hat zwei Jahre vor Ablauf des Verfallsdatums seinen Geist aufgegeben, Betriebsprüfung, Keller unter Wasser  …

Jenseits der Üblichkeiten, wie menschlichen Enttäuschungen und wirtschaftlichen Niederlagen (denn jedes Werk und jede Veranstaltung ist wie eine Wette auf ein manisch-depressives Rennpferd) und dergleichen, ist also dieses Jahr wirklich viel zu viel Scheiße passiert. Die Helden meiner ersten und zweiten Jugend starben wie die Fliegen. Die Folgen des VG-Wort Urteils, eine Bucheinstampfung …

Pressefoto zu "Morbus Animus"
ToM (rechts)

Aber, so what, „venceremos“, ich habe nie gezweifelt. Wir sind in diesem Jahr auch 10 geworden und haben sehr viel bewegt, erlebt und erreicht. Wir haben viel gelernt, sind weiter gewachsen. Unser Literaturcafé ist für immer mehr Menschen Hort und Heim geworden. Und wir haben wirklich einzigartige, grandiose Sachen produziert. Hinter unseren Werken stecken mitunter jahrelange Geschichten. Sie sind alle Inlandsproduktionen. Das heißt, für ihre Herstellung wurden Menschen ordentlich bezahlt und keine LKW um die halbe Welt geschickt. Unsere Hersteller haben alle ihre Kohle dafür von uns schon bekommen.

Jetzt beginnt die Weihnachtszeit. Wir müssen also die ganzen nicen, smoothen und cuten Dinge, die wir hergestellt haben, unter die Bäume bringen 🙂

Helft uns dabei. Und tut euch und euren Mitmenschen etwas Gutes, indem ihr wirklich originale, originelle, nachhaltige, ehrliche, schöne, wahre, gute und nicht aus Funk und Fernsehen bekannte Teile verschenkt, die schlau und lachen und weinen machen, aber eben nicht dick 🙂

Wer in Berlin weilt, kann uns 6 Tage die Woche besuchen und hier trinken und shoppen. Wir freuen uns auf euren Besuch, egal ab virtuos, virtuell oder persönlich. Denn 2018 wird es weitergehen. Mit Kunst, Kultur und Werken abseits des Gewöhnlichen. Auch wenn dann nochmals alles anders und viel verrückter werden wird, als es jetzt schon ist.

Wir lieben, was wir tun.

ToM

 

Periplaneta Online Shop

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P.S.: Und weil diesen Text, den Gesetzen des Netzwerkes folgend, Leute lesen werden, die eh schon Mitglieder der Kirche sind, möchte ich euch last but not least von Herzen danken. Für eure Unterstützung und eure Anteilnahme. Bitte teilt diesen Text.

 

 

 

 

 

Thomas Manegold - Der Schläfer in der Stadt (c) periplaneta 2014 - All rights reserved

Meine ganz persönliche Hochrechnung

Deutschland im Herbst 2017.

Diese Bundestagswahl kostet den Steuerzahler rund 100 Millionen Euro. Ja, wir bezahlen den ganzen Rummel, der alle vier Jahre landesweit veranstaltet wird. Wir bezahlen die Luftballons mit den drei Buchstaben, die Fotosession, mit der Christian Lindner die Hausfrauen und Singlemänner über 40 wuschig gemacht hat, die Hetzreden gegen diejenigen, die wir nicht mehr Neger, Muselmänner oder Flüchtlinge nennen dürfen, obwohl wir sie ausbeuten, diskriminieren und diffamieren lassen, die Hamsterbackenretusche an den Riesenpostern von Angela Merkel, den Logopäden von Martin Chulz … 100 Millionen Euro kostet der ganze Scheiß. Der Wahlk(r)ampf ist eigentlich ein Verteilungskampf und ein Beweis dafür, dass Menschen sehr weit gehen, um was vom Kuchen abzubekommen.

Nach der Wahl reden nun alle über jene 13%, die wie erwartet einer Satirepartei ihre Stimme gegeben haben. (Bei der jetzt wohl 6 Leute aus der Fraktion austreten, damit sie aus 88 Sitzen bestehen kann … Sorry, das musste sein.) Keiner redet über die 75%, die konservativ gewählt haben oder über die 10% davon, die den neoliberalen Scheiß befürworten, gegen den die AfD-Phantasien sich als Kindergarten entpuppen würden.

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