„Wenn Sie was Ordentliches gelernt haben …

Wenn Sie was ordentliches gelernt haben, dann brauchen Sie keine drei Minijobs.“
(Peter Tauber auf Twitter).

Lieber Peter! Mal abgesehen davon, dass man Ordentliches in diesem Zusammenhang groß schreibt … egal. Du bist weltfremd, dumm und arrogant. Auch mit den weiteren Absonderungen dazu … über Aufsichtsratsposten und dergleichen. Ich kenne Menschen, die leider auf Hierarchien und Leute wie Dich allergisch reagieren, ich kenne Menschen, die drei Mal „ordentlich“ umschulen mussten und immer noch nicht vernünftig bezahlt werden und ich kenne sehr viele Akademiker, die nach ihrem Studium leider nirgendwo landen konnten.

Das Thema ist leider gegenwärtig wichtiger als das Heiraten. Deshalb Wut und eine Sehnsucht nach Prangern auf den leeren Marktplätzen unserer Städte. Ich sage: Fick Dich, Peter. Mit Deinem erhobenen Zeigefinger.  Jaja, geh nur zu Heiko petzen, damit er das löschen kann. Aber fick Dich. Unfuckingwählbar. P.S.: „Dich“ darf man noch großschreiben, wenns persönlich wird. (ToM auf Facebook)

Durchatmen. Puh. Es ist nur ein Tweet, es ist nur ein Tweet …

Ich versuchs mal konstruktiv:
Was ist passiert? Peter Tauber hat etwas getwittert. Peter Tauber hat nur seine Meinung kundgetan, aber diese Meinung bestimmt sein vieles Reden und sein nicht ganz so üppiges Handeln. Und das ist gefährlich, denn Peter Tauber ist ein sogenannter Spitzenpolitiker. Genauer gesagt, er ist Generalsekretär der CDU.

Peter Tauber stellt folgende steile These auf:
Wer was „Ordentliches“ gelernt hat, brauche keine drei Minijobs und mit einer guten Ausbildung verdiene man genug. Und auch Politiker haben mehrere Jobs …

Nee, Peter, erstens stimmt es nicht, Qualifikation macht nicht satt und warm. Jeder kennt unzählige Beispiele in seiner Umgebung, so wie ich sie spontan bei meinem Wutausbruch auf FB aufgezählt habe.

Zweitens sollte es für eine Gesellschaft auch erstrebenswert sein, dass nicht nur jeder, der „ordentlich“ Vermögenverwalten oder „ordentlich“ Häuserverticken gelernt oder sich „ordentlich“ auf einen alimentierten Posten gebuckelt hat, „ordentlich“ (höhö) bezahlt wird. Vielmehr sollen in meinem Land „anständige“ Jobs „anständig“ bezahlt werden.

Drittens verhöhnst Du, lieber Peter, auch alle, die jeden Tag in von „ordentlich“ ausgebildeten … (es ist nur ein Tweet) Politikern als „ordentlich“ deklarierten, aber leider unterbezahlten Jobs Vollzeit arbeiten. (Die Klischees reichen vollkommen: ErzieherInnen, FriseurInnen, Executive Facilitycleaner, Pflegepersonal) … Mit Mindestlohn kriegst Du nämlich keine Kinder mehr groß und später dann auch niemanden dazu, Dir „ordentlich“ den Hintern abzuputzen.

Viertens verdient man nicht etwa mit einer „ordentlichen“ Ausbildung „ordentlich“ Geld. Heute kostet eine Ausbildung. Man verdient nur Geld, wenn man eine Arbeit hat, die „ordentlich“ bezahlt wird. Und die gibt es nicht automatisch, wenn man gut ausgebildet ist. Das, was man damit bekommt, heißt Volontariat.

Fünftens sind gesellschaftlich notwendige Berufszweige mittlerweile nahezu komplett verminijobbt oder verscheinselbständigt. Niemand, wirklich niemand bekäme auch nur ein verschissenes Zalandopaket oder Amazonpäckchen oder Lieferandofutter geliefert, wenn jene exekutiven Logistiker aufhören würden zu arbeiten, die schlecht bezahlt sind. Die werden nämlich alle pro Ablieferung bezahlt, nicht pro Stunde. Und viele von denen, die unsere Pakete spazierenfahren, haben eine gute Ausbildung.

Sechstens muss es auch gestattet sein, diesen einen, von Dir so schön vorgelebten und mit Deinen Auswürfen so schön umrissenen German Way of Life nicht zu wollen, ohne abzustürzen. Auch eine stinkreiche, weltfremde Ausbeuterbürokratie wird daran gemessen, wie sie die Andersdenkenden behandelt. Ich bin so einer, glaube ich, und meinetwegen könnt ihr euch soviele Diäten und Aufsichtsratspöstchen in den Ar … (es ist nur ein Tweet) schieben bis ihr platzt. Ist mir egal. Aber die Zweit- und Drittbeschäftigungen der Volksvertreter mit den Minijobbern zu vergleichen, das muss einem erst einmal einfallen. Das ist absurder als der Kuchen-statt-Brot-Satz, den Marie-Antoinette nie gesagt hat!

Irgendwann kommt der Mob zu euch in den Glaspalast gerannt. Dann heißt auch Lobbyismus wieder Korruption und euer Redenhalten für zuviel Geld und diese Aufsichtsratsalibiposten werden wieder Bestechnung genannt werden. Es wird eine schöne Zeit. Du wirst merken, dass unter den Menschen, die mit 1000 EUR im Monat auskommen müssen, welche sind, die sogar schlauer sind als Du. Und Du würdest Menschen kennenlernen, denen der Preis zu hoch ist, so wie Peter Tauber zu sein.

Du bist ein „Volksvertreter“ lieber Peter. Vergiss das nicht. Entschuldige Dich wenigstens. Es ist eben nicht nur ein Tweet. Er zeigt, wie tief der Graben ist zwischen euch und uns. Er zeigt, wie weltfremd diejenigen sind, die die Welt regieren. In einer Zeit, in der genau solche asozialen Bürokraten wie Du uns sprechende Kühlschränke, selbstfahrende Autos und vollautomatische Fabriken als geile Zukunft verkaufen wollen, anstatt sich darum zu kümmern, dass bei der Digitalisierung der Wirtschaft keiner auf der Strecke bleibt, spricht so ein kleiner Tweet Bände. Er ist abgrundtief böse und entlarvend. Früher sind Menschen für weitaus weniger aus dem Fenster geworfen worden.

#wasOrdentliches #TauberPeter

http://www.manegold.de

 

 

 

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ToM @ WGT 2017

Impressionen vom WGT 2017

 

Chris Cornell ist tot!

Wieder plötzlich und unerwartet und ja, mittlerweile hat man sich irgendwie daran gewöhnt. Wieder ist einer meiner Heroen gestorben. Im zarten Alter von 52 Jahren. Chris Cornell. Einer der ganz ganz Großen. Absoluter Ausnahme-Sänger von Soundgarden, Temple Of The Dog und Audioslave.

Seit Anfang der 90er Jahre … ihr erinnert euch, damals, als Metallica aufhörten, gute Musik zu machen, sind seine Lieder ein fester Bestandteil des Soundtracks meines Lebens. In guten und in schlechten Zeiten. Bis heute.

Irgendwo zwischen 70er-Jahre-Psychedelic-Rock, Punk und Heavy Metal wuchs Ende der 80er etwas, was man später Grunge nennen sollte und was der harten Mucke nicht zuletzt auch den Weg auf die Tanzflure der Clubs ebnen sollte, die damals noch Diskos hießen. Aber so schnell, wie sie sich die Herzen der Metaller und MTV-Gucker eroberten, schossen sich die Helden auch die Birnen weg, meistens mit Heroin. Chris Cornell war einer von den wenigen großen Stars dieses beispiellosen Hypes, die das einigermaßen heil überstanden hatten. (Kurt Cobain von Nirvana oder Layne Staley von Alice in Chains ja bekanntlich nicht.) Und er war ein Sänger, dem niemand das Wasser reichen konnte.

Egal, ob mit Soundgarden („Jesus Christ Pose“, „Outshined“, „Spoon Man“, „Black Hole Sun“, „The Day I Tried To Live“ … ), Temple Of The Dog („Say Hello To Heaven“, „Hunger Strike“, „Call Me A Dog“ …) oder Audioslave ( „Cochise“, „Like a Stone“, „Show Me How to Live“, „I Am the Highway“, „Wide Awake“, „Be Yourself“ …) oder solo. All seine Projekte hatten ihre eigene Handschrift und ihre kreative Berechtigung. Obwohl Audioslave manchmal eher als Vernunftehe rüberkam, sind die Songs dieser Supergroup aus meinen DJ-Sets nicht wegzudenken. Und auch wenn Soundgarden dann doch einer Reunion nicht widerstehen konnten, haben sie dabei, im Gegensatz zu den meisten anderen Bands, eine erstaunlich gute Figur gemacht …

Chris Cornells Stimme half mir durch Krisen und über Tanzflächen, begleitete mich beim Hassen und Lieben und nachts über die Autobahnen.  Chris Cornell hat mir also sehr oft das Leben gerettet, insbesondere dann, wenn es andere Menschen mir oder anderen zur Hölle gemacht hatten.

Das Fatale ist, dass sich am Horizont weit und breit niemand findet, der so eine Lücke ansatzweise schließen könnte. Nicht für mich und auch nicht für die Musikwelt an sich, die einen ihrer besten Songschreiber, Texter und Sänger verliert.

Black hole sun, won’t you come and wash away the rain?
Eine Ära geht zu Ende.
Dankbar und traurig. ToM

 

P.S.: Und jetzt, da ich zwangsläufig  all die zahllosen Ereignisse wiedererlebe, zu denen diese abgrundtief geile Musik gelaufen ist, erinnere ich mich wieder … Chris Cornell ist auch daran schuld, das ich niemals versucht habe, in einer Band zu singen. Dafür muss die Welt ihm auf jeden Fall für alle Zeit dankbar sein. Und sie muss sich fragen, warum es trotz „Four Walled World“ oder „Say Hello To Heaven“ oder „Wooden Jesus“ so viele talentfreie Menschen versucht haben, es ihm gleichzutun.

„BiPolar und Spaß dabei“

Ein neuer Text – live vorgetragen in Leipzig und Berlin.

Inmitten der Turbulenzen zwischen eigenen körperlichen Gebrechen und dem allgegenwärtigen geistigen Erbrochenen einer durch und durch geistlosen und bulimischen Welt entfleuchte meinem kranken Kopf ein sehr gesunder Gedanke.

Befreit vom Drange, ein weiteres virtuoses Produkt auf die virtuelle Müllhalde zu werfen, überkam mich das Bedürfnis, etwas zu sagen. Etwas, das noch nicht aufgeschrieben ist und auch nicht, wie sonst üblich, nach dem Event zum Kauf feilgeboten wird.

Es wird um Freiheit, Wahrheit, Liebe und Schmerz gehen. Und darum, wie diese paranoide, hysterische, gesichtslose, anonyme, selbstgerechte, opportune, überfressene, demoralisierte, unfassbar gierige und dumme Masse Menschen aussieht, wenn man den Kopf weit oben in den Wolken hat, während man bis zum Hals im Schlamm steht …

Naja …  vielleicht auch … darüber, wie unfassbar geil dieses Mango-Himbeer-Softeis war, oder damals … das letzte Tool-Album… und wie ergreifend es sein kann, einen  Marienkäfer zu retten… und dass wir uns alle bitte liebhaben sollen … und wie schön damals dieser eine unbeschreibliche Moment war, als …

… als diese falsche Schla… nge mich verraten und verlassen hat und sich der Himmel kreischend über mir zusammenkrümmte.

… und darüber, wie im Affekt jede Befindlichkeit zerbröselt und nicht einmal der vierte Weltkrieg imstande wäre, den Menschenrest vom Sofa zu bewegen.

Ein „Dazwischen“ wird es nicht geben. „Dazwischen“ ist laaaaangweilig. Und verrückt sind immer die anderen.

Am Sonntag, den 15. Mai werde ich, erfüllt mit derlei Gedankengut, im Haus Leipzig auftreten. Im Rahmen des Wave Gotik Treffens. Und am 20. Mai in meiner Homebase, im  Periplaneta Literaturcafé Berlin.

Und danach gern auch woanders.

Seid gespannt, ich bin es auch.

THOMAS MANEGOLD
„BIPOLAR UND SPASS DABEI“
VERRÜCKT SIND IMMER DIE ANDEREN