Thomas Manegold - Der Schläfer in der Stadt (c) periplaneta 2014 - All rights reserved

CORONA TAGEBUCH – Eintrag 3

„When people run in circles it’s a very very mad world“, sangen einst Tears Fears. Daran denke ich, wenn ich mit den anderen Privilegierten auf den sonst leeren Straßen meine Kreise ziehe. Mittlerweile kennt man sich. Und man grüßt sich wieder… auf der Straße… IN BERLIN(!)… Das hat schon ein bisschen was von Endzeit.

Der hier kreiselnde war vor der Krise frei, schaffend, Künstler und Workaholic. Er hat bereits mehrere Systemabstürze überlebt. Der eine war der Absturz des Sozialismus, da wechselte er nach Bayern, der andere war der von Windows 98, da wechselte er zu MacOS. Er hörte Metal auf Vinyl und Grunge auf CD und legte am Ende seiner DJ Laufbahn mit MP3-Files und Konsole auf und er hat 9/11 im Fernsehen gesehen. Da lag der Anteil der Deutschen, die das Internet täglich benutzten, noch unter 18%. Pandemien kann man nicht aufhalten. 

Privilegiert bin ich, weil ich Vater bin und überall hindarf, so lange ich mein Kind mit herumschleppe. Weil das Kind getragen werden will, ist mein Aktionsradius kleiner, als es mir mein Ausweis gestattet. Andere Privilegierte sind die Menschen mit systemrelevanten Berufen (Arschkarte, keine Ferien), also beispielsweise Lieferandos, Amazonen, SupermarktkassiererInnen, Ärzte, Drogenverkäufer, KrankenpflegerInnen… Die dürfen auch frei rumlaufen, schließlich werden deren Betriebe nicht geschlossen. Saufen daheim geht, aber Beutelwechseln oder Regaleeinräumen im Homeoffice muss erst noch erfunden werden, aber ja, das wird kommen, spätestens bei der zweiten Corona-Welle und falls wir bis dahin das Internet ausgebaut haben, sagt der Altmayer. Apropos, Talkshowgäste gelten bestimmt auch als systemrelevant. Ohne Talkshows wäre die Gesellschaft bestimmt schon blackholesunmäßig in sich zusammengefallen. Während Söder, Spahn und Laschet die Krise an der Front für den Kampf um die Vorherrschaft in Partei und Staat instrumentalisieren, drehen die Politiker und Experten in den Gesprächsrunden und Pressekonferenzen völlig frei. Die einen wollen morgen in den Stadien Corona-Partys feiern, die anderen wollen sie eigentlich für immer leerstehen lassen. Die einstigen Bewohner der Stadien schauen sich vor lauter Verzweiflung alte Spiele im Free-TV an. Die einen prophezeien uns „italienische Verhältnisse“, die anderen warnen davor, dass die Verheirateten sich umbringen werden, wenn man die Frauen nicht shoppen und die Männer nicht endlich wieder in den Puff gehen lässt. So hält uns die viele, nun mit Sicherheitsabstand inszenierte heiße Luft noch ein bisschen am Schweben, bis sie wie eine sanfte, stumme Flatulenz aus unseren Köpfen wieder entweicht. Diese Leere gilt es dann zu füllen, mit zur Not selbsterfundenen Facebook-Challenges, Schlüpfergummis an Topflappen nähen, Kochen, Essen, Vögeln, weil in 9 Monaten ist Babyboom, schreibt die BZ … Wäre locker zu schaffen, weil man ja Homeoffice macht, aber man muss das alles auch noch streamen oder instagrammen. Heute sind wir alle Influenzer.
Und wenn schließlich, weil man halt im Krieg gegen Corona nicht verhungert, sondern fett wird, die alte Magersucht-Latenz wieder durchbricht oder einem die Decke auf den Kopf fällt, weil die Kleinkinder in der Wohnung über einem durchdrehen, geht man joggen. Wer eng anliegende Kleidung trägt und rennt, darf nämlich auch auf die Straße. „Ich habe Dinge gesehen …“ sagte einst ein Android in Bladerunner (Wieso fällt mir das jetzt ein?).

Eine Sonderform der Privilegierten sind die Hundekackhaufenaufsammler. Wer von einem Hund am Strick durch die Gegend gezerrt wird und einen Plastikmüllsack in der Tasche hat, darf auch überall hin. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Hunde nur unter Zwang auf Katzenstreu stoffwechseln. Außerdem sei das ist eines Hundes unwürdig und entspräche nicht seiner Natur. Hunde können wahrscheinlich nur kacken, wenn einer zuschaut und es dann hinerher in Geschenkpapier einwickelt. Deshalb treffe ich jeden Tag auf meiner Runde die große Frau mit dem schwarzen Hund. Mittlerweile reden wir ein bisschen. Wenn keiner zuschaut. Während ich, zum Leidwesen derer, die sich in ihrer Gartenlaube verschanzt haben, mit dem Kinderwagen emsig Furchen in die Gehwegplatten fuhr, wurde ich den Verdacht nicht los, verschiedene Menschen zu treffen, die aber immer denselben Hund dabei haben. Überhaupt sehen viele Hunde dehydriert und gehetzt aus. Wahrscheinlich haben die ganzen Hundebesitzer das Dosenravioli aus dem Netto gehortet und verfüttern es nun an ihre Vierbeiner, damit diese Durchfall bekommen und man sie an Menschen zum Gassigehen vermieten kann. Als ich die große Frau darauf anspreche, lächelt sie verschwörerisch. „Du kannst mit dem Schwarzen gern mal probelaufen“, sagt sie dann. „Sie kontrollieren dich nicht und  du kommst mit ihm auch bei der Straßensperre ohne Probleme durch.“
Ich nicke. Wenn der Kleine wieder in die Kita muss, um sich für den Herdenschutz anzustecken, werde ich ganz sicher drauf zurückkommen. Hauptsache, ich muss nicht joggen.

ToM

P.S.: Wer meinen Zynismus mag, kann gern meine Bücher kaufen und so an meinem Überleben teilhaftig werden. Wenn nicht, dann schaut euch im Gesamt-Katalog meines Verlags um. Kauft bei den Erzeugern, bei den Urhebern, denn auch wenn diese Krise für die meisten sehr schlimm ist, so bleiben am Ende die Verlage auf ihren Büchern sitzen. Der Großhandel schickt sie nämlich einfach wieder zurück, wenn die Buchhandlungen zumachen.

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CORONA TAGEBUCH – Eintrag 2

„Mama?“, fragt der Kleine den Papa.
„Die Mama muss arbeiten. Die überlegt, wo wir Geld herbekommen.“
„Kita?“, fragt der Kleine den Papa.
„Nein, die Kita hat Ferien, die ist geschlossen.“ Für meinen Sohn wird wohl in der Grundschule der Begriff Ferien negativ belegt sein. Was jetzt nicht schlecht sein muss.
Dann zählt er noch die Vornamen derer auf, die er mit Vornamen kennt und die er seit über einer Woche nicht gesehen hat. Ich muss nicht antworten, weil wir gerade angekommen sind. Wir stehen vor der einzigen noch verbliebenen Wiese in unserem Distrikt, auf der wir regelkonform Ballspielen dürfen.

Der hier Schreibende wohnt am Rande von Berlin Prenzlauer Berg, einem Ort mit einer außergewöhnlich hohen Kinderdichte. Die sind eigentlich nicht das Problem. Aber es gibt hier naturgemäß auch viele Eltern und demzufolge Spannungen mit Menschen, die weder Kinder noch Eltern sind. Wie die meisten, die sich darüber lustig machten, ist auch er in den Augen der Anderen jetzt einer der Schlimmsten, also ein guter Vater. Er fragt sich immer, wenn diesbezügliches Erstaunen geäußert wird, was die Menschen denn erwartet hätten, wenn er Papa werden würde. Dass er seinem Sohn aus „Fight Club“ zitiert? Das ist doch vollkommen absurd.

Ja, ich gehe mit meinem Sohn (22 Monate) spazieren und ballspielen. Allerdings gehe ich mit ihm mittlerweile an Orte, die ich vor Kriegsb … Beginn der Maßnahmen zumindest mit ihm gemieden habe. Aber alle Spielplätze sind geschlossen. Weil ja alle, die dort Spaß hätten, auf einmal dort wären, weil sie ja alle daheim sein müssen und ihnen nix anderes übrig bliebe, als … schließlich haben sie alle Zeit, so wie ich, seitdem der Buchhandel komplett zusammengebrochen ist und Lesungen nur noch live from the Homeoffice möglich sind.
Das hatte also die Band „Wir sind Helden“ damals gemeint, als sie sang: „Dies ist das  Land der begrenzten Unmöglichkeiten“. Da soll mal einer sagen, dass deutsche Popmusik nicht visionär war – früher.
Jetzt teilen wir uns halt die eine Wiese mit all den anderen Eltern, deren Kindern, den Junkies, den Partypeople, den Hunden und denen, die sie besitzen. Mein Sohn buddelt im Dreck, weil er Sand und Staub noch nicht unterscheiden kann, er tritt beim Ballspielen in Hundekacka, er balanciert über bierverklebte Mauern und sammelt Kippenstummel und Kronkorken auf, wenn man mal nicht hinschaut. Aber das ist ein Risiko, dass ich eingehen muss, weil ich eben so sozialisiert bin. Mir wurde beigebracht, dass nichts befreiender und gesünder und kinderfreundlicher ist, als das Spielen an der frischen Luft. Und unser Sohn dreht sowieso nach einem Tag allein mit mir in der Wohnung vollkommen durch. Was ich und auch eine Reihe anderer Menschen, die das hier lesen, gut nachvollziehen können.
Aber alle Kinder, die in Wohnungen hocken, werden fibbelig und seuchenanfällig, Kinder die draußen spielen haben ein gutes Immunsystem und rote Bäckchen. Und in Zeiten wie diesen ist es für Groß und Klein eine sehr gute Idee, wenn man gesund bleibt.

Seit die Spielgeräte mit rotweißem, raschelndem Absperrband geschmückt sind, interessiert der Kleine sich sehr für sie. Das wäre auch nicht schlimm, wenn nicht andauernd jemand aus dem Off brüllen würde, dass ich meinen Balg da wegtun soll, sonst würde man „die Bullen“ rufen.
Und so muss ich mich in die Flugbahnen von Frisbeescheiben und Styroporflugzeugen werfen, aufpassen, dass mein Sohn nicht in die Scherben aus besseren Tagen fällt oder von einem Siebenjährigen mit dem Roller überfahren wird. Und immer dann, wenn er verträumt und neidisch auf eines dieser Spielzeuge schaut, die geiler sind, als sein Ball, dann sage ich ihm: „Mein Sohn, alles was Du besitzt, besitzt irgendwann dich.“

Er schaut skeptisch. Dann lacht er, gebietet mir, ihn auf den Arm zu nehmen und wir reiten gemeinsam in den Sonnenuntergang. In der Ferne heult ein Zug, es könnten aber auch schon die Wölfe aus MacPomm sein. Daheim werden wir die Mama vor ihrem Rechner sitzend vorfinden. Lächelnd, aber besorgt. Und eines Tages wird der nicht mehr ganz so Kleene dann sagen: „Mach dir keen Kopp, erst wenn wa alles verloren haben, ham wa och die Freiheit, alles zu tun.“

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P.S.: Wer diesen kleinen Rebellen mag, kann gern meine Bücher kaufen und so an seinem Überleben teilhaftig werden. Wenn nicht, dann schaut euch im Gesamt-Katalog meines Verlags um.  Bücher sind ein Lebensmittel. 🙂

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CORONA TAGEBUCH – Eintrag 1

Die Welt steht nicht mehr Kopf. Sie steht mit beiden Beinen wieder auf dem Grund. Schüttelt sich. Dafür schießt uns nun kollektiv das Blut in die Schädel. Pulsiert, macht Kopfweh. Und wir können plötzlich nicht einmal mehr selbst entscheiden, ob Ibuprofen oder Paracetamol. Uns ereilt eine Erkenntnis: Wir lagen falsch. Die ganze Zeit. Und weil wir, also „die Menschen“ im weitesten Sinne, alle falsch lagen, haben wir es nicht bemerkt.
Dabei ist nichts passiert. Wegen einer menschgemachten ansteckenden Krankheit, nämlich der Gier, und wegen eines Glaubens, nämlich, dass die Wirtschaft wuchern muss, hatte man die Bedrohung einer anderen menschgemachten ansteckenden Krankheit unterschätzt – und zu spät reagiert. So musste man nach Wochen der Beschwichtigung plötzlich die Reißleine ziehen, den Menschen die Wahrheit sagen und sie dann ein bisschen einsperren, damit sie sich nicht gegenseitig anstecken und krank werden und dann merken, dass ihr einerseits teures und andererseits kaputtgespartes Gesundheitssystem doch nicht so gut vorbereitet ist …
Menschen flogen aus ihrem Hamsterrad, Kinder aus den Aufbewahrungsanstalten, die Flieger wurden vom Himmel geholt und die Uhren angehalten.

Der sich hier windet im Anblick des verordneten Dort-Draußens ist einer der vielen freidrehenden Kreativen Berlins. Er heißt ToM, ist Papa eines knapp 2 Jahre alten Sohnes und hatte sich mit Haut, den restlich verbliebenen Haaren und der nicht vorhandenen Seele einem Verlag und einer Community namens Periplaneta verschrieben. Im dreizehnten Jahr dieser beispiellosen Selbstausbeuter-Erfolgsgeschichte schlug er dann ein, der Komet, den keiner kommen sah und der die inzwischen in die Jahre gekommene Branche der Geschichtenerzähler und -aufschreiber sauriergleich vom Erdboden der kapitalistischen Weltordnung tilgte. Und während nun die Kulturbranche (was für ein herrliches Oxymoron) im Internet final vor sich hinglimmt, dachte er sich, dass es vielleicht an der Zeit sei, mit dem Aufhören aufzuhören. Er ist sich der traurigen Tatsache bewusst, dass er nicht selbst entschieden hat, wieder mit dem Eigentlichen anzufangen, nämlich selbst zu Schaffen, anstatt es den Anderen zu ermöglichen. Nein, man hat ihm sein Tun per Dekret verunmöglicht. Zwar steht die ganze Gesellschaft still, doch nichts stirbt schneller an der verordneten Asozialisierung, als die sozialisierenden Berufe. Die Einen an Überlastung, die Anderen am Totalausfall. Zu Letzteren zählt sein Arbeitsfeld, die brotlose Kunst.

Nach der ersten Woche dämmert es den einstigen Göttern, dass da zuvor etwas komplett aus dem Ruder lief. Missversteh mich nicht, ich zweifle keineswegs daran, dass wir früher oder später wieder genau da weitermachen werden wollen, wo wir aufgehört haben. Aber bis es soweit ist, haben wir wieder ein Interim. Klar, wir werden auch dieses wieder Vergeigen, so wie wir das nach den Weltkriegen und das nach dem Mauerfall vergeigt haben. Aber bis dahin ist erst einmal alles anders. Ein Virus schafft etwas, woran alle Bewegungen zwischen 68er und Fridays 4 Future gescheitert sind: Es zwingt uns, aufzuhören.

Bis vor einer Woche war uns nicht klar, dass man Social Distancing verordnen kann. Oder dass es da überhaupt noch was zu verordnen gäbe. Das soziale Miteinander war davor schon freiwillig beschränkt aufs Konsumieren, Zeittotschlagen und dem Sich-gegenseitig-übers-Ohr-hauen. Zumindest hatten wir alle den Eindruck. Seitdem aber unsere Lebensinhalte eingeschränkt und alles andere verboten ist, merken wir, dass wir gar nicht die Arschlöcher sind, die wir immer zu sein vorgegeben haben. Am Anfang haben uns die Reglementierungen beim Konsumieren, Zeittotschlagen und dem Sich-gegenseitig-übers-Ohr-hauen hart getroffen, ja zuweilen Angst und Panik ausgelöst. Jetzt aber, da der Schmerz nachlässt, hebt ein Erinnern unsere Schädeldecken an wie ein goldener Schuss.
Und versteh mich nicht falsch, mir ist bewusst, dass das Ausknipsen unserer schlechten Angewohnheiten nur ein Aspekt dieser Krise ist. Immerhin geht es in meinem Leben jetzt wahrscheinlich nur um meine wirtschaftliche Existenz. Bei anderen geht es um das Leben an sich. Ich kenne erstaunlich viele Menschen, die nicht über 70 – und deren Leben von diesem Virus bedroht sind. Die Angst haben müssen. Dass ich sie kenne, ist mir aber auch erst jetzt bewusst geworden. Was zum Geier haben die mit uns gemacht? Die da oben. Was ist aus uns geworden? (Wichtig: Zwinkersmiley)

Oder ist es nicht einfach an der Zeit, sich zu fragen: Warum habe ich mir das angetan? Gegen die kollektive Antwort auf diese Frage wäre der Crash der Börsen und der Tod von ein paar Branchen ganz sicher ein Kindergeburtstag. Also, ihr Menschen, Füße auf die Erde und die Köpfe hoch. Und guckt doch mal in den erstaunlich blauen Himmel.

ToM

P.S.: Wer meinen Zynismus mag, kann gern meine Bücher kaufen und so an meinem Überleben teilhaftig werden. Wenn nicht, dann schaut euch im Gesamt-Katalog meines Verlags um. Und bitte: Kauft bei den Guten 🙂

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Weltretten oder: Euer verlogener Altruismus kotzt mich an!

ZITAT: „Ich höre es leider immer noch viel zu oft: ,Warum sollte ich denn auf dieses und jenes verzichten, wenn ALLE ANDEREN es doch auch nicht tun?‘ Auch ich finde es toll, nach Malle zu fliegen oder mich shoppend durch die Konsumtempel treiben zu lassen, aber…“

Und dann folgen die arrogantesten Verlautbarungen, die man so absondern kann: „Wir sollten Vorbild sein“, „Kleinvieh macht auch Mist“, „Wir Erstweltler müssen den Drittweltlern doch zeigen, dass man nicht auf den Tisch kackt.“, „Unseren Kindern zu liebe.“ Und man sieht erigierte Geschlechtsteile der Äffinnen und Affen, während sie sich selbstgefällig in aller Äffentlichkeit in Selbstlosigkeit baden, weil sie nur noch einmal im Jahr in einem ärmeren Land sich den Übermenschen raushängen lassen oder nur noch besiegelte Waren einkaufen.

Denn damit wir unsere Maßlosigkeit nicht merken, gibt es jetzt das Tierwohl-Label, diverse Biolabel, den grünen Punkt und den grünen Knopf – alles Erfindungen, die die Zweifler weiter Konsumieren lassen sollen. Doch der grüne Knopf sagt nur, dass die Frau, die diesen Knopf angenäht hat, auf 90 Quadratzentimetern arbeitet, statt auf den üblichen 70 Quadratzentimeter. Würde man sie wirklich gerecht bezahlen, würde sie so dick werden, dass selbst die 90 Quadratzentimeter nicht mehr reichen würden. Fairness ist das Tor zur Maßlosigkeit der Anderen. Der grüne Punkt sagt, dass Du blöder Konsument dafür bezahlt hast, dass diese Verpackung ordnungsgemäß recycelt wird. Das heißt aber nicht, dass die Tüte nicht doch einfach in Polen verbrannt wird. Weiterlesen „Weltretten oder: Euer verlogener Altruismus kotzt mich an!“

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Deutschland über allen.

Rammstein gehören zu den Helden meiner zweiten Jugend. Inzwischen ist sogar die dritte fast vorbei – und ich hatte mich schon beim Teaser gewundert, dass ich überhaupt noch einmal was Relevantes von dieser Band zu hören bekomme. Jetzt steigen allerortens die verlebten und bürgerlich gewordenen Zombies und Zombines aus den Reihenhausgräbern und verteidigen die alten Männer bis aufs Blut. Warum, wissen wir selbst nicht. Wir müssen das einfach tun. Weil wir nicht anders können. Ich wundere mich gerade auch über mich selbst. Aber Rammstein ist nunmal ein bisschen mehr als Spätpubertätseskalation und Teutonenmetal. Viel mehr.

Für die ganz Langsamen: Es geht um das Lied „Deutschland“ der deutschsprachigen Stromgitarrenmusikgruppe Rammstein:

Das Musikvideo hat zu dem Zeitpunkt, da ich den Text schreibe, über 20 Millionen Clicks. Eigentlich ist damit alles gesagt, wäre die Band nicht Rammstein und das Thema nicht  „Deutschland“. Die Band hat an PRovokation in ihrem Bestehen seit Mitte der 1990er Jahre so ziemlich alles schon durch. Und ja, auch alles richtig gemacht. Sie ist ein Superlativ und so dermaßen oft kopiert und nie erreicht worden, dass Kritik an ihrem Werk und ihrer Selbstinszenierung schon beinahe albern rüberkommt. Aber wohl auch immer eine … (ToM duckt sich) … NEIDdebatte ist.

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Ist 50 jetzt das neue 27 ?

(Zum Tod von Keith Flint 4.3.2019)

Wenn man aus dem Alter raus ist, in dem man Nachrufe auf die plötzlich und unerwartet gestorbenen Heroen seines wilden Lebens schreibt, dann ist es wohl vorbei, das wilde Leben. Oder aber man hat schon zu oft solche Trauerreden verfasst und bemerkt, dass sie sich irgendwie ähneln. Die Betroffenheit und die Phantomschmerzen sind die gleichen. Man merkt, dass die Helden vermehrt unplötzlich und erwartbar sterben und dann auch noch auffällig oft freiwillig, sei es nun so semifreiwillig, wie Slayer-Gitarrist Jeff „Heineken“ Hanneman, dessen Leber, im Nachhinein betrachtet, doch erstaunlich lange mitmachte, oder so mysteriös wie Prince und Herr Cornell, die mit der Dosierung ihrer Psychopharmaka durcheinanderkamen, oder so theatralisch wie Linkin-Park-Sänger Chester Bennington, der sich exakt ein Jahr nach Chris Cornells Tod für immer verabschiedete. Jetzt hat es The Prodigy erwischt. Frontman Keith Flint ist tot. Dabei wollte die Band diesen Sommer auf Festival Tour gehen.

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The Prodigy waren und sind meine Brücke zur Technotanzmucke. Ohne „Music For The Jilted Generation“ wäre mein Leben ganz sicher ganz anders und vor allem langweiliger verlaufen. So durfte ich diese Art von Crossover von Anfang bis Ende mitfeiern. Viele haben danach Hip Hop, Acid House, Punk, Metal, Techno, Reggae in den Mixer geworfen. Aber nur The Prodigy hat daraus, zumindest zwischen 1990 und 1997, so geile Sachen werden lassen: „Out Of Space“, „Voodoo People“, „Poison“, „Firestarter“; „Breathe“, „Smack My Bitch Up“, „Mindfields“, „Diesel Power“ … gehörten jahrelang zu meinen DJ-Playlists. Und zwar beim Mainstreampublikum genau so, wie bei den Electro- Gothic- , Metal- oder Indiepartys.

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Neue Kolumne: Wider die Masse – subkultur

Ich hab mal wieder eine Kolumne verfasst, die gerade auf der ersten OHNE WENN UND LABER seit dem Klimawandel ihre Premiere hatte: WIDER DIE MASSE: Kulturpessimismus 2019.

BEI DER GELEGENHEIT: DIE EDITION SUBKULTUR hat übers Jahr ein neues Design bekommen und die nächste OHNE WENN UND LABER  ist am 21. Februar 2019 in der Z-Bar. Danke an alle, die bei der ersten OWUL 2019 dabei waren.

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Tag 0

„Aaah, tut das weh, ich glaube es geht los“
Sie sitzt mit versteinertem Gesicht, sich den riesigen Bauch haltend in der Küche und starrt auf eine analoge Eieruhr. Ich sehe sie skeptisch an.
„Ich teste nur, ob die Wehen schon alle fünf Minuten kommen“, sagt sie vollkommen ruhig. „Weil, wenn sie nicht wirklich alle fünf MInuten kommen, schicken sie mich wieder heim.“
„Darf ich ein Taxi rufen, oder willst Du mit der Tram fahren?“
„Mit dem Fahrrad, dass geht schon noch. Ahhh!“
Ich nutze die wehenbedingte temporäre Unzurechnungsfähigkeit und entscheide mich für das Taxi.
„Wir können uns das doch nicht l…. Aahhh.“
Das waren die kürzesten fünf Minuten meines Lebens.

Nach gefühlt einer Stunde haben wir endlich die einhundertundsechs Stufen aus dem fünften Stock überwunden.
Das Taxi ist nicht nicht da.
„Ahhhh….“ höre ich sie rufen, während die Taxizentrale am Telefon etwas von 5 Minuten faselt. Es sind die längsten 5 Minuten meines Lebens … Weiterlesen „Tag 0“

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Meine ganz persönliche Hochrechnung

Deutschland im Herbst 2017.

Diese Bundestagswahl kostet den Steuerzahler rund 100 Millionen Euro. Ja, wir bezahlen den ganzen Rummel, der alle vier Jahre landesweit veranstaltet wird. Wir bezahlen die Luftballons mit den drei Buchstaben, die Fotosession, mit der Christian Lindner die Hausfrauen und Singlemänner über 40 wuschig gemacht hat, die Hetzreden gegen diejenigen, die wir nicht mehr Neger, Muselmänner oder Flüchtlinge nennen dürfen, obwohl wir sie ausbeuten, diskriminieren und diffamieren lassen, die Hamsterbackenretusche an den Riesenpostern von Angela Merkel, den Logopäden von Martin Chulz … 100 Millionen Euro kostet der ganze Scheiß. Der Wahlk(r)ampf ist eigentlich ein Verteilungskampf und ein Beweis dafür, dass Menschen sehr weit gehen, um was vom Kuchen abzubekommen.

Nach der Wahl reden nun alle über jene 13%, die wie erwartet einer Satirepartei ihre Stimme gegeben haben. (Bei der jetzt wohl 6 Leute aus der Fraktion austreten, damit sie aus 88 Sitzen bestehen kann … Sorry, das musste sein.) Keiner redet über die 75%, die konservativ gewählt haben oder über die 10% davon, die den neoliberalen Scheiß befürworten, gegen den die AfD-Phantasien sich als Kindergarten entpuppen würden.

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Thomas Manegold -live @ WGT17 (Foto: Marion Alexa Müller)

Ich wollt einfach mal „Danke“ sagen

Nach einem denkwürdigen Jubilat bin ich zwar immer noch ziemlich durchgeschüttelt, aber auch gerührt. Man wird halt nicht jünger. Allerdings dürfte jener Feiertag der wichtigste für mich 2017 gewesen sein: 10 Jahre Periplaneta. 10 Jahre Family und Kulturkampf in einem. Das sagt viel aus. Über meine nicht vorhandene Konfession und Sozialisation.

10 Jahre Hamsterrad. 70 Stunden in der Woche. Dennoch liebe ich, was ich da mache. Auch wenn ich sowieso nicht anders kann. OK. Man könnte mit jemandem Professionellen drüber reden, für Geld. Aber wo bliebe dann der Spaß und die Spannung. Außerdem sind die Fenstertomaten noch so hoch, dass man gar nicht hüpfen könnte. Ich finde, man kann mit seinen Dämonen auch was sinnvolleres machen, als drüber zu reden oder sie im Lotussitz unter Aufsicht zu ignorieren. (Nein, keine Familienaufstellung). Und irgendjemand muss ja dem Krätschell noch die zweite Auflage machen …

10 Jahre … Während dieser Zeit ist viel passiert. Auch viele Tragödien, Enttäuschungen, Katastrophen. Und die drängeln sich leider immer in den Vordergrund. (So wie dieser eine große Mann, der gestern das halbe Buffet alleine gegessen hat 🙂
An die schönen Dinge gewöhnt man sich dagegen sehr schnell. Und dann fallen sie einem gar nicht mehr auf. Deshalb: Danke. Für die Blumen und die Geschenke. Danke für die Glückwünsche. Aber vor allem Danke für die tolle Zeit mit euch, die ihr euch auch immer wieder das Gejammer anhören müsst, wenn etwas nicht klappt, die ihr immer wiederkommt, weil euch das gefällt, was Periplaneta ist. Danke fürs Mögen in guten und in schlechten Zeiten. Danke fürs Mitmachen und Mitmachendürfen. Danke für die Texte, danke für die Musik, danke, dass ihr immer wieder bei uns performed, auch wenn manchmal nix zu holen ist.

Danke fürs Zuhören und fürs Aushalten, auch wenn sich unsere Ansichten vielleicht auch mal nicht überschneiden und man schon wieder nicht unterscheiden kann, wo die Grenzen von Ironie, Sarkasmus, Zynismus und Satire sind. Die Welt hat es nicht anders verdient 🙂

Ihr schon.

Heute weiß ich wieder: WIR sind die Guten.
Auf die nächsten 10.

ToM

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2017 – Eine Vorschau

Weil alles zurückblickt, ein Blick in die Zukunft.

2017 wird ein tolles Jahr. Frau Merkel wird mit Hilfe der Grünen und der SPD wieder Bundeskanzlerin. Und ein Möschdegärngöbbels wird auf einem totsanierten Marktplatz irgendwo in Sachsen stehen und die sich im Regen langsam auflösende Mengele fragen: „Wollt ihr den totalen Krieg?“

Die AfD wird mit über 25% der Stimmen in den Bundestag einziehen. Und jenseits unserer Grenzen werden in mit unseren noch unbezahlten Steuergeldern erbauten Konzentationslagern Menschen die Beine breit machen, um an der osmanischen Security vorbeizudürfen – hinein in die große Freiheit, in den größten Knast der Welt, in die Festung Europa.

2017 wird wieder eine ganze Horde Künstler wegsterben. Einige sogar an den Folgen ihres ausschweifenden Lebens. Ein paar werden wir vielleicht sogar vermissen. Die Anzahl der Kriegsopfer wird in etwa gleichbleiben. Vielleicht sogar ein bisschen zurückgehen. 15% Wirtschaftswachstum sind auf Dauer einfach nicht zu halten. Es werden Menschen ertrinken, im Mittelmeer, im Atlantik, in Unwettern und Tsunamis – und wir werden nichts dagegen tun.

Weiterlesen „2017 – Eine Vorschau“

tom manegold - periplaneta

Reden und reden lassen

„Nicht die Muttersprache ist in Gefahr oder die christlichen Werte oder die Unschuld der dreizehnjährigen Bitch im Kinderzimmer nebenan. Sondern unser aufgeklärtes, wissenschaftlich orientiertes, fragiles Konstrukt von Freiheit, Kultur und Fortschritt. Egal wer den gegenwärtigen Krieg gewinnt, wenn der zu Ende ist, wird die Erde wieder eine Scheibe sein. Und die Überlebenden dumm wie Toastbrot.“

 Am 30. Oktober präsentieren Thomas Manegold, Gary Flanell, Mikis Wesensbitter, Imke Kubin und Guido Kreutzmüller Literatur und Musik abseits des Mainstreams.

Die Edition Subkultur veröffentlicht Independent-Literatur und Musik. Zwischen subtil und subversiv ist alles dabei – witzig, schräg und jenseits jener Schubladen, in die man “Szeneliteratur” so gerne einsortiert.

30.10.2015 @ 20:00 – 22:00:Periplaneta Literaturcafé Berlin
Bornholmer Straße 81A10439 Berlin