Dreistromland (V1)

Windräder zerschneiden Horizonte,
köpfen Vögel ganz ohne Schafott.
In den Kadavern wühl’n Saprobionten
und Bauern imitieren Don Quijote.

Der Sand treibt morgens lautlos zu den Deichen.
Der Ostseewind zieht sanft nur an den Haaren.
Und Möwen streiten sich um Heringsleichen,
die im Tang des Nachts gestrandet waren.

Das Mehr schwappt mittags laut über die Düne.
Ein Mädchen wird gehänselt, weil es flennt.
Vor’m Altersheimtross, auf der Freilichtbühne,
spielt ’ne Achim-Mentzel-Coverband.

Solarpaneele stehen wie Legionen,
bedecken Felder kettenhemdengleich,
saugen Sonnenlicht und Subventionen,
machen Arme arm und Reiche reich.

Der Sand reibt sich am Pilz zwischen den Zehen.
Und rieselt durch die wasserdichten Uhren.
Ein alter Mann will übers Wasser gehen.
Und Fischer satteln um auf Fahrradtouren.

Das Meer spuckt Phosphor aus den letzten Kriegen
Bernsteinsammlern eifrig ins Gesicht.
Bismarcks Erben sind umschwärmt von Fliegen.
Matjes wird gegessen, bis man bricht.

Weil Nahrungsanbau keinen Sinn mehr hätte,
verkaufen Bauern Felder, Hof und Haus,
schwitzt Raps mit fernen Palmen um die Wette
Öl für unseren Wohlstandsmotor aus.

Der Sand zieht weiter über kahle Dünen,
schleift Touristen Smartphonegläser blind,
verfängt sich in den Aufbauostruinen
und bedeckt ein weggeworfenes Kind.

Das Meer beleckt die Burgen in der Brandung
und holt die Körner wieder heim ins Reich.
Der alte Mann ist kurz vor seiner Strandung.
Die Adern blau, der Korpus herrlich bleich.

Triskelen sägen Schatten in die Hütten,
obwohl der Kraftwerkschornstein weiter raucht,
Und sehr viele Chinesen-Lungen litten
für Biostrom, den hier kein Mensch mehr braucht.

 

Aus Heimathiebe“ (c) Thomas Manegold 2016

Gewitterdämmerung

Lyrik, ein Jugendleiden?

Philipp Schaab „Gewitterdämmerung“ in der Edition Reimzwang.

Jaja, Lyrik, … Gedanken und Wortkunst von Menschen, die reimen und sich vor Kitsch und Pathos nicht fürchten. Lyrik ist ein Jugendleiden. Würden solche Menschen zu einem Psychiater gehen, der hätte seine helle Freude daran. Vielleicht haben Lyriker deshalb so einen schweren Stand. Keiner versteht sie, und ihre Welt ist nur dann kommerziell auszunutzen, wenn sie sich einweisen lassen.

Ich darf sowas schreiben, ich bin ja ein Betroffener. 🙂 Mit meinem Lyrikband „Himmelsthor“ (und dem Sonettenwerk „Ophelias“ von Georg Milzner) haben wir schließlich diese Periplaneta-Edition eröffnet. Damals.
Es freut mich sehr, dass mein Verlag sieben Jahre später immer noch eine Lyrik Edition hat. Und das man es sich, jenseits aller wirtschaftlicher Vernunft, leistet, das Jahr eben mit einem Lyrikband zu eröffnen. Philipp Schaabs Debüt ist ein Fest für Menschen, die schöne Worte mögen und auch nichts gegen einen Sinn dahinter haben und die dem Weltuntergang durchaus auch etwas Schönens abgewinnen können. Die Bilder zu dem doch eher düsteren Werk hat dann auch passenderweise Marcus Rietzsch beigesteuert.

Toller Jahresauftakt.

PHILIPP SCHAAB: „Gewitterdämmerung – Gedichte über Welt- und Sonnenuntergänge“ Buch, Softcover , 102 S., 19 x13,5 cm, ISBN 978-3-943412-17-8, Edition Reimzwang, GLP: 9,99 € (D). Mit Bildern von Marcus Rietzsch

Noch´n Gedicht

TraumTod

Treuesiegel brechen immer wieder.
Blicke lodern samtweich übers Heer.
Seelenspiegel senken ihre Lider,
tragen ihre Botschaft hin zum Meer.

Klagelieder rufen ferne Winde
zu den Uferstränden dieser Stadt.
Immer wieder türmen sich die Gründe,
hoch hinaus zu fliehen nur, anstatt
zu singen mit dem Chor der Toten
Hymnen an die Nacht, die keiner stört,
statt zu ringen, um für den Despoten
Land zu halten, das ihm nicht gehört.

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Zum Geleit (Leseprobe)

Zum Geleit

„It´s only after we´ve lost everything,
that we´re free to do anything!“
Tyler Durden

Als sie dir die letzte Wahrheit
und das Licht des dritten Auges nahmen,
als sie ihr finales Feindbild,
ihren Sinn des Lebenskrieges fraßen,

zertraten sie mit tönernen Füßen
ihr begehrtes Gut des Hasses,
zermalmten sie mit faulen Zähnen
die letzte friedenstaube Krähe.

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Gegen den Strom

Wir sind gegen den Strom,
gegen Konfrontation,
gegen Empörung
und gegen Verstand,
gegen Denker und Dichter
und Almosenverzichter,
gegen den Biss in die fütternde Hand.

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