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Das ewige Lied über Zensur

Dieser Kelch ist bislang an mir vorübergegangen. Doch jetzt ist er über unser aller Köpfe ausgeleert worden. Dieser Kelch voller Gülle und abgestandenem Sperma. Die Ausgeburt des Dummen. Eine Mischung aus verstümmeltem Schlager, Technobumms und unterirdischen Wortgruppen.

Dabei ist eigentlich nichts passiert, würden sowas nicht Horden besoffener Dumpfbacken ständig zur Nationalhymne ausrufen. Der Hit war, wie viele Hits, einfach nur ein Joke. Im Video ist Layla wohl auch eine Lola, also ein Mann. (In Anlehnung an die Kinks)

Der Mensch neigt dazu, sich zusammenzurotten, sein Hirn zu betäuben und dann zu kopulieren oder zumindest davon zu träumen. „Ficken, Bumsen, Blasen, alles auf dem Rasen“, sangen schon die Toten Hosen. Selbst Freddie Mercury sang darüber, dass die Mädchen mit den dicken Hintern den Rock´n´Roll rundlaufen lassen.

Die Sehnsüchte sind immer die gleichen. Früher wollten untervögelte Männer das Wort Begehren buchstabieren. Heute sind wir nicht mehr so verklemmt, aber auch viel weniger poetisch. Wir können immer noch nicht damit umgehen und wir verbieten anderen, es zu thematisieren, dass wir nicht damit umgehen können. Wir tabuisieren noch immer und stürzen uns hernach wie die Geisteskranken drauf. Wir sind nicht aufgeklärter. Was früher heimlich verschämt ins Taschentuch gewichst wurde, hat man einfach nur hemmungslos verkommerzialisiert. Die letzten, die künstlerisch zum Thema Sex und Trieb etwas ordentliches beitrugen, waren Rammstein. Danach wurde es zappenduster.

Der Mensch liebt die gegenseitige Erniedrigung. Hat er keine Kultur und keine Skills, kann er darüber keine Lieder schreiben und seine Fantasien nicht in Stein meißeln. Dann entkleidet er sich und hält seinen Arsch in die Sonne, bis er rot ist. Und wenn Du sowas wie Freiheit, Dekadenz und Drogen oder eben jenen Kelch mit dem Gülle-Sperma-Gemisch über eine Horde von Affen auskippst, dann endet das nunmal unweigerlich in kultureller Kamikaze: Das Festival der Volksmusik auf Viagra oder kurz: BALLERMANN. Und der wird ab einem gewissen Umsatzvolumen Weltkulturerbe und schwappt auf die Festivals der Volksmusik ohne Viagra.

Ein paar Leute, die solche „Events“ in Deutschland organisieren, können sich das nicht mehr schönsaufen und wollen verbieten, was sie nicht mehr ertragen können. Unsere Multiplikatoren, die „Medien“ bescheren uns den Rest: Plötzlich reden gefühlt alle über die geile Layla. Und über die Frage, ob das Kunst ist oder weg kann oder weg muss. Nein, nein und nochmals: nein!

Es ist einfach, ein Tabu wegen etwas zu brechen, was überhaupt nicht wichtig ist. Wenn ich die Möglichkeit eines Verbots von Inhalten durchsetzen will, beginne ich mit etwas Belanglosem oder mit etwas, was die Menschen mehrheitlich sowieso Scheiße finden. Oder glauben, Scheiße finden zu müssen. Die meisten gesellschaftlichen Verwerfungen wie Zensur, Verbot, Diffamierung, Diskriminierung, Verfolgung, Ausgrenzung … folgen keinem Plan. Es fängt immer klein an und bekommt dann oftmals eine gespenstische Eigendynamik. Und wenn wir anfangen, Sauflieder über Puffmütter zu verbieten, dann könnte das ganz schnell so weit gehen, dass man eben auch die Lieder verbietet, die ich singe. Oder ganze Themenkomplexe im gesellschaftlichen Diskurs ausklammert. Dieses Lied ist vielleicht sexistisch, blöd und frauenverachtend. Das nächste ist kapitalismuskritisch und politikerfeindlich.

Also: „Wehret den Anfängen.“ Und nein, das ist keine Verharmlosung einer Warnung vor der Wiederkehr politischer Verhältnisse. (Das Zitat stammt von OVID … irgendwann um das Jahr 0 … und es ging ursprünglich um die Folgen des Sich-Verliebens …) Hier gehts nicht um die Gleichsetzung von unterschiedlichen und zum Teil ungleich schlimmeren Ereignissen, sondern darum, dass es immer das gleiche Prinzip ist.

Und wenn jemand auf der Basis von Hausrecht es nicht dulden will, dass sich Menschen so oder so verhalten, darf er das natürlich. Nur muss er sich bei der Bewertung der musikalischen Untermalung solcher „Events“ fragen, ob es kommerziell sinnvoll ist, da ein gewisses Niveau einzufordern.

Gefährlich ist die Vermischung einer inhaltlichen Diskussion mit der Diskussion über das Verbot an sich. „Soll das Lied verboten werden oder ist es nur ein Partylied?“ Zwei Mal ganz klar: Nein. Eine Zensur findet nicht statt. Lieder verbieten hat noch nie funktioniert. Auch wenn es nicht nur ein Partylied wäre, sollte es nicht verboten werden. Und überhaupt: Es wird vielleicht auf Partys gespielt, aber das ist doch kein Lied! Weniger als erbärmlich (was ja ein Synonym für bemitleidenswert ist.) Man könnte ihm unterstellen, dass es frauenverachtend ist und Prostitution glorifiziert. Aber soviel inhaltliche Substanz sehe ich da nicht. Früher brauchte es für so ein Urteil Inhalte.

Aber man kann sich schon mal fragen, was mit diesen unfassbar vielen Leuten nicht stimmt, die sowas abfeiern. Und warum Schlagerfazken in den letzten Jahren ihrer Karriere mehr Geld mit der Zurschaustellung ihres Alkoholproblems machen, als in ihrem ganzen Leben zuvor. Warum Horden von Menschen, die jahrzehntelang Kultur und Bildung schutzlos ausgesetzt waren, einer bedirndelten Blondine zujubeln, die ihnen ins Gesicht lügt, dass sie die Geilsten sind.

Es ist nun wirklich nicht neu, das der Mensch dazu neigt, sobald man ihn von der Kette lässt, abzuschalten, dass er gern über sexuelle Handlungen redet und singt – und wenn er es nicht hinkriegt, das mit dem Sex, dem Reden oder dem Singen, gerne zuhört oder zuschaut, wenn das andere machen, und dafür mitunter sehr viel Geld ausgibt.

Aber es ist schon offensichtlich, dass wir von der Verklemmtheit der Fünfziger hin zu einer Gesellschaft von sexuell freien und selbstbestimmten Menschen irgendwann mal falsch abgebogen sind. Wir haben immer noch ein kollektives Problem mit Toleranz und multikulturellem Miteinander, eine ewige Diskussion über sexuelle Orientierungen – und wir haben Ballermann. Und übrigens auch Vorbestraften-Sprechgesangskünstler, bei denen junge Frauen Schlange stehen, um sich auf der Bühne mit dem Bühnenhandtuch den Hintern versohlen zu lassen. Wir haben Verkupplungsshows, Dschungelcamps und Akteure, deren Hemmschwelle, deren Schamgefühl und deren Niveau sich gemeinsam mit dem Hosenbund auf Kniehöhe verabschiedet haben.

Ich würde eine Deutschlandtour organisieren. „Ballermann Hits“. Große Hallen. Jedes Kaff. Und alle, die kommen und mitsingen, würde ich nach der Tour abholen lassen, sterilisieren und in Lager stecken, weit, weit weg, dort, wo der Permafrostboden gerade auftaut. Jeden Morgen gehts in so eine Mischung aus Melkkarussell und Bolzenschussanlage zur Zwangspenetration, während dieses Lied läuft, was ich jetzt nicht mehr aus dem Kopf bekomme. (Das hat jetzt schon was Kafkaeskes, oder?)

Man könnte das auch noch auf bestimmte Radiosender ausdehnen. Die Alexas dieses Landes abfragen, was für Musik die alle so freiwillig hören. Und alles, was in meinen Ohren entartet ist, wird ebenfalls interniert.

Die Mieten würden fallen, es gäbe keine Staus mehr auf den Autobahnen und die Züge wären nicht mehr so voll. Es wäre friedlich und die Musikanten, die Comedians und Poetryslammer würden sich endlich wieder Mühe geben. Aber so funktioniert das halt nicht in einer Gesellschaft. Und so stehts wohl auch nicht im Grundgesetz.

P.S.: Naja, vielleicht war es ja auch nur eine extrem geile Marketingidee, auf die alle außer mir reingefallen sind. Meiner Bücher gibt es hier. Vielleicht taugt ja das eine oder andere für einen handfesten Skandal.

Gehört: „Du darfst nicht alles glauben, was du denkst“ von Kurt Krömer

Trigger: Kurt Krömers „Coming Out“ hat mich an mehreren Stellen ziemlich aufgeregt. Es funktioniert vielleicht als Lebensbeichte und als Tatsachenbericht. Aber nicht als Ratgeber. Auch dann nicht, wenn es ganz offensichtlich versucht, Ratschläge zu geben. Es basiert zudem auf den Notizen, die der Autor sich als Patient gemacht hat, so wie andere Patienten auch und das merkt man dem Buch an.

Kurt Krömer kreidet u.a. die Zweiklassenmedizin an, plädiert für ein System, in dem alle einkommensabhängig einzahlen müssen, verlässt aber selbst die Künstlersozialkasse, die genau so ein System ist, und wird Privatpatient. Er ist ein Alleinerziehender, der Oma und Nanny im eigenen Haus hat. Bekommt im Gegensatz zu den meisten anderen Betroffenen nicht nur die Arzttermine und Tagesklinikplätze, die er braucht, zu den Terminen, die ihn in den Kram passen, sondern auch die, die seine Hypochondrie einfordert. Wer hat noch einen Urologen, mit dem er sein kaputtes Leben besprechen kann?

Somit taugt „Du darfst nicht alles glauben, was du denkst“ als Ratgeber oder Spiegel nur für die Depressiven seiner Einkommensklasse. Eine ganz sicher ungewollte unterschwellige Botschaft des Buches ist „Depressionen muss man sich leisten können“. Ich halte in dieser Problematik aber für wesentlich, dass die meisten Betroffenen neben dem Leidensdruck auch massive existenzielle Probleme und reale Ängste haben, während sich Kurt Krömer in seiner Depression mit Angststörungen herumschlägt.

Ich kann mir das alles auch nur einbilden. Will hier auch keine Neiddebatte beginnen oder Kritik an derlei Lebensentwürfen äußern. Ich halte den beschriebenen Werdegang für beeindruckend, auch Krömers Offenheit verdient Respekt, nur impliziert der Titel und der Medienrummel etwas, dass dieses Buch halt nicht ist. Es ist nunmal überhaupt nicht repräsentativ. Die Masse derer, die das nicht aus Voyeurismus konsumieren und Parallelen zu ihren Leben und Leiden suchen, werden sie nicht finden. Es ist ein Unterschied, ob man sich gegen Honorar auf Bühnen abfackelt oder an der Welt verzweifelt. Dafür kann Kurt Krömer nix. Es ist halt sein Leben. Und sein depressiv sein. Und nicht das der anderen. Er gestattet uns Einblicke in das Leben, Lieben und Leiden eines Künstlers, eines Menschen mit „Vollmeise“.

Und vielleicht ist es auch ein Segen, dass Menschen wie Krömer und Sträter das Thema aufmachen. Trotzdem musste ich an einigen Stellen die Stirn einfalten und den Kopf schütteln. Vielleicht ist das ja auch Parkinson. Ich sollte mal zum Arzt. … Wann … September …. ja, ok … was? … ach, 2023 … hmm.

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