Thomas Manegold - Der Schläfer in der Stadt (c) periplaneta 2014 - All rights reserved

CORONA TAGEBUCH – Eintrag 2

„Mama?“, fragt der Kleine den Papa.
„Die Mama muss arbeiten. Die überlegt, wo wir Geld herbekommen.“
„Kita?“, fragt der Kleine den Papa.
„Nein, die Kita hat Ferien, die ist geschlossen.“ Für meinen Sohn wird wohl in der Grundschule der Begriff Ferien negativ belegt sein. Was jetzt nicht schlecht sein muss.
Dann zählt er noch die Vornamen derer auf, die er mit Vornamen kennt und die er seit über einer Woche nicht gesehen hat. Ich muss nicht antworten, weil wir gerade angekommen sind. Wir stehen vor der einzigen noch verbliebenen Wiese in unserem Distrikt, auf der wir regelkonform Ballspielen dürfen.

Der hier Schreibende wohnt am Rande von Berlin Prenzlauer Berg, einem Ort mit einer außergewöhnlich hohen Kinderdichte. Die sind eigentlich nicht das Problem. Aber es gibt hier naturgemäß auch viele Eltern und demzufolge Spannungen mit Menschen, die weder Kinder noch Eltern sind. Wie die meisten, die sich darüber lustig machten, ist auch er in den Augen der Anderen jetzt einer der Schlimmsten, also ein guter Vater. Er fragt sich immer, wenn diesbezügliches Erstaunen geäußert wird, was die Menschen denn erwartet hätten, wenn er Papa werden würde. Dass er seinem Sohn aus „Fight Club“ zitiert? Das ist doch vollkommen absurd.

Weiterlesen „CORONA TAGEBUCH – Eintrag 2“

Thomas Manegold - Der Schläfer in der Stadt (c) periplaneta 2014 - All rights reserved

Tag 0

„Aaah, tut das weh, ich glaube es geht los“
Sie sitzt mit versteinertem Gesicht, sich den riesigen Bauch haltend in der Küche und starrt auf eine analoge Eieruhr. Ich sehe sie skeptisch an.
„Ich teste nur, ob die Wehen schon alle fünf Minuten kommen“, sagt sie vollkommen ruhig. „Weil, wenn sie nicht wirklich alle fünf MInuten kommen, schicken sie mich wieder heim.“
„Darf ich ein Taxi rufen, oder willst Du mit der Tram fahren?“
„Mit dem Fahrrad, dass geht schon noch. Ahhh!“
Ich nutze die wehenbedingte temporäre Unzurechnungsfähigkeit und entscheide mich für das Taxi.
„Wir können uns das doch nicht l…. Aahhh.“
Das waren die kürzesten fünf Minuten meines Lebens.

Nach gefühlt einer Stunde haben wir endlich die einhundertundsechs Stufen aus dem fünften Stock überwunden.
Das Taxi ist nicht nicht da.
„Ahhhh….“ höre ich sie rufen, während die Taxizentrale am Telefon etwas von 5 Minuten faselt. Es sind die längsten 5 Minuten meines Lebens … Weiterlesen „Tag 0“