Gedenken an meine Mutter

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„Unsere Mutter, Oma und Ehefrau Runfrid Reichelt hat uns nach einem Unfall verlassen. Die Trauer und Bestürzung sind immer noch groß. Ich bitte Sie, ein bisschen loszulassen. Weinen ist auf solchen Feiern erlaubt. Und auch alles andere, was im Sinne der Verstorbenen ist.

Sie hatte einen Fahrradunfall. Trotz Rettungshubschrauber und sofortiger Versorgung konnte ihr niemand helfen. Niemand ist schuld. Es ist einfach passiert. Ich könnte Ihnen jetzt erzählen, warum das für alle so schrecklich ist, weil nämlich unser Gehirn mit Zufällen nicht klarkommt. Deshalb bemüht es nur allzu gern Überirdisches, Schuld und Schicksal, wenn nichts anderes eine Erklärung liefert.

Darum geht es aber heute nicht. Es geht weder um ihren Tod noch um meinen Schmerz. Es geht um das Weiterleben der lieben Runfrid. Wir haben uns heute hier versammelt, um ihrer zu gedenken. Und vielleicht in der Erinnerung an sie Kraft und Trost zu finden. Ich bin ihr erstgeborener Sohn.

Runfrid Reichelt wurde am 13. Mai 1946 in Zeitz geboren. Der Krieg war zu Ende und der Winter 45/46 hart und entbehrungsreich gewesen. Runfrid hatte bei der Aufzucht und Pflege ihrer vielen Geschwister mitzuhelfen. Ich war also nicht das erste Kind, was sie großgezogen hat. Und so war, aus heutiger Sicht, ihre Kindheit und Jugend eine sehr Schwere gewesen. Eine Erinnerung in schwarz-weiß in rußgeschwärzten Wohnblocks einer mitteldeutschen Industriestadt. Auch unsere erste Zeit in Saalfeld war schwierig, denn Ende der 1960er Jahre hatten es alleinerziehende Mütter und deren Kinder noch ziemlich schwer.

Mich hat sie mit 22 geboren, da war sie Telefonistin, später Schaltwart bei der Post, wo sie auch Helmut kennenlernte. Dann hat sie als Fernmeldetechnikerin bei der Energieversorgung Saalfeld gearbeitet. 
1971 heirateten Runfrid und Helmut und unsere kleine Familie zog in die Dachwohnung des Postgebäudes zu Bad Blankenburg ein. Hier arbeitete sie am Ende ihrer beruflichen Laufbahn als Schalterangestellte in der Post, so wie sie viele Blankenburger wohl auch noch in Erinnerung haben. Und parallel dazu war sie immer der Mittelpunkt einer verstreuten und manchmal auch streitenden Familie. Was sich auch in ihrem Namen spiegelt: Run Frid ist ein altschwedischer Name – RUN bedeutet Geheimnis, Magie, Geheimwissen. Und FRID bedeutet Frieden und Freundschaft.

Runfrid tat alles, um eine gute Hausfrau und Mutter zu sein. Sie zog drei Söhne groß, die es ihr und ihrem Bedürfnis nach einer intakten Familie nicht leicht machten. Der eine Sohn, weil er leider niemals allein im Leben zurechtkommen wird – und die anderen beiden, weil sie unbedingt allein zurechtkommen wollten. Jeder auf seine Art.

Ich wagte mich, mit großer theatralischer Geste, in die Welt hinaus. Natürlich ergaben sich dadurch Konflikte, jedoch konnte ich mich immer und überall auf sie verlassen. Mutter stand immer hinter mir, sie hat mich beschützt, so gut sie konnte und mich unterstützt, auch wenn sie manchmal nicht nachvollziehen konnte, was ich da gerade verzapfte. Wie auch … oftmals hab ich mich ja selbst nicht verstanden.

Die Zeit der sogenannten Wende ging auch an unserer Familie nicht spurlos vorüber. Für uns DDR-Kinder brachen Werte-Gebäude zusammen. Und wir mussten alle lernen, in einer neuen Welt zurechtzukommen. Meine Mutter verstand es aber, gemeinsam mit Helmut, eine der unbestrittenen Annehmlichkeiten der neuen Freiheit zu nutzen: Sie reisten.

Ich erinnere mich noch an mein persönliches Wunder mit den beiden, als ich 2001 einen Ägypten-Urlaub unternahm und plötzlich, ohne dass ich vorher irgendwas davon wusste, inmitten in der Wüste bei Luxor meine Eltern stehen sah.
Wir sind uns also tatsächlich in Ägypten zufällig über den Weg gelaufen.

Ihre schönste Reise war aber die nach Afrika, nach Kenia. Hier blühte Runfrid auf – beim Beobachten wilder Tiere und sie verliebte sich in die Güte und Erhabenheit der Elefanten.“

„Oh Mutter, wenn Du mich hören kannst, der Regen kommt, bring die Herde nach Hause …“

„Um mich herum ist die Welt mehrere Male eingestürzt. Meine Mutter aber blieb. Fels in der Brandung. Egal, was passierte. Und über ihr Muttersein hinaus half Runfrid auch den anderen, wo sie konnte. Sie engagierte sich in der Arbeiterwohlfahrt Bad Blankenburg als Leihgroßmutter und begleitete Senioren durch ihren Lebensabend beim Herbstzeitlosen-Projekt. Ab 2001 war sie Schatzmeister im Gartenverein Reinsteig. Und am 25.08. 2006 ging bei Runfrid dann der Traum einer jeden Mutter in Erfüllung. Ihre Enkelin Miriam wurde geboren. Runfrid wurde Oma.

Ich erinnere mich an meinen ersten Schultag, daran, wie sie mit mir Hausaufgaben gemacht hat. Oder ihr wissendes Lächeln, als ich sie mit 14 das erste Mal fragte, ob ich Sonntag in die Disko darf. Wie sie sich aufopfernd um mich sorgte, als es mir schlecht ging – und wie sie das erste Mal auf einer meiner Lesungen war.

Ich kenne meine Mutter als ständig arbeitenden, fürsorglichen Menschen, der keine fünf Minuten stillsitzen konnte. Es ging eigentlich immer nur um die anderen, nie um sie. Ihre Leiden, ihre Krankheiten, ihre Sorgen und Sehnsüchte behielt sie weitesgehend für sich.

Sie hat sich pausenlos gekümmert und gern Dinge wachsen sehen. Stricken war eines ihrer Hobbys. Ihre Jacken, Mützen und Schals wärmen auch im nächsten Winter nicht nur ihre Kinder. Ohne es zu wissen, war meine Mutter durch und durch ein humanistischer Mensch. Sie hat uns allumfassend nach unserer Fasson wachsen und denken lassen. Immer an das Gute im Menschen geglaubt und jeden Menschen vorbehaltlos mit offenen Armen empfangen. Egal wen ich angeschleppt habe. Sie waren alle willkommen.

Ihr extremes Harmoniebedürfnis hat mich manchmal wütend gemacht, denn Konflikte konnte man mit ihr nicht austragen. Sie hat Diskussionen entweder abgebrochen oder weggekuschelt. Was ja auch der Grund ist, dass selbst ich, ihr Ältester, eigentlich sehr wenig über sie weiß.

Und so ist es nun an euch oder an Ihnen, etwas zur Ewigkeit beizutragen. Sicherlich werden einige Menschen hiersitzen, die an eine überirdische Instanz und an ein Leben nach dem Tod glauben. Ich bin mir sicher, dass es ihr dort, wenn es denn ein dort gibt, sehr gut geht.
Was ich weiß ist, dass sie im Hier und Jetzt nur durch die Kraft gegenwärtiger menschlicher Existenz weiterlebt, in dem was sie erschaffen hat – und in dem, woran wir uns erinnern. Der menschliche Geist überschätzt sich zumeist, wenn es um seine eigene Wichtigkeit geht. Weil er sich gern um sich selbst dreht. Geht es aber darum, die Welt so zu malen, so zu bauen, wie sie uns gefällt, werden wir klein und bescheiden – und verlassen uns nur allzugerne auf Könige, Gaukler und die Traumfabriken dieser Welt, anstatt uns selbst zu vertrauen.
Also, erinnern Sie sich bitte an Runfrid, wie sie war. Erinnern Sie sich bitte in Freude. Denken Sie an die schönen Dinge, die Sie mit ihr erlebt haben oder die sie hinterlassen hat. Mehr Ewigkeit geht nicht. Der Tod gibt dem Leben einen Sinn, weil er es endlich macht – und ich denke, das unsere Mutter ein sehr erfülltes Leben gelebt hat.
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit und – im Namen der gesamten Familie – für die Anteilnahme.“

ToM

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1 Kommentar zu „Gedenken an meine Mutter“

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