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Thomas Manegold - Der Schläfer in der Stadt (c) periplaneta 2014 - All rights reserved

2011 habe ich mich sehr viel mit dem Infotainment verschiedener Webseiten beschäftigt und mal wieder Nachrichten geschaut, weil ich glaubte, dass es zu meinem „Job“ dazugehört. Das kollektive Vergessen ist allgegenwärtig. So eine Art Highspeedalzheimer. Der Mensch hat nur ein paar RAM-Slots und keine Festplatte im Hirn. Zu schnell drücken die Medien immer neue Ereignisse in unsere Wahrnehmung. Erdbeben, Vireninfektion, Krieg, Mord, Sexskandale und Castingshows fordern im Schnelldurchlauf unsere Aufmerksamkeit.  Und nichts bleibt wirklich hängen.

Thomas Manegold 2011

Dabei fing alles so super an.
Am 1. Januar wird MTV ein PayTV Sender. Mit Musik hatte das ja nur noch am Rande zu tun und jetzt müssen diejenigen, die den Schwachsinn gucken wollen, wenigstens dafür zahlen. Und auch das Massensterben durch Fremdeinwirkung hält sich in Grenzen. Lediglich 21 Christen, die in Ägypten bei einem Anschlag umkommen und 77 Flugabsturzopfer schaffen es im Januar in die Nachrichten. Sexueller Missbrauch von Kindern wird durch eine endlose Debatte und durch zahlreiche verbale Entgleisungen des Kirchenoberhaupts endgültig zum Synonym für Katholizismus. Und Griechenland ist pleite.

Im Februar tritt Mubarak zurück und Gary Moore stirbt. Außerdem kommen bei der Erstürmung einer Bankfiliale durch die Taliban mindestens 38 Menschen ums Leben und mehr als 71 weitere werden verletzt. In Neuseeland sterben 200 Menschen bei einem Erdbeben. Und Martin Kaymer wird neuer Weltranglistenerster im Herrengolf. Das wichtigste Ereignis aber ist eine Bombe, die in den akademisch geadelten Hirnen einschlägt, nämlich die unabsehbaren Folgen einer explosiven Mischung technologischer Entwicklungen. Die Kombination aus Internet und Volltextsuche bringt die Welt in den Genuss, sämtliche wissenschaftliche und nichtwissenschaftliche Verlautbarungen auf ihre Inspirationen hin abklopfen zu können, auch wenn diese noch so gut kaschiert sind. Es erwischt aber nur leidlich prominente Abschreiber, die viele Menschen nicht ausstehen können, denn niemand würde sich die Arbeit machen, Plagiatoren zu denunzieren, ohne dabei auf öffentliches Interesse zu stoßen oder zumindest seine Schadenfreude zu füttern. So kommen eine Politikerin und ein Politiker zu Fall und die Tochter eines ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten – sowie eine Minderjährige, die ihre sexuellen Fantasien aus einem Blog abgeschrieben hatte. Die Minderjährige bekommt trotzdem einen Literaturpreis. Die Politiker bekommen Ärger. Allerdings nicht aus den eigenen Reihen. Da zittert ja jeder, dass er selbst nicht erwischt wird. Spätestens als „guttenbergen“ als Synonym für „abschreiben“ in die deutsche Sprache einzieht, ist unser Verteidigungsminister vorzeitig in der Unsterblichkeit angekommen.

Im März tritt Karl Theodor zu Guttenberg zurück und verzieht sich etwas später ins Land der Dicken und Blender – Und mit Liz Taylor stirbt nach Cleopatra nun auch die letzte Schnittvorlage der Schönheitschirurgen Michael Jacksons. Bei zwei Bombenanschlägen der Taliban kommen in Pakistan über 50 Menschen ums Leben und über 200 werden verletzt. In der Nähe von Japan bebt die Erde und der darauf folgende Tsunami zerstört neben dem halben Land auch ein Atomkraftwerk, das seitdem durch die Gegend strahlt. Wieviele Menschen dabei ums Leben kommen, kann man schwer sagen, da einige immer noch sterben. Aber ausgerechnet dieser Störfall lässt unsere Bundeskanzlerin ihre Atompolitik überdenken. Frau Merkel hängt ihr Fähnchen in den neuen Öko- Wind. Richtige Entscheidung, den das Volk war schon ganz grün vor Angst. Und Frau Merkel hat Respekt, nicht vorm Volk, sondern vor dieser Angst. Der Kurs wird deshalb etwas später an den Betroffenheitsstand der Bevölkerung angeglichen – mit einem „Richtungskompass“. Mit diesem Wort, das parteiübergreifend sofort inflationär und güllegleich aus den Sprachrohren unseres Volkes in die Analen fließt, toppt die Schwurbelastin sogar noch ihre einstige Lieblingsformulierung „alternativlos“.

Im April heult ganz Europa vor dem Fernseher, weil Kate und Prinz William heiraten. Bei erneuten Protesten gegen die Regierung kommen in Syrien mindestens 30 Menschen ums Leben. Guido Westerwelle gibt all seine Ämter ab und darf zum Dank weiter als Außenminister auf Staatskosten durch die Gegend reisen. Sony trauert um die persönlichen Daten von insgesamt 95 Millionen Nutzern ihrer Spiele- und Filmangebote. Allein von diesen Hackerangriffen, die von der Anonymous- Bewegung angekündigt wurden,  sind demnach 10 mal mehr Menschen betroffen, als von der Hungerkrise am Horn von Afrika. Und Portugal ist pleite und bekommt für diese Selbsterkenntnis 80 Milliarden Euro.

Im Mai stirbt Osama Bin Laden an einer Bleivergiftung und Pietro Lombardi gewinnt die Casting Show „Deutschland sucht den Superstar“. Bei einem Selbstmordanschlag kommen im Irak mindestens 21 Menschen ums Leben und mehr als 70 weitere werden verletzt. Kretschmann wird erster grüner Ministerpräsident – wegen der Angst vor der Atomkraft, aber auch wegen eines umstrittenen Bahnhofs, den die Schwaben nicht haben wollen. Etwas später werden sie ihrem Ministerpräsident aber in einer Abstimmung mitteilen, dass er diesen Bahnhof nun doch bauen soll. Die einzigen, die dann noch dagegen zu sein scheinen, sind eine Horde Käfer. Am 31. Mai wird der Wettermoderator Kachelmann freigesprochen, was aber den Sommer nicht retten wird.

Im Juni kommen bei Überflutungen nach starken Regenfällen im Süden Chinas mindestens 52 Menschen ums Leben. Auch Amy Winehouse stirbt an zu viel Flüssigkeit- und einige Menschen in Europa an EHEC. Deshalb gehen auch ein paar Bauern pleite und die EU zahlt rund 210 Millionen Euro an die Bauern, weil kein Mensch mehr ihre Gurken essen will. Auch Deutschland droht eine Hungersnot. Denn Obst und Gemüse geraten unter Generalverdacht und der Rest unserer Nahrungsmittel könnte ja aus Japan kommen und verstrahlt sein.

Im Juli sterben 80 Norweger wegen eines Verrückten, den man aber nicht zur Verantwortung ziehen kann, weil er verrückt ist. Bei einer Militäroffensive der Armee gegen Aufständische kommen in Syrien mindestens 80 Menschen ums Leben. Die Eurostaaten beschließen ein zweites Hilfspaket für Griechenland in Höhe von 109 Milliarden Euro. In Berlin brennen nachts ständig irgendwelche Autos. Die Linksautonome Szene wird ebenso beschuldigt wie der Bürgermeister, weil der vorher ganz viele Polizisten entlassen hatte, die beim Löschen hätten helfen können.

Im August stirbt mit Loriot der letzte Humorist. Ab sofort gibt’s nur noch Comedians. Bei einer Anschlagsserie auf etwa ein Dutzend Städte kommen im Irak mindestens 60 Menschen ums Leben und mehr als 230 weitere werden verletzt. In England rebelliert die Jugend. Haut Polizisten und macht den Besitz fremder Menschen kaputt. Das kann man ja irgendwie verstehen. Aber dass sie die Läden erst ausräumen, bevor sie sie anzünden, das ist einfach nur peinlich… Unterdessen bahnt sich in Afrika eine Hungerkatastrophe an… also die Hungerkatastrophe bahnt sich ihren Weg durch die Medien, als verschiedene Hilfsorganisationen die notwenidgen Mittel, um den hungernden und von Seuchen bedrohten Menschen in Somalia und den Nachbarländern zu helfen, auf sage und schreibe 2 Milliarden Euro beziffern. Bis zum 26. Juli 2011 werden 1 Milliarde US-Dollar Hilfe geleistet, damit fehlt laut der Organisation 1 Milliarde Dollar. Die größten Geber sind die Vereinigten Staaten (448 Millionen), die Europäische Kommission (167 Millionen) und Japan (90 Millionen). Deutschland liegt mit 13 Millionen auf dem 12. Platz der Geber. Beim Eurovisionscontest im Mai waren wir noch auf Platz 10. Die USA wendet in letzter Minute ihre Staatspleite ab, indem sie die Schuldengrenze UM 2,1 Billionen US Dollar anhebt. Sie beschließen also einfach, dass sie von dem Geld, was sie nicht haben, 2,1 Billionen mehr ausgeben dürfen. Eine Billion ist eine eins mit zwölf Nullen, ohne Kommastellen. Also eine Million Millionen. Die Gelddruckmaschinen laufen weltweit heiß.

Im September löst sich R.E.M. auf. Bei einem Bombenanschlag einer islamistischen Terrorgruppe vor einem Gerichtsgebäude kommen in Indien mindestens elf Menschen ums Leben. Derweil stellen sich die potentiellen Herausforderer des ergrauten, friedensnobelbepreisten US-Präsidenten auf den Laufsteg und beschwören ein Revival von Mittelalter, Inquisition und Kreuzzug. Und keiner marschiert ein oder kommt dem verarmten, behinderten Volk zu Hilfe… Ihr Verfall hat dieser besternten und gestreiften Nation keine Erkenntnisse beschert. Stattdessen schmeißen sie 10 Jahre nach dem spektakulärsten Hochhausabriss noch einmal alles in die Waagschale, was sie an Selbstinszenierung, Pathos und Kitsch aufbringen konnten. Seit „10 Years After 9/11“ gibt es nicht nur schlechte und gute Tote. In der Bewertung von Leid und Elend bringen wir mittlerweile ein ganzes Geflecht von Betroffenheitskategorien auf. Angst, Armut, Inquisition. Alles mittlerweile 2.0 – als globalisierte Variante. Der Bundestag stimmt der Ausweitung des Euro-Rettungsfonds EFSF mit deutlicher Mehrheit zu. Im Jackpot sind Pi mal Daumen 500 Milliarden, Tendenz steigend. Der Papst und drei weitere Spitzenvertreter der Katholischen Kirche werden beim Internationalen Gerichtshof in Den Haag wegen 10.000-fachen sexuellen Missbrauchs von Kindern und Vertuschung angezeigt.  Papa Ratzi kommt wahrscheinlich auf Kaution frei, jettet nach Deutschland und ruft zwar nicht in, sondern mit seiner Rede im Reichstag den neuen Gottesstaat aus. Vergeblich, Gott sei dank. Das nächste Erdbeben findet überraschend in Deutschland statt: Bei den Wahlen in Berlin bekommt die Piratenpartei 8,9 % der Wählerstimmen, die NPD 2,1%  und die FDP 1,8 %.  Und ein Mensch wird in Berlin verhaftet, der sich benachteiligt fühlte und frustriert war. Seitdem brennen keine Autos mehr.

Im Oktober stirbt Apple Chef Steve Jobs an Krebs oder an alternativen Heilmethoden. Und Libyen-Chef Gadaffi – wahrscheinlich eines natürlichen Todes. In Libyen sind vorher noch ein paar andere gestorben, aber die kannte keiner. Anfang Oktober erneuerte die UNICEF den Appell an die Weltöffentlichkeit, den hungernden Kindern in Afrika zu helfen. Vier Millionen Kinder seien von der Hungersnot betroffen. Mehrere zehntausend Menschen seien in den vergangenen Monaten bereits gestorben. Aber im Oktober wird endlich auch jemand geboren: Danica May Camacho. Die Eltern freuen sich. Der Rest findet es Scheiße. Danica ist der siebenmilliardste Mensch auf der Erde. Sieben Milliarden sind definitiv zu viel. Das ist eine große symbolische Last. Währe Steve Jobs später gestorben, dann würde diese Last wohl irgend ein Junge in China tragen müssen. Dania wird auf den Philipinen aufwachsen und sich wahrscheinlich kein iPad kaufen. Sebastian Vettel wird vorzeitig Weltmeister in der Formel 1. Griechenland hat schon wieder alles ausgegeben und braucht nochmal 444 Milliarden Euro. Die Staaten Europas schmeißen die Farbkopierer an und schaffen es gerade noch so, das Geld zusammenzubekommen. Dann will der Obergrieche aber erstmal sein Volk fragen, ob sie die Kohle überhaupt haben wollen.

Im November stirbt der Liedermacher Ludwig Hirsch und Mafiaboss Berlusconi tritt zurück. Freiwillig. Das kann nur eines bedeuten: Italien ist auch pleite. Bei einer Explosion in einer Militärbasis kommen im Iran mindestens 17 Menschen ums Leben. Papandreou muss auch gehen, denn seine Volksbefragung würde nicht das gewünschte Ergebnis bringen. Deshalb darf sie auch nicht stattfinden. Die Griechen müssen das Geld nehmen, schließlich ist es ja schon gedruckt. Und immer noch diskutieren alle wild durcheinander. Und haben brav Angst vor Turbulenzen auf dem Finanzmarkt, egal, ob sie Aktien besitzen oder nicht, haben Angst vor Amokläufern und Bombenlegern, lassen sich deshalb in Körperöffnungen fassen, wenn sie ein Flugzeug besteigen wollen… Die Europäische Zentralbank zieht Bilanz: Sie hat Schulden von Griechenland, Portugal, Irland, Spanien und Italien im Nennwert von 195 Milliarden Euro aufgekauft, damit sie niemand mehr einfordern kann. Und sie hat sich ein Ankauflimit gesetzt. Dies betrage laut FAZ  20 Milliarden Euro – pro Woche. Der November in Deutschland ist der trockenste alle Zeiten. Aber nicht Jörg Kachelmann startet ein Comebackversuch, sondern zu Guttenberg, der aber schnell einen Posten als Internetbeauftragter im politischen Endlager der europäischen Machthaber bekommt. Dort wird er mit Frau noch-Dr. Koch-Mehrin und Plagiatorinnenpapa und Bürokratieterminator Edmund Stoiber dem Empfang für Guido Westerwelle vorbereiten, weil den als Hotelzimmermädchen keiner haben will. Die „Occupy“ Protestbewegung in den USA hat endlich ein Feindbild. Es ist John Pike, ein Polizist, der vor laufender Kamera  friedlich protestierende Studenten in Pfefferspray badete und durch zahlreiche Fotomontagen im Internet zum Gespött der ganzen Welt gemacht wurde.

Im Dezember stirbt Christa Wolf und Putin wählt sich wieder zum russischen Zaren. Bei einem Amoklauf in Belgien kommen mindestens sechs Menschen ums Leben und mehr als 124 weitere werden verletzt. Die Griechen haben die 444 Milliarden, die sie nicht wollten, komplett auf den Kopf gehauen und sind schon wieder pleite. Griechenland soll Pi mal Daumen die Hälfte der Schulden erlassen werden, allerdings zu Bedingungen, die Griechenland ablehnt. Die niederländische katholische Kirche hat ihr Coming Out. Sie gibt 10000 Fälle sexuellen Missbrauchs an Kindern bekannt. Der fränkische Rentner Adolf B. muss wegen einvernehmlichen Inzest drei Jahre ins Gefängnis. Kim Jong Il stirbt und bestimmt seinen 28jährigen, übergewichtigen Sohn zum Großen Nachfolger. Die Deutschen haben endlich eine Antwort auf die „Occupy“ Bewegung. Sie lassen durch Handyabstimmung einen Polizisten namens David Pfeffer die Show „X-Faktor“ gewinnen.

Das Jahr ist zu Ende und hat irgendwie gar nicht richtig angefangen. Zum Glück gibt es Sendungen, wie Dieter Nuhrs Jahresrückblick und „Menschen 2011“, die uns einen Überblick verschaffen, was alles Wichtiges passiert ist. Ich werde am 31.12. 2011 erst einmal meine Firefox-Lesezeichenleiste löschen. Und dann freue ich mich auf ein gesundes, neues und vielleicht etwas wahrhaftigeres Jahr – mit weniger Glauben, mehr Wissen und mit vielen schlauen Menschen, die nichts mehr glauben, außer das, was sie gesehen oder selber gefälscht haben.

ToM

(Quellen für die zusammengereihten Ereignisse: Wikipedia, Reuters, Ntv und Spiegel Online)
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Autor: Thomas Manegold

Autor, Künstler, Mediengestalter, Periplanetaner

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